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polar #11: Sicherheit




EDITORIAL

 

Peter Siller, Bertram Keller

Editorial


Liebe Leserin, Lieber Leser,

»Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt in der nichts sicher scheint« singen die Chart-Breaker Silbermond und treffen damit den Zeitgeist. Während früher »Wagnis« und »Risiko« die Zauberworte waren, so scheint es heute gerade der Schutz vor den Risiken der Welt zu sein, der schon die Jugend umtreibt. Vom Rest ganz zu schweigen. Entsprechend sehen etwa die Goldenen Zitronen in Silbermond »die unwidersprochene Speerspitze des popkulturell verhandelten Sicherheits-Dispositivs«. polar geht diesem neuen Sicherheitsbegehren in seiner neuen Ausgabe nach.

Sicherheit war bislang die Leitmelodie der Konservativen. Heute vernimmt man das Leiden an Flexibilisierung und Mobilisierung auf allen Seiten. »Lebe wild und gefährlich« - das war einmal. Unter dem Eindruck von Prekarisierung und De¬solidarisierung, Terrorgefahr und Arbeitswandel, Finanzkrise und Klimazerstörung hat sich die Matrix verschoben. In einer entsicherten Welt wächst die Nachfrage nach Stabilität. Angst scheint der Ratgeber der Stunde. Ein guter Ratgeber?

Wenn wir über Sicherheit reden, reden wir auch über Freiheit. Freiheit kann Sicherheit gefährden, aber gelebte Freiheit setzt Sicherheit voraus. Frei ist nur, wer Wahlmöglichkeiten hat. Und wer hinfällt muss auch wieder aufstehen können. Freiheit heißt auch, Bindungen einzugehen, sich festzulegen. Was geschieht eigentlich unter dem neuen Sicherheits-Dispositiv mit unseren Wünschen nach Selbstbestimmung und Emanzipation? Was mit unserer Vorstellung von Arbeit?

polar geht diesem schwierigen Zusammenhang in seiner 11. Ausgabe nach. Es geht um das Widerspiel von Sicherheit und Risiko mit Blick auf alle Lebensbereiche. Ein Heft über innere und äußere Sicherheit, über Sozialstaat, Casino-Kapitalismus und eine Politik der Angst.

Eröffnet wird das Heft mit dem Versuch einer Verhältnisbestimmung zwischen Sicherheit und Freiheit. (Münkler, S. 9). In seiner begrifflich literarischen Nachzeichnung von securitas als Paradox von Sorge und Sicherheit verweist uns John T. Hamilton (S. 21) auf die Frage der Lebensführung, die als grundsätzliche Verknüpfung von Sicherheit mit der Vorstellung eines guten Lebens untersucht wird (Vesper, S. 29) sowie den unstillbaren Anspruch auf soziale Sicherheit in der Neujustierung des Sozialstaats in Frage stellt (Vogel, S. 43).

Drei Erfahrungsberichte blicken auf äußere und innere Sicherheit jenseits von Deutschland: In Bengasi begegnet uns die Frage nach dem Zusammenhang von Demokratie, Sicherheit und Intervention (Biebricher S. 80), in Israel Phänomene eines gegen sich selbst gerichteten Sicherheitssystems (Misselwitz, S. 77), und in Taiwan der Versuch, äußere Gefahr durch die Unterstützung der nachbarlichen Demokratisierungsprozesse zu bannen (Neuhäuser, S. 73). Christopher Daase beschreibt in seinem Beitrag die Verschiebung des Sicherheitsverständnisses im globalen politischen Raum (S. 89).

Die allgegenwärtigen Maßnahmen der inneren Sicherheit systematisiert Kendra Briken als Privatisierungs- und Kommerzialisierungsakte, die auf eine neue Qualität der Überwachung verweisen (S. 95). Mit Mark Neocleous gehen wir dem Zusammenhang von Sicherheit und Ware nach (S. 101).

Das Begehren nach Sicherheit führt uns zu den strukturellen Veränderungen der Arbeitswelt. Thomas Biebricher und Frieder Vogelmann fordern die Absicherung von Risiko für das unternehmerische Selbst (S. 15), Alexandra Rau untersucht die Arbeit am Selbst als Psychopolitik der Angst (S. 109).

Sicherheit und Gesundheit verschränken sich beunruhigend im gegenwärtigen Präventionsdiskurs (Bröckling, S. 51) aber subversiv als biopolitische Frage im Film (Setton, S. 35). Inszenierungsmechanismen bilden den Hintergrund für unseren Fokus auf visuelle Medien: untersucht wird das Bild als politisches Zeugnis (Kammerer, S. 157) und Hollywoods Legitimierungsstrategien des Ausnahmezustands (Bächler, S. 169).

Wider die Unsichtbarkeit zieht es uns in den Gesprächen auf die Straße: als Liebende (Rösinger, S. 56), Radfahrer (Kaiser/Barnick, S. 124) und Protestierende (Trojanow, S. 148).

»Nickt der Kopf nur noch mit weil die Furcht alles ist und das Leben nur im Fünfwürstchengriff?« (Turbostaat).

Hoffentlich nicht.

Für die Redaktion

Peter Siller, Bertram Keller




SORGE

 
Herfried Münkler
Sicherheit und Freiheit
Eine falsche Gegenüberstellung
 
Thomas Biebricher/Frieder Vogelmann
Die Ich-GmbH
Alternativen zum stahlharten Gehäuse der Verantwortung
 
John T. Hamilton
Kinder der Sorge
Ein Mythos über die Sicherheit
 
Achim Vesper
Zuviel des Guten
Sicherheit als Aufgabe des Staates nach Hobbes
 
Dirk Setton
It’s out there…
Pathologie der Sicherheit und Poetik der Überempfindlichkeit in Todd Haynes’ Safe
 
Berthold Vogel
Soziale Sicherheit
Ein unstillbares Bedürfnis
 
Peter Siller/Judith Karcher/Stefan Huster/Arnd Pollmann
Ist es links?: >Grundeinkommen<
 
Ulrich Bröckling
Aktivistischer Negativismus
Sicherheit und Gesundheit im Zeichen des Precautionary Principle
 
Interview Christiane Rösinger
»Love is dead«



STRESS

 
Christian Neuhäuser
Der Turm
Taiwan, der 101 Tower und China – ein nicht ganz risikofreies Beziehungsgeflecht
 
Charlotte Misselwitz
Israelische Sicherheiten
Wann werden Sicherheitssysteme autoaggressiv?
 
Thomas Biebricher
Revolte und Einmischung
Ein Erfahrungsbericht aus Bengasi
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Permanenter Stress<
 
Christopher Daase
Sicherheit schlägt Frieden
Zum normativen Wandel in der Weltpolitik
 
Kendra Briken
Nachbar, Nonprofit, Niedriglohn
Neue politische Ökonomien der inneren Sicherheit
 
Mark Neocleous
Der Sicherheitsfetisch
Zur Produktion von Sicherheitswaren
 
Alexandra Rau
Ängstlich bin ich sowieso
Furcht und Beistand in der postfordistischen Arbeitswelt
 
Marcus Balzereit
Kein Grund zur Panik?
Wie mit dem Wissen über die Angst regiert wird
 
Interview Tim Kaiser/Ole Barnick
»Unter dem Sattelschlepper nützt der Helm wenig«
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Befestigtes Lager<
 
Alban Lefranc
Mein halbes Jahr: >Literatur<
Pierre Bergounioux – William Faulkner – Stendhal
 
Christoph Raiser
Mein halbes Jahr: >Musik<
BFBS – Nero – James Blake – Battles – Jan Delay
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr: >Film<
Schlafkrankheit – Ohne Limit – Der Plan



SPIRALE

 
Alice Lagaay
Nichts als das Geheimnis ist sicher!
Die Tagebücher von Wikileaks
 
Interview Ilija Trojanow
»Eine Spirale der Aufrüstung«
 
Dietmar Kammerer
Menschen vor Bildschirmen
Was bekommen wir zu sehen, wenn wir das Bild des toten Terroristen nicht sehen dürfen?
 
Konstantin von Notz/Nils Leopold
Datenschutz muss sich ändern
Eine Aufforderung an den Gesetzgeber
 
Maja Bächler
Körper der Lügen
Wie Hollywood den permanenten Ausnahmezustand inszeniert
 
Martin Saar
Bildpolitik: >Schutzschild<



SCHÖNHEITEN

 
Franziska Schottmann
Eindringlinge
Loch im Zaun: Rodrigo Plàs Die Zone
 
Kendra Briken
Entwarnung
Keine Angst vor Halbstarken: Die Shell Jugendstudie
 
Johannes Kleinbeck
Ohne Bindung
Satz aus der Stille: Glenn Gould spielt das E-Moll Präludium aus Bachs Wohltemperiertem Klavier
 
Charis Goer
Paranoia
Kein Entkommen: Rainald Goetz’ früher Roman Kontrolliert
 
Anna Sailer
Ohne Gewähr
Durch Plagiat und Schweigen hindurch: Der Schwätzer von Louis-René des Fôrets
 
Christoph Raiser
Gefangen
Im Panoptikum: Foucaults Überwachen und Strafen
 
Luisa Banki
Sagbares
Zwischen Sprachen, zwischen Menschen: Gilles Roziers Un amour sans résistance
 
Jan Engelmann
Mehr vom Leben
Auf dem Ergotrip: Wie Versicherungen heute Überschreitung denken
 
Hester Euteneuer
Unschuldig
Wer auffällt, kommt vor Gericht: G.K. Chestertons Roman Menschenskind
 
Steffen Stadthaus
Unverstanden
Eine Welt gerät ins Wanken: Max von der Grüns Irrlicht und Feuer


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