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Was will polar?


Eine Selbstauskunft in 14 Punkten

1 Wozu

Die Frage nach dem Zweck einer politischer Zeitschrift im politischen Diskurs sollten sich alle MacherInnen ernsthaft vorhalten. Man investiert ja einen Haufen Zeit und Energie. Da sollte die Frage des Wozu im Eifer des Gefechts nicht in Vergessenheit geraten. Bei vielen Redakteursstellen geht es ja in Wahrheit noch um ganz andere Dinge, als um die politische oder intellektuelle Einflussnahme: bei bezahlter Redakteurstätigkeit zum Beispiel schlichtweg um den Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes; und bei ehrenamtlicher Redaktionstätigkeit nicht selten um Celebrity oder die Herstellung von Kontakten und Netzwerken. Viele RedakteurInnen sind vermutlich auch einfach froh, die eigenen Texte irgendwo unterbringen zu können. Doch all das sollte nicht den Blick darauf verstellen, was man mit dem Format eigentlich bewirken will.

Aus der Frage nach dem Wozu ergibt sich sofort eine Reihe von Anschlussfragen. Um welchen politischen Diskurs geht es eigentlich? Und was ist eigentlich eine politische Zeitschrift?

Politischer Diskurs kann ja sehr unterschiedliches heißen: Von politisch-theoretischen Diskursen in der Wissenschaftsszene bis zu Fachdebatten in bestimmten politisch-weltanschaulichen Milieus, von der breiten intellektuellen Feuilletondebatte bis hin zur noch breiteren medialen Debatte zu einer Frage der politischen Praxis.

Analysiert man die Ingangsetzung der breiten, öffentlichen Diskurse – gleich ob intellektuell-feuilletonistisch oder politisch-praktisch – so muss man konzidieren, dass diese in aller Regel von journalistischer Seite entweder durch Meinungsbeiträge für eine der großen Zeitungen oder durch das Format des Sachbuch-Bestsellers ausgelöst werden. Beide Wege setzen wiederum in der Regel ein hohes Maß an kommunikationsstrategischem Bewusstsein voraus, ergänzt durch ein hohes Plazierungs- bzw. Marketinggeschick der Verlage – zunehmend flankiert durch die Nutzung von Online-Plattformen und Social Media.. Man muss an dieser Stelle keine Namen nennen, denn vermutlich haben eh alle ungefähr die gleichen Selbstvermarktungsgenies im Kopf.

Allen, die unter einem Mangel an breiter öffentlicher Aufmerksamkeit leiden (und das sind nicht wenige), kann man deshalb getrost empfehlen, sich entweder Zugang zu einem der großen Blätter zu verschaffen oder aber an einem möglichst markanten Sachbuch-Bestseller zu arbeiten. Und auch das ist noch lange keine Garantie. Da mag der Schreibstil noch so investigativ daherkommen, da mag der Buchtitel noch so provokant ausgeklügelt sein: hinter der Fassade steckt offenkundig nichts Aufregendes, Relevantes oder Weiterführendes und das öffentliche Interesse tendiert gegen Null. Das musste auch schon so mancher Politiker erfahren, der meinte, er müsse ein Buch zusammenzimmern (lassen). Und selbst da, wo sich Substanz und Marketingstrategie kongenial ergänzen: die Resonanz ist kaum vorhersehbar – es sei denn, man zählt zu dem äußerst keinen Kreis der meist mühsam aufgebauten Großnamen.

Das führt auf einen ersten wichtigen Punkt: Öffentliche Einflussnahme über politischen Journalismus gelingt oftmals nur über Umwege. Ausgangspunkte sind der Raum und die Zeit, um Gedanken zu entwickeln, um zu experimentieren, um den kostbaren intellektuellen Stoff herzustellen, der dann entsprechend aufgearbeitet und verlängert zum öffentlichen Stein des Anstoßes taugt.

2 Laboratorium

Folgt man bis hierher, dann sieht man bei politischen Zeitschriften eine andere Funktion klarer: Es handelt sich bei Ihnen im Idealfall um Laboratorien für neue, unvorhersehbare Gedanken, Diagnosen und Perspektiven. Um Laboratorien, in denen neue Anordnungen entwickelt, neue Themenfelder erkundet und Ansätze weitergedacht werden können. In denen Elemente neu kombiniert werden, Perspektiven ungewohnt kollidieren.

Politische Zeitschriften wären in diesem Sinne Orte, an denen andere gesellschaftliche Möglichkeiten aufgezeigt werden, Bilder für diese anderen Möglichkeiten entstehen – und damit der Raum für demokratische Politik überhaupt erst eröffnet wird. Das Politische fängt – aus dem Verständnis der Demokratie heraus – erst dort an, wo aus der Zelle des Unabdingbaren und Notwendigen ein Raum der Auseinandersetzung um Möglichkeiten wird. There is an Alternative.

Eine solches Verständnis hat allerdings wiederum starke Voraussetzungen in der Produktionsweise einer politischen Zeitschrift: Die Produktion sollte in einem experimentellen Raum stattfinden, in der die abgesicherte Sprache - sei es des Wissenschaftsbetriebs, sei es im Politikbetriebs - durchbrochen werden kann. In beiden Milieus sind die sprachlichen Absicherungsmechanismen – auf völlig unterschiedliche Weisen - immens, um nicht aus dem Akzeptanzrahmen zu fallen. Sie sollte – wenn man so will – ein gesicherter Raum für entsicherte Texte sein, für offengelegtes, intensives Denken ohne Angst vor der Blamage, ohne Angst aus dem Rahmen zu fallen. Wenn einer politischen Zeitschrift dieses gelingt, ist schon viel gewonnen.

Die Produktion benötigt in einem doppelten Sinn einen diskursiven Raum. Zum einen sind ein intensiver redaktioneller Dialog, redaktionelle Auseinandersetzung und redaktioneller Streit unverzichtbar, um auf die interessanten Themen und Fragen zu stoßen. Zum anderen geht es darum, den diskursiven Entstehungsprozess von Fragestellungen und Positionen auch im Heft abzubilden und diese so verständlich zu machen.

Und die Produktion braucht schließlich - auf dieser Grundlage - ein stark kuratierten Raum, in dem die verschiedenen Positionen – Themen und Fragestellungen, Standpunkte und Perspektiven - sehr bewusst ausgewählt werden. So beginnen die Texte miteinander zu sprechen, sich zu ergänzen und zu kollidieren. (polar hat sich deshalb von Anfang an dafür entschieden, sich in jeder Ausgabe nur ein Thema vorzunehmen.)

Politische Zeitschriften, die sich in diesem Sinn als Laboratorien verstehen, haben die Innovationskraft, langsam und meist über Umwege in eine breitere Öffentlichkeit durchzusickern. Gute Bands haben immer in kleinen Clubs angefangen. Bis sie dann massenkompatibel abgekupfert werden oder selbst in den großen Hallen stehen, kann einige Zeit ins Land gehen (und das Ergebnis ist oft nur noch halb so wild).

Vor dem Hintergrund einer solchen Funktionsbestimmung ist es mit Blick auf viele kleinere politische Zeitschriften doch überraschend, wie zufällig die Kompilation der Beiträge erscheint und wie harmlos deren Gehalt oft ist. Manchmal kommt es einem fast so vor, als würde man halt nehmen, was im Umfeld an Texten eh schon da ist. Hauptsache die Zeitschrift ist voll. Umgekehrt gibt es immer wieder Ausgaben von Zeitschriften, denen aufregende Expeditionen in unerschlossenes Terrain gelingen. Manchmal reicht dafür schon ein guter Essay. Oft ist es aber eben eine Gruppenexpedition mit unterschiedlichen Perspektiven und Positionen.

3 Selbstaufklärung
Am Ende ist der stärkste Antrieb des öffentlichen Schreibens - wie auch des Zeitschriftenmachens als öffentliche Kompilierung von Geschriebenem – wohl doch der einer Selbstaufklärung durch den Prozess des Schreibens. Erst im Schreibprozess lassen sich Gedankensplitter in eine Anordnung bringen, lassen sich systematische Erkundungen anstellen und Begriffe ausreichend klären. Jeder kennt die Vorher-Nachher-Überraschung ernsthaften Schreibens, in der man mit einer starken Intention angefangen hat und mit einer ganz anderem hinten raus kam. Jeder hat die Erfahrung schon gemacht: In dem Moment, indem man Dinge aufschreibt, sieht man viel klarer wo etwas fehlt, wo Widersprüche liegen, aber auch, wo man richtig liegt.

Diese selbstaufklärirische Funktion des Schreibens ist auch der Grund, warum politisches Schreiben, politischer Journalismus, politische Zeitschriften eine elementare Funktion für eine politische Praxis haben, die fast ausschließlich auf Mündlichkeit und Visualität ausgelegt ist. Die meisten PolitikerInnen tun sich unglaublich schwer, jenseits des Recyclings vorhandener Textbausteine zu verschriftlichten Positionen zu kommen. Dadurch mangelt es jedoch an jener Sprachbildung, die man bräuchte, um überhaupt erst politisch etwas beitragen zu können. Worüber man nicht reden kann, darüber muss man bekanntlich schweigen.

So erleben wir in der Politik zwar kaum Stille, aber viel beredtes Schweigen. An der mangelnden Zeit der PolitikerInnen liegt diese strukturelle Schreibblockade sicher nicht, auch wenn das gerne von den Betroffenen angeführt wird. Es ist eher eine andere Interpretation der eigenen Tätigkeit, die die viele PolitikerInnen vom Schreiben abhält. Warum Zeit in einen Vorgang investieren, der den Zuspruch nicht erhöht, vielleicht sogar gefährdet (etwa indem man bei Gremiensitzungen oder Fassanstichen fehlt)? Warum sich quälen für etwas, das gar nicht erwartet wird? Warum sich schwarz auf weiß festlegen, wo man sich besser flexibel hält? Diese Kultur der Mündlichkeit wird weiter angetrieben durch den Aktualitätsdruck der Digitalisierung. Was kümmert mich mein Twitter von vor 5 Minuten?

Damit fehlt aber genau das, für das Schreiben letztlich steht: nämlich die Zeit eine Idee zu entwickeln, zu neuen Anordnungen zu kommen statt die Dinge nur Nebeneinanderzustellen. Mit diesem Mangel an Zeit geht zugleich jene Orientierungs- und letztlich auch Überzeugungskraft verloren, die politische Praxis dringend benötigt. (Das dämmert manchen Postideologen langsam selbst.)

Mit Blick auf dieses Vakuum an Ideen, Diagnose und Policy werden jedoch die publizistischen Entwicklungslabore noch wichtiger, um zumindest gewisse Impulse in den Raum der politisch-institutionellen Praxis auszusenden.

Zeit ist dabei nicht nur ein Schlüsselbegriff für die Text-Produktion, sondern auch für die Rezeption. Nur mit ihr kann ein Nachdenken mit und den gegen die Texte erfolgen.

4 Aufforderung zu neuer Reflexion
Die aktuelle Finanzkrise zeigt dies überdeutlich: Statt einer Reaktivierung der politischen Sphäre – auch des politischen Denkens – starren alle auf ökonomische Experten, die aber ihrerseits am schwimmen sind. Diese traurigen Umstände sind für polar eine Chance. Es gibt in Deutschland herausragende Wissenschaft – aber kaum öffentliche Intellektuelle, die bereit sind, sich an einem ernsthaften politischen Orientierungsdiskurs zu beteiligen. Hinzu kommt das Feuilleton-Dilemma, dass man einerseits die harten Fragen diskutieren will, anderseits aber ständig die esoterischen Fragen der gehobenen Mittelschicht herausstellt, die die Blätter ja schließlich kaufen soll. Wir leben in Zeiten, in denen die intellektuellen Stichwortgeber der Republik Richard David Precht und Peter Sloterdijk heißen.

Im Gegensatz zu den resignativen Lesarten der Postmoderne als Ende der Ideologien, der Geschichte und der Systemalternativen versteht polar die Diagnose der „neuen Unübersichtlichkeit“ als Aufforderung zu neuer Kritik, Reflexion und Theoriebildung. Es ist uns zumindest wichtig, das bei aller Unterschiedlichkeit in den Positionen und bei allem Interesse an produktiver Dissonanz, eine gemeinsame Haltung deutlich wird, ein gemeinsames Interesse an bestimmten Fragen.

Uns verbindet der neugierige Blick auf der Veränderung der Welt, wie auch das gemeinsame Festhalten an den Idealen der Gerechtigkeit und der Selbstbestimmung. Das entscheidende am Zeitschriftmachen ist für uns die Möglichkeit, auf andere Möglichkeiten zu stoßen, Zusammenhänge anders darzustellen, Dinge anders zu denken. Wo das gelingt ist schon viel gewonnen.

5 Transdisziplinarität
polar setzt methodisch auf Transdisziplinarität, verstanden nicht als Beliebigkeit, sondern als produktive Reibung. Die Grenzen zwischen den beteiligten Disziplinen - Philosophie und Kulturwissenschaften, Politikwissenschaft und Rechtswissenschaft, Ökonomie und Soziologie, aber auch Bildende Kunst und fiktionale Literatur – werden dadurch nicht aufgehoben, aber sie sorgen für Irritation und mitunter für Verflüssigung.

In den Städten, in denen wir leben, stellten wir fest, dass jeder in seinem Ghetto lebt. Künstler sortieren sich zu Künstlern. PolitikerInnen zu PolitikerInnen. AkademikerInnen zu AkademikerInnen, usw. Dabei gibt es eigentlich ein großes gemeinsames Bedürfnis, zu gesellschaftlichen Fragen ins Gespräch zu kommen –den eigenen Blickwinkel einzubringen und zu erweitern.

Ein solches gemeinsames Gespräch ist für alle Beteiligten nicht ohne Risiko, da man gezwungen ist, die eigenen Sprach- und Szene-Codes zu übersetzen. Wer aus dem Biotop heraustritt macht sich angreifbar, weil er die Gepflogenheiten des eigenen Milieus durchbricht. PolitikerInnen müssen ihre Textbausteine wegzulegen, WissenschaftlerInnen den akademischen Habitus und Pop-RedakteurInnen ihren subjektivistischen Befindlichkeits-Sprech. Das tut weh, ist aber eine riesige Chance.

6 Internationalität
polar
bringt Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Regionen der Welt ins Spiel. Das heißt nicht, dass dadurch automatisch regionale Perspektiven abgefragt werden, sondern zunächst einmal, dass jemand etwas zu sagen hat.

Gleichwohl geht es polar auch darum, den Blick zu weiten auf andere Gegebenheiten, auf andere Kontexte jenseits der nationalen Grenzen. Dabei spielen europäische Perspektiven eine besondere Rolle. Das ist nicht nur eine wichtige Selbstvorgabe, es ergibt sich fast automatisch aus der wissenschaftlichen, politischen und kulturellen Netzwerken, in denen sich die Redaktion bewegt. Dabei fällt uns auf, dass manche transatlantische Debattenstränge eine größere Nähe aufweisen, besser eingeübt sind (und insofern auch vorhersehbarer), als solche aus verschiedenen Ecken Europas.

Es wäre vermessen, zu behaupten, polar wirke großartig in eine europäische Öffentlichkeit oder trage zu deren Herstellung bei. Oft sind es eher Berichte aus verschiedenen Öffentlichkeiten, die ja ihrerseits fragmentiert und zerfasert sind, - immerhin zu einer gemeinsamen Fragestellung. Im Idealfall entsteht aber so etwas wie ein transnationales Momentum, in dem es um Analysen und Anliegen quer zu den nationalen Kontexten geht, in dem so etwas wie eine gemeinsame Öffentlichkeit aufscheint.

Neben vielen persönlichen Kontakten, die über polar entstehen und aufrecht erhalten werden, gibt es einen Austausch mit ähnlichen Zeitschriftenprojekten in anderen europäischen Ländern. Über die Zeitschriften-Plattform Eurozine (www.eurozine.net) hat polar die Möglichkeit, ausgewählte Artikel einem europäischen Publikum zugänglich zu machen. Eurozine bildet auch einen institutionellen Rahmen für den regelmäßigen Austausch mit anderen europäischen Zeitschriftenprojekten.

7 Post-Postideologie

Der postideologische Pragmatismus ist Teil unserer derzeitigen Probleme. Postdemokratie ist die fatale Folge.

Begriffe wie „links“ oder „rechts“ sind oft ärgerlich, da sie notwendige Unterschiede verdecken. Es gibt eine demokratische Linke und eine extrem undemokratische. Es gibt eine emanzipative Linke und eine offenkundig paternalistische. Es gibt eine fortschrittsoffene Linke und eine deutlich kulturpessimistische.

Doch auch wenn wir mit diesen Begriffen vorsichtig umgehen müssen brauchen wir sie, solange wir keine besseren haben, um bestimmte Unterschiede zu formulieren. Um nicht beredten Schweigen des Pragmatismus zu versinken. polar ist eine linke Zeitschrift, links im Sinne eines Zugewinns an Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Demokratie. Was damit aber genauer gemeint ist, ist strittig. Auch um das auszutragen gibt es polar.

Die „gehobene Mittelschicht“ als sozioökonomische Kategorie – der viele von uns angehöhren – ist momentan eher Teil des gesellschaftlichen Problems, als Teil der Lösung. Sie schottet sich ab und zieht Stacheldraht um ihre Häuser. Wie eine linke, eine solidarische und von unten durchlässige Mitte aussehen könnte, ist für uns eine wichtige Fragestellung. Aber wir verstehen uns nicht als Dienstleister für dieses Segment, auch wenn wir wissen, dass die meisten LeserInnen von dort kommen. Wir fragen uns eher im Gegenteil: Wie denkt man die Interessen der Benachteiligten ernsthaft mit, die das Blatt weder lesen noch darin schreiben? Journalismus sollte seiner Klientel – ähnlich wie Parteien auch – etwas zumuten.

8 Poplinke revisited
polar hat eine starke Wurzel in Cultural Studies, Kultur- und Poptheorie. Wir können gerade politische Fragen besser behandeln, wenn wir sie an kulturellen Alltags- und Massenphänomenen ebenso brechen, wie an Entwürfen der künstlerischen Avantgarde. Nur so lassen sich gesellschaftliche Verhältnisse reflektieren. Und nur so gewinnen wir ein Vokabular und Bilder für andere Möglichkeiten, für eine andere Welt. Wir sind davon überzeugt, dass Zombies, Heavy Metal oder Fernsehserien sowohl als Instrument von Gesellschaftsanalyse wie auch als Ansatz einer Entgegnung notwendige Gegenstände politischen Denkens und Schreibens sind. Und wir sehen mit großer Sorge, wie sich die politische Praxis diesen Raum der Analyse und der Fantasie abschneidet.

Ausgangspunkt ist für uns dabei aber das politische Erkenntnisinteresse. Und deshalb geht es polar - in kritischer Hinwendung an das eigene Milieu - um Repolitisierung, um eine ernsthafte und kontinuierliche Befassung mit gesellschaftlichen Zuständen und Alternativen.

Der geschmackssichere Referenz- und Zitate-Kasten ist für uns noch kein Ausweis von Intellektualität, Theoriesound noch kein Indiz für eine relevante Theorie. Style und Gefrickel sind für uns nicht die richtige Alternative zu Eigentlichkeit und Authentizität.

Insofern geht es polar auch um eine kritische Bilanz, in wie weit die Poplinke ihrem politischen Anspruch gerecht wurde und wo ihre blinden Flecken liegen. So wie sich die Poplinke einst vom Authentizitätsgehabe der politischen Vor-Generation befreit hat, distanziert sich der Protest der letzten Jahre zu Recht auch vom hohldrehenden Eskapismus und den Idiosynkratien einer kunst- und mode-geschulten „ästhetischen Linken“. Die gesellschaftlichen Fragen sind zu drängend, als dass man politische Haltung in erster Linie am Platten- oder Kleiderschrank festmachen möchte.

9 Generationenfrage

Den jüngeren WissenschaftlerInnen, Kulturschaffenden und politisch Engagierten fehlen die Plattformen für kontinuierliche Debatte und öffentliches Sprechen vielleicht besonders. Vieles wirkt seltsam still und fragmentiert. polar will dazu beitragen, diese Sprachlosigkeit zu überwinden. polar ist im Schwerpunkt ein Projekt von 25 – 45 jährigen, kommt also aus jüngeren Generationen von WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen und Kulturschaffenden. Als Zeitschrift mit einem dezidiert politischen Anspruch befindet sie sich damit in einer recht überschaubaren Gesellschaft. Das heißt aber nicht, dass sich polar als Generationen-Sprachrohr versteht. „Die“ Generation gibt es nicht, gab es auch 68 nicht. Da sind sehr unterschiedliche Schichtenzugehörigkeiten, Interessen und Prägungen enthalten.

polar
lässt Leute wegen ihrer Texte zu Wort kommen, nicht wegen ihren Namen. Das ist zumindest der Anspruch. Viele Blätter drehen sich doch deshalb im Kreis, weil aus Marketing-Gründen immer die gleichen Leute gefeatured werden, gleich ob sie gerade etwas zu sagen haben oder nicht. polar wirft regelmäßig einen Knochen hin, an dem man eine Weile rumkauen muss. Es gibt in polar auch anstrengende Texte mit zeitversetztem Aha-Effekt. Dennoch achtet die Zeitschrift darauf, dass die Texte lesbar sind und nicht zu lang werden.

10 Zusammenkunft
Texte ohne Gespräch, ohne Austausch sind tot. Zu den Themen und Fragen von polar bestehen deshalb eine Vielzahl von Gesprächsmöglichkeiten. polar geht es nicht nur um passives Lesen, sondern darum, mit Interessierten zu den Texten ins Gespräch zu kommen, am besten einen Gesprächsfaden aufrecht zu erhalten. Deshalb bietet polar regelmäßig öffentliche Veranstaltungen aber auch Fachgespräche und Salons mit Autorinnen und Autoren an. Es gibt inzwischen eine polar-Community. Man sieht sich.

11 On- / Offline
Kann künftig die Online-Kommunikation die redaktionelle Arbeit der Zeitschriften ersetzen? Das Gegenteil ist der Fall. Je mehr Informationen online herumschwirren und für jeden immer und überall verfügbar sind, desto wichtiger wird redaktionelle Arbeit. Die Auswahl von Themen und AutorInnen, die Kompilation und Lektorierung von Texten entlastet den Leser von der nur schwer möglichen Auswahl zwischen einer Unmenge von Daten.

polar
ist bewusst den Weg eines Printmediums gegangen, obwohl die Redaktion eher netzaffin ist. Print bedeutet nicht nur eine konzentriertere Art des Lesens, sondern zwingt auch zu einem konzentrierteren Prozess des Schreibens und der Heftentstehung.

Gleichwohl nutzen wir natürlich das Netz, stellen die Texte dort ein, Neuerscheinungen und Veranstaltungen werden über Social Media beworben. Mehr Interaktivität wäre sehr wünschenswert, führt uns aber als ehrenamtliches Projekt zumindest bislang an die Grenzen des Machbaren.

12 Redaktion, Beirat, Trägerverein
Die polar-Redaktion wird von Peter Siller und Bertram Keller geleitet. Der Redaktion gehören darüber hinaus an: Thomas Biebricher, Robin Celikates, Jan Engelmann, Michael Eggers, Anna-Catharina Gebbers, Stefan Huster, Judith Karcher, Malin Nagel, Arnd Pollmann, Christoph Raiser, Julia Roth, Anna Sailer und Thomas Schramme.

Zudem steht polar ein Beirat zur Seite. Beiratsmitglieder sind: Dazu zählen Axel Honneth, Carl Hegemann, Christoph Menke, Dany Cohn-Bendit, Diedrich Diederichsen, Benjamin Reding, Dominik Reding, Feridun Zaimoglu, Gertrud Koch, Isabelle Graw, Sebastian Schipper und Tom Tykwer.

Ohne einen Pool an Stammautoren wäre ein solches Projekt nicht realisierbar. Sie bilden den politisch-intellektuellen Rahmen. Ebenso wichtig ist dann aber die Offenheit für die Impulse und Positionen neuer AutorInnen.

Die Universitäten sind für polar ein wichtiger Ort, dort wird viel geschrieben, nachgedacht und diskutiert. Eine ausreichende Perspektive ergibt sich daraus aber nicht. Es ist viel schwerer gute politische Texte aus der politischen Praxis oder künstlerischen Praxis zu bekommen. Deshalb verwendet polar viel Zeit darauf, dass diese Sphären an Bord sind.

polar wird getragen von polarkreis e. V. Der Trägerkreis versteht sich als Plattform für öffentliche Angelegenheiten an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Kunst und Politik und ist Herausgeber der Zeitschrift.

13 Wegmarken
polarkreis e. V. wird mit der Gründungsversammlung am 6. Juli 2002 in Berlin ins Leben gerufen. Der gemeinsame Ausgangspunkt: „Wir vermissen den Dialog und den Brückenschlag zwischen den verschiedenen Bereichen Theorie, Kunst und politischer Praxis; Gerechtigkeit und Freiheit; Ethik und Ästhetik; Moral und Politik. Wir vermissen die Auseinandersetzung von Theorie und Kunst mit den gesellschaftlichen Verhältnissen. Wir vermissen die Auseinandersetzung mit den lebensweltlichen Phänomenen, mit denen wir tagtäglich konfrontiert sind. Wir vermissen eine Reflexion unserer Alltagskultur. Wir wollen beitragen zu einer Repolitisierung von Philosophie und Kultur. Wir erleben, wie derzeit politische Fragen in der Gesellschaft wieder an Bedeutung gewinnen. Wir sehen aber auch wie wenig gefestigt und wie rutschig der Weg der Repolitisierung ist. Mit polarkreis e. V. wollen wir dazu beitragen, diesen Weg zu befestigen.“

2004 erfolgen zwei erste große Symposien zur "Repolitisierung" in den Berliner Kunstwerken (13.11.) und im Atelier Frankfurt (12.12.). Im Herbst 2006 erscheint die erste Ausgabe von polar zum Thema "Was fehlt. #Politisierung". Im September 2006 startet die öffentliche Veranstaltungsreihe Forum polarkreis in den Berliner Sophiensälen, die mehrmals im Jahr stattfindet. Seit Juni 2011 lädt polarkreis e. V. zu einer Reihe von Fachgesprächen mit dem Titel Salon polarkreis, an wechselnden Orten, meistens jedoch in die Berliner Galerie KOW.

14 Resonanzen
polar hat mit einer Auflage von 2.000 Exemplaren einen überschaubaren Leserkreis, der sich langsam aber kontinuierlich erweitert. Stellt man in Rechnung, dass jede Ausgabe der Halbjahreszeitschrift von mehreren Leuten gelesen wird, und zählt man die zahlreichen Zugriffe auf der polar-Website hinzu, so kommt man immerhin auf eine Leserschaft pro Ausgabe, die im fünfstelligen Bereich liegt.

polar ist online bestellbar (www.polar-zeitschrift.de) oder in jeder Buchhandlung und in den guten auch vorrätig. Ca. ein Drittel des Absatzes läuft über Abonnements.

polar-Beiträge werden inzwischen immer wieder von anderen Medien aufgegriffen. Das Heft dient zudem zahlreichen Akteuren aus Politik, Kunst und Wissenschaft als Ideenspeicher und Anregung.

Wir treffen inzwischen viele Leute, die polar kennen und schätzen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie das Heft auch kaufen. Manchmal fühlt es sich an wie die coole Band, die aber immer noch in der kleinsten Halle spielt. Egal, wir kommen wieder.

Unsere größte Freude sind all die Abende, an denen das geschriebene Wort zum Leben erwacht, indem es zur Diskussion gestellt wird. Sei es in der redaktionellen Debatte davor, sei es bei öffentlichen Veranstaltungen danach.

Und – man glaubt es kaum: Es wurden sogar schon Zahnarztpraxen gesichtet, die polar im Wartezimmer ausliegen haben. Es führen halt viele Wege zu polar.


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