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polar #11: Sicherheit




EDITORIAL

 
Peter Siller, Bertram Keller
Editorial



SORGE

 
Herfried Münkler
Sicherheit und Freiheit
Eine falsche Gegenüberstellung
 
Thomas Biebricher/Frieder Vogelmann
Die Ich-GmbH
Alternativen zum stahlharten Gehäuse der Verantwortung
 
 

John T. Hamilton

Kinder der Sorge

Ein Mythos über die Sicherheit


In unserem politischen und kulturellen Lexikon gibt es kaum einen Begriff, der so schwer überfrachtet und semantisch so multifunktional und ungenau ist wie der Begriff der »Sicherheit«. Der Grund für diese diskursive Vielseitigkeit liegt darin, dass das lateinische Wort securitas, aus dem man »Sicherheit« ableiten kann, eine völlig ambivalente Karriere gehabt hat. Wörtlich ist securitas der Zustand »ohne Sorge« (se- oder sine cura) zu sein; aber das Wort cura, welches securitas negiert, ist zweideutig und lässt sich entweder positiv oder negativ verstehen: cura bezeichnet entweder eine »sorgfältige Aufmerksamkeit, liebende Fürsorge« oder aber eine »ängstliche Besorgnis und entnervte Furcht«. Hinsichtlich der Sicherheit muss die erste Frage an das Wort selbst adressiert werden: Was genau ist cura und welche Implikationen hat es, wenn diese cura entfernt wird – also se-curitas entsteht? Wie sollen wir diese »Sorglosigkeit« erklären? Gewinnen wir Ruhe oder werden wir einfach gleichgültig? Erwerben wir die innere Kraft zur Tapferkeit oder werden wir selbstgefällig und nachlässig?

Unter den Hunderten kurzer fabulae, die dem römischen Mythographen Hygin zugeschrieben werden, hat sich eine als besonders wirkungsmächtig herausgestellt: Als Cura über einen bestimmten Fluss ging, sah sie tonhaltiges Erdreich: sinnend nahm sie davon ein Stück und begann einen Menschen zu formen. Während sie bei sich darüber nachdenkt, was sie geschaffen hat, tritt Jupiter hinzu; ihn bittet Cura, dass er dem geformten Stück Ton Geist gebe; und das gewährt ihr Jupiter gern. Als sie aber ihrem Gebilde nun ihren Namen beilegen wollte, verbot das Jupiter und verlangte, dass ihm sein Name gegeben werden müsse. Während Cura und Jupiter über den Namen stritten, erhob sich auch Tellus und sagte, dass dem Gebilde ihr Name gegeben werden müsse, da sie ja ein Stück ihres Leibes zur Verfügung gestellt habe. Die Streitenden nahmen Saturn zum Richter; und Saturn schien ihnen gerecht folgende Entscheidung getroffen zu haben: »Du, Jupiter, weil du den Geist gegeben hast, sollst bei seinem Tode den Geist; Tellus, weil sie den Körper geschenkt hat, soll den Körper entgegennehmen. Weil aber Cura dieses Wesen zuerst gebildet hat, so möge sie es, solange es lebt, besitzen. Weil aber über den Namen Streit herrscht, so möge es homo heißen, da es ja aus humus gemacht ist.« (Fabula 220).

Die fabula besteht aus zwei verschiedenen Phasen: dem Vorgang der Schöpfung und dem der Benennung. Jene betrifft das Sein, diese die Sprache. Obwohl diese beiden Vorgänge in eine zeitliche Abfolge gebracht und voneinander geschieden werden, hängen sie in einer essentiellen Weise zusammen, und zwar insofern, als es in beiden Fällen um eine Gabe geht. Nachdem Cura Jupiter erfolgreich dazu gebracht hat, »dem [geformten Stück Ton] einen Geist [zu] gebe[n]« (ut ei daret spiritum), entzündet sie einen Disput über den Namen, der diesem Wesen »gegeben werden muß« (dandum). Der Mensch wird nicht bloß als eine Verbindung von Körper, Geist und Name dargestellt, sondern auch als ein Rezipient, als ein Geschöpf, das von den Göttern mit vielen Gaben ausgestattet ist, Gaben, deren Erhalt ihm zugleich eine ganze Reihe von Verpflichtungen und Schulden auferlegt. Letztendlich wird der Mensch seinen Körper der Tellus und seinen Geist dem Jupiter schulden. Das in der Gegenwart empfangene göttliche Geschenk erfordert eine menschliche Gegenleistung in der Zukunft. Dass er Geist und Namen empfangen hat, zwingt den Menschen in die Situation, dass er auch etwas zurückzahlen muss.

Es fällt auf – und es ist nachgerade einzigartig –, dass nicht Prometheus, sondern Cura den ersten Menschen aus Ton bildet. Was sich bei Prometheus als eine Vorahnung zeigt, wandelt sich bei Cura in mütterliche Angst, in eine Besorgnis um die Zukunft – eine Zukunft, die sich als eine Geschichte des Verlusts verstehen lässt, nämlich des drohenden Verlusts des Gegenstandes, um den sich die Sorge sorgt. Im Sinne der Schöpfungsgeschichte stellt Cura eine Vereinigung her. Sie führt die beiden diametralen Aspekte, durch die das Menschenleben als eine Verbindung von Körper und Seele definiert wird, zusammen: Geistigkeit und Materialität. Das Konglomerat aus tellurischer Gewichtigkeit und der Leichtigkeit Jupiters verdankt sich den künstlerischen und beredsamen Bestrebungen mütterlicher Fürsorge. Der Mensch ist der Sorge Sorgenkind; und die Sorge scheint auf den Versuch zurückzuführen zu sein, dasjenige zusammenzuhalten, was danach strebt, getrennt zu bleiben. Denn trotz der Verbindung von Körper und Seele, wie sie Cura herstellt, kann der Saum, der sie beide zusammenhält, kaum verkleidet oder verdeckt werden. Jeden Augenblick kann die Naht reißen. Der Ursprung der Menschheit basiert also auf der Aufhebung einer auch weiterhin bedrohlichen Spaltung. Menschliche Existenz ist mit einer zerbrechlichen Zäsur durchzogen.

Erst wenn der Mensch nicht mehr lebt, wird er sicher sein

Der Streit zwischen Cura und Jupiter, in den sich auch Tellus einmischt und der dieser Benennung vorausgeht, impliziert eine ganz zentrale Frage: nämlich die Frage, ob die Menschheit zeitlos ist. Erst mit dem Tod werden die zwei Aspekte des Menschen ihren ursprünglichen Sphären zurückgegeben, der materielle Körper, die unbeseelte Leiche, kehrt zur Erde (zu Tellus) und der immaterielle Geist zum Himmel (zu Jupiter) zurück. »Solange er leben wird«, gehört der Mensch jedoch zu Cura. Der Mensch lebt – er lebt in der Zeit –, solange Cura in der Lage ist, ihren Lehm beseelt zu halten. Hätte er den Namen der Tellus oder des Jupiter erhalten, so wäre die Geschichte eine bloße Episode oder ein kleiner Exkurs ohne wesentliche Relevanz. In der Tat könnte die Geschichte überhaupt nicht beginnen. Hätten Tellus oder Jupiter gesiegt, wäre der Mensch in der Namenlosigkeit und Zeitlosigkeit des reinen Materials oder des reinen Geists, also entweder im Grab oder im Himmel geblieben.

Hygins fabula entwirft ein Szenario, in dem das menschliche Leben – das sterbliche Leben, das in der Zeit lebt und in der Zeit vergehen wird – direkt unter Curas Regie fällt. Das zeitgebundene Menschenleben, das durch Kontingenz und Unbeständigkeit bestimmt ist, ist ein Leben mit Cura, cum cura – voller Angst, Furcht und Sorge. Der Mythos suggeriert damit, dass die Menschheit überhaupt erst in der vollkommenen Ruhe des Todes ohne Sorge sein wird. Erst nach dem Tod, vielleicht am Ende des Flusses der Geschichte, wird der Mensch von Cura befreit und ist: ohne Cura, sine cura. Das heißt: erst wenn der Mensch nicht mehr lebt, wird er sicher sein. Obwohl das Wort im Text nicht erscheint, ist securitas – der Zustand eines solchen »ohne-Sorge-Seins« (se-curus) – der implizierte Terminus für die leblose Ruhe, die man post mortem erreicht. Sicherheit bzw. securitas beschreibt hier den Zustand, in dem man nicht mehr unter Curas Herrschaftsbereich fällt und in dem sich die Verbindung von Körper und Seele auflöst. Die schwache Naht, die das Leben sorgfältig zusammengehalten hat, lässt sich demnach ex post als ein Zeichen deuten, das den noch Lebenden beständig an die Schuld erinnert, die er begleichen muss.

Eine absolute Sicherheit, ein Leben ohne Cura, kann also erst dann erreicht werden, wenn das Leben am Ende ist. In der Pose des schlauen Titan kann Cura ihre Kreatur nur durch Unsicherheit sichern. Cum cura zu leben impliziert die Verweigerung einer Existenz sine cura. Daher ist es dem Menschen verboten, die stabile Sicherheit der Erde oder die unkörperliche Sicherheit des Himmels zu erfahren. Wenn etwas oder jemand zeitlos wäre – zeitlos absolut sicher –, dann könnte er niemals vergehen und insofern auch niemals ein Grund zur Sorge sein. Der von Sorge besessene Mensch – homo curans – macht sich Sorgen um diejenigen, die sich verändern oder die verschwinden können, einschließlich und vor allem seiner selbst.

Sorge ist die Bedingung der Sicherheit

Mit Hygins Mythos bleiben wir also auf einem skandalösen Paradox sitzen, nämlich dass die Beschäftigung mit Sicherheit nicht nur als eine unendliche Aufgabe verstanden werden muss, sondern auch als eine Aufgabe, deren Bewältigung nachgerade unmöglich ist: die Sorge um Sicherheit geht immer mit der Sorge einher, ohne Sorge zu sein. Der Wunsch, vollkommen ohne Cura zu sein, kann einen Todestrieb ausdrücken, den gleichsam wahnsinnigen Wunsch, sich (schon als Lebender) in die Stille der Erde oder die rettende Seligkeit des Himmels zu begeben; aber wir können ein Mindestmaß an Stabilität oder Erlösung erreichen, einen Grad an Sicherheit, der gerade stark genug ist, damit wir, solange wir dabei auch wachsam sind, zumindest weiterleben können. In der Tat werden wir ohne diese Wachsamkeit gänzlich verloren sein.

Vielleicht hat das niemand besser verstanden als Franz Kafka, der Sicherheitsexperte der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt zu Prag. In Kafkas Der Bau zielt eine anonyme pflügende Kreatur darauf, einen Zufluchtsort zu bauen, der nur dadurch sicher ist, dass der Aufbau anfällig bleibt. Der Eingang ist markiert als besonders durchdringbar. Und diese absichtlich schwache Stelle dient dazu, das Tier an seine existenzielle Zerbrechlichkeit zu erinnern: »An jener Stelle im dunkeln Moos bin ich sterblich«. Indem er in seiner Festung eine solche Lücke lässt, gelingt es ihm, wach und aller Gefahren gewahr zu bleiben. Wäre der Bau absolut sicher, so würde die Kreatur leichtsinnig wohlgefällig und gefährlich nachlässig. Kafka spricht nicht von Angst, sondern von »Vorsicht«, einer wiederum eminent prometheischen Fähigkeit, zukünftige Eventualitäten vorherzusehen. Kafkas Vorsicht sorgt für Sicherheit, nicht weil sie die Zukunft festigt und bestimmt, sondern weil sie erkennt, dass die Zukunft etwas fortwährend Reparaturbedürftiges ist. Die Vorsicht unterstreicht, dass das Erkennen der Unsicherheit die Bedingung dafür ist, dass die Sicherheit ermöglicht wird. Demzufolge sind die Überlebenschancen von Kafkas Kreatur direkt proportional zu seiner Angst, denn die Kreatur ist nur solange sicher, wie sie auch unsicher bleibt. Paradoxerweise ist es gerade der Mangel an völligem Schutz, der die Selbstverteidigungsfähigkeit für den Einwohner des Baus garantieren und sichern kann. Seine Sterblichkeit rettet ihm das Leben. Indem er den Willen zur absoluten Sicherheit als eine Verleugnung unserer Humanität oder unserer Humilität aufweist, hatte Hygin eine ähnliche Ermahnung ins Spiel gebracht: Lass den Wunsch nach Sicherheit nicht in eine Sehnsucht fallen, absolut sorgenfrei zu sein, falls diese zu einer Bestrebung wird, die uns sorglos macht.

Die obligatorische Gabe, die jeder Mensch zurückgeben muss, die Pflicht, die jeder einzelne von uns schuldet, einfach aufgrund der Tatsache, dass wir Menschen heißen, ist eine Gabe, die wir letztendlich einander schulden. Diese Idee von Humanität baut nicht auf einem sicheren allgemeinen Grund, sondern auf einem gemeinsamen Defizit auf, das uns mit der Zeit verbindet. Ohne Sorge kann man nie ohne Sorge sein. 


 
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