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polar #14: Sex und Befreiung




EDITORIAL

 

Peter Siller/Bertram Keller

Editorial


Liebe Leserin, Lieber Leser,

es ist oft am schwersten über Dinge zu sprechen, die uns am stärksten betreffen, beschäftigen und berühren. Wir freuen uns deshalb, mit dem vorliegenden Heft etwas zur Sprache zu bringen, über das in der Regel beredtes Schweigen herrscht.

Sex ist eine ungeheure Energie, die uns an- und umtreibt. Sexualität ist eine steigernde, eine exzessive Kraft der Zuwendung und Hingabe, der Verschmelzung und Verstrickung. Sie lässt sich nutzbar machen für den Wechsel der Perspektive, die andere Möglichkeit, den anderen Blick. Und Deine Augen sehen, was meine Augen sehen. Man traut es sich kaum zu sagen: Die wertvolle Kraft des Sex ist eng verbunden mit einer Sprache der Liebe. In welcher Konstellation auch immer. Was geht verloren, wenn das verloren geht? Das ist, wenn man so will, der Ausgangspunkt dieses Hefts: Das Großartige und Verteidigenswerte am Sex. Das, worüber wir sprechen müssen, um weiter zu kommen.

Es ist eine gefährdete Kraft. In unseren Köpfen stapeln sich die Bilder vom idealen Körper, vom wahren Sex. Täglich vorgehalten durch Werbung und Pornografie, die zum ständigen Begleiter geworden sind, zum kostenlosen Download im Internet. Gleichzeitig steigen die Überforderung, der Frust, die Langeweile. Paare scheitern an den normierten Bildern im Kopf. Menschen leiden darunter, dass die anderen haben, was man selbst nicht hat. Und in der sexualisierten Gesellschaft verlieren wir mitunter das Gefühl dafür, warum Sex gut ist, was ihn gut macht.

Gleichzeitig ist Sex eine gefährliche Kraft, wird benutzt für die Herstellung und Festschreibung von Machtverhältnissen, für Ausbeutung und Unterdrückung. Die Frage nach dem sexuellen Stand der Dinge ist auch eine Frage nach dem Spielstand der Geschlechter. Mad Men ist eine Serie über die sechziger Jahre: Die Männer machen Geschäfte und gehen fremd, die Frauen putzen sich raus und gehen kaputt. Vielleicht spielt die Serie aber auch heute. An unseren Arbeitsplätzen. In unseren Beziehungen. In unseren Betten. Nach altem und neuem Feminismus sehen wir, wie die alten Rollenbilder wieder greifen. Und aus dem vermeintlich postmodernen Spiel mit der Differenz wird bitterer Ernst. Eine richtige Beobachtung? Jedenfalls sind wir überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit sich junge Männer alte Rollenbilder aneignen und junge Frauen sich in diese einpassen. Dieser Rollback hat vermutlich verschiedene Ursachen, von der Prekarisierung der sozialen Lagen bis hin zu einem Porno-Mainstream, der die Kids von früh an begleitet. Eine Kritik am pornografischen Status Quo findet kaum statt. Die Suche nach dem guten Sex auch nicht. Eine Befreiung von und durch Sexualität ist kein gesellschaftliches Großprojekt, sie ereignet sich täglich und konkret. Dennoch liegen die gesellschaftlichen Strukturen offen zu Tage, die dazu beitragen, dass Sex und Befreiung oft nicht miteinander einhergehen. Wer über Sex redet, darf von den gesellschaftlichen Verhältnissen nicht schweigen.

Das Versprechen der sexuellen Befreiung ist zu wichtig, als dass wir so tun sollten, als sei es eingelöst. In vielen Fällen ist sie »nur geträumt«. Und auch wenn sie immer ein unvollendetes Projekt bleiben wird – wir begreifen den Titel der Ausgabe als Aufforderung, uns die Frage von Sex und Emanzipation weiter vorzuhalten.

Deshalb hatten wir keine Lust, uns in dieser Ausgabe Sex nur als Problem anzuschauen – und noch weniger, weitere Gähn-Beiträge zur (wie vielten?) Pornowelle beizusteuern, vorzugsweise zu Künstlern, die auf Porno machen, oder vice versa.

Den Auftakt des Heftes bildet mit dem Beitrag von Gunter Schmidt eine Untersuchung der pathetischen Untertöne, die der Rede von der »Sexuellen Freiheit« zugrunde liegen. Ganz bei der Bedeutungszuschreibung bleibend löst im Anschluss Greta Christinas ironisch-fiktive Selbstbeobachtung die Bestimmung von Sex in eine Reihe scheiternder Definitionen auf. Berühmt durch ihre Durchkreuzungsstrategien sexueller Normierung denkt Peaches im Gespräch mit polar über die gegenwärtig möglichen Bedeutungen von Sexualität nach.

Aus unterschiedlicher Perspektive diskutieren drei Beiträge den Zusammenhang von Sex und Feminismus. Während Andrea Roedig das Verschwinden von Sex als Bestandteil der feministischen Debatte erörtert, untersucht Pınar Selek die politische Reichweite feministischer Bewegungen im Demokratieprozess in der Türkei. Cordelia Fine verabschiedet die Pappkameraden-Feministin als hinderlich, um die wissenschaftliche Verkennung von impliziten Wertevorstellungen aufzuklären.

Ob es eine öffentliche Verantwortung für sexuelle Bedürfnisse gibt, fragt aus einer gerechtigkeitstheoretischen Perspektive Stefan Gosepath und denkt in seinem Beitrag Justitia und Venus zusammen. »Sexuelle Gerechtigkeit« steht in dieser Ausgabe auch im Zentrum der Rubrik »Ist es links?«.

Einen weiteren Kontenpunkt des Hefts bildet das Wissen von und das Wissen durch Sex. So diskutiert Kathrin Ganz die Festschreibung der Vorstellungen von sexuellen Praktiken im Aufklärungsunterricht. Julia Seeliger erklärt emphatisch das Internet zum zentralen Ort der sexuellen Aufklärung. Die Verfestigung von stereotypen Rollenzuschreibungen im wissenschaftlichen Diskurs problematisiert Holly Davis anhand ihres eigenen Forschungsschwerpunkts über illegale Prostitution (S. 45), und Henriette Fiebig lädt in ihrem Beitrag ein in die Hinterstuben der Onlineenzyklopädien.

Den Zeichen der Zeit im zweiten Teil des Hefts folgend, geht Anna-Katharina Meßmer der zunehmenden Bedeutung der Intimchirurgie nach. Svenja Flaßpöhler zeigt, wie die öffentliche Omnipräsenz der Sexualität mit den Paradigmen der Selbstverwirklichung in der Arbeit und der Flexibilität des Wohnens einhergeht – und so den medialen Sex der Zukunft vorbereiten. Ein weitaus körperlicherer Gradmesser gesellschaftlicher Veränderung gerät mit Volker Woltersdorff in den Blick, der die BDSM-Szene und die Lust am Spiel mit der Macht als Spiegel für gesellschaftliche Tabuisierungen und Überschreitungen erklärt. Wie Tantra Möglichkeiten einer erotischen Kultur eröffnet oder therapeutische Ansätze zu einer befreiten Sexualität führen können erfahren Sie ebenfalls im zweiten Teil der Ausgabe.

Im dritten Teil des Hefts beantwortet Mark Greif in einem großen Essay die Frage, ob wir mit Lolita einen Skandal oder eine Gesellschaftskritik bei der Hand haben. Hinter seinem Aufruf, endlich erwachsen zu werden, steht eine facettenreiche Analyse der Sexualisierung des Kindes, mündend in einem fulminanten Plädoyer für das Alter, für die Erfahrung – und damit für eine Umwertung der gegenwärtigen sexuellen Werte.

Angesichts vieler Nachfragen von LeserInnen nach den Kunststrecken, haben wir ab dieser Ausgabe eine polar-edition organisiert. Aus den für polar exklusiv entstandenen Kunstwerken bieten wir regelmäßig eine kleine Anzahl von Originalen an. Mit der Serie der Künstlerin Katrin Plavcak »Pussy Pelzig auf Reisen« durchzieht das Heft eine Reihe von traumsequenzartigen und rätselhaften Collagen, die der Lust am Bild freien Raum lassen. An den unscharfen Grenzen zwischen Realität und Fiktion angesiedelt, werden auf den Videostills von Christian Jankowski Paare sichtbar, die im Moment der Nachinszenierung pornografischer Szenen plötzlich damit beginnen, von ihren eigenen Beziehungsproblemen zu erzählen.

Jadranka Kosorcic zerreißt den virtuellen Traumschleier des Online-Datings, indem sie sich für polar mit Usern real traf und ihre eigenen Bilder zeichnete. Die Collagen von Johannes Wohnseifer aus Bildern von Internet-Sexportalen und Versatzstücken aus Spam-Mails verfremden pornografischen Internetmüll zu verpixelten Ikonografien. Die Literarischen Intermezzi bilden diesmal eine Serie »Ungeschriebener Sexromane« von Alex Müller.

Sie erwartet ein Heft über Körper- und Bildpolitiken, über Sex als Sprache und Medium, als Ware und Utopie, über sexuelle Gerechtigkeit, über befreite Sexualität und den Rollback der Geschlechterverhältnisse, und – gerade das – über guten Sex jenseits von Sexismus.

Man kann über Sex nicht nur singen, sondern auch reden.

Fangen wir damit an.

Für die Redaktion Peter Siller, Bertram Keller



ERWIDERUNG

 
Greta Christina
Was zählt?
Zur Grauzone zwischen Sex und Nicht-Sex
 
Gunter Schmidt
Befreiung der Sexualität? Befreiung durch Sexualität?
Zur Problematik des Begriffs »sexuelle Freiheit«
 
Andrea Roedig
Unterm Spaß riecht es nach Angst
Wie der Feminismus seinen Sex verlor
 
Pınar Selek
Gegen die Wand der Maskulinität
Wie der Feminismus dazu beiträgt, die Logik des Krieges in der Türkei zu überwinden
 
Kathrin Ganz
Der Druck muss raus
Sexualaufklärung ohne Unsicherheitskultur
 
Holly Davis
Verhärtete Fronten
Für eine Waffenruhe in der Prostitutionsdebatte
 
Stefan Gosepath
Sex und Gerechtigkeit
Passen Justitia und Venus zusammen?
 
Interview Peaches
»Die sexuelle Revolution war männlich«
 
Corinna Mieth/Arnd Pollmann/Klaus Günther/Peter Siller
Ist es links? >Sexuelle Gerechtigkeit<



ERREGUNG

 
Anna-Katharina Meßmer
Fragen Sie Ihren örtlichen Vagina-Designer
Über Intimchirurgie und das Scheitern
 
Svenja Flaßpöhler
Alles Porno
Sex im Burnout-Zeitalter
 
Julia Seeliger
Macht Euch mal locker
Dates, Porno und Liebe im Internet
 
Volker Woltersdorff
Vernünftige Unvernunft?
Zur Lust am Spiel mit der Macht
 
Silvio Wirth
Den Tiger reiten
Tantra als Beitrag zu einer erotischen Kultur
 
Cordelia Fine
Abschied von der Pappkameraden- Feministin
Neurosexismus und Wissenschaftsgläubigkeit
 
Henriette Fiebig
Kopulierende Breitrandschildkröten n
Wie Online-Enzyklopädisten sich (nicht nur) hehren Zielen verschreibe
 
Amely Wahnschaffe
Liebe, Schmerz, Hoffnung
Ein paar Sexualitäten, vom Therapeutensessel aus gesehen
 
Aletta Diefenbach
Daphne und Alex
Eine Ur(bett)szene der sexuellen Befreiung
 
Johann S. Ach
Mensch und Tier
Bundesrats-Drucksache (300/1/12): Zur aktuellen Debatte um »Tierbordelle«
 
Marie Schmidt
Mein Halbes Jahr: >Literatur<
Jean Clam – Miranda July – Byung-Chul Han
 
Johannes von Weizsäcker
Mein Halbes Jahr: >Musik<
Sasha Grey – aTelecine – Carter Tutti Void – Throbbing Gristle – Factory Floor – Frank Ocean – Jon Spencer Blues Explosion – Ghikas-Walshe
 
Matthias Dell
Mein Halbes Jahr: >Film<
Zero Dark Thirty – Silver Linings Playbook – Paradies: Liebe



EMANZIPATION

 
Mark Greif
Im Hochsommer der Sexkinder
Plädoyer für die Wiederentdeckung des Erwachsenseins
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Rom/Hallo Karthago: >Nacht für Nacht<
 
Martin Saar
>SeXXX!<
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Jyoti Singh und der Feminismus in Indien<



SCHÖNHEITEN

 
Franziska Humphreys
Diskursive Explosionen
Die ewigen Spiralen von Lust und Macht: Michel Foucaults Geschichte der Sexualität
 
Johannes Kleinbeck
Nähren und Annähern
Absolute Vereinigung? »Liebesjubel« in Richard Wagners Siegfried
 
Leo Lencsés
Dramatische Verknappung
Der Koitus als vierte Dimension: Zur Malerei von William N. Copley
 
Jan Engelmann
Schöne Aussichten
Sexuelle Deutungsmuster: Wie HBO zeigt, was wir alles wissen wollen
 
Anna-Catharina Gebbers
Unperfekt
Nach der Pornowelle: Die Fotos von Heji Shin in MAKE LOVE
 
Lydia Hibbeln
Grausame Schönheit
Liebe zum Körper: Jacques Audiards Der Geschmack von Rost und Knochen
 
Arnd Pollmann
Flotter Vierer
Sublimierung auf höchstem Niveau: Das literarische Quartett
 
Anna-Katharina Meßmer
Fickt euch
Dann gleich Kristina Schröder: Catherine Hakims Erotisches Kapital
 
Elias Kreuzmair
Bößer Spaß
Wo fängt Macht an? Blumfelds Lass uns nicht von Sex reden
 
Daniel Herleth
Teil des Kalküls
Vielleicht die letzte Chance: Paul Schraders The Canyons


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