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polar #14: Sex und Befreiung




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Keller
Editorial



ERWIDERUNG

 

Greta Christina

Was zählt?

Zur Grauzone zwischen Sex und Nicht-Sex


Als ich anfing, mit anderen Leuten Sex zu haben, machte ich es mir zu Gewohnheit, sie zu zählen. Ich wollte einfach auf dem Laufenden bleiben, wie viele es sein würden. Es machte mich irgendwie stolz, ja, es sollte fortan zu meiner Identität gehören, ganz genau zu wissen, mit wie vielen Personen ich im Laufe meines Lebens Sex gehabt habe. Und wenn ich mich richtig erinnere: Len war der Erste, Chris war die Nr. 2, und an dritter Stelle kam dann zunächst dieser kleine, miese, schlafmittelabhängige Heavy-Metal-Typ, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere. Alan war die Nr. 4 usw. Schon bald ging mir, wenn ein Typ mit seinem Schwanz das erste Mal Einlass in das Reich meiner Muschi begehrte (ich hatte damals ausschließlich Sex mit Männern), nicht mehr durch den Kopf: »Oh Baby, Baby, dein Ding fühlt sich so gut an« oder »Was zur Hölle mache ich hier mit diesem fiesen Kerl?« oder »Boah, ist das langweilig. Was gerade wohl im Fernsehen läuft?«. Das einzige, was mir noch durch den Kopf ging, war: Nr. 7!

Erste Regelmäßigkeiten
Dieses Verfahren führte zu spannenden Ergebnissen. Ich suchte in den Zahlen erste Regelmäßigkeiten. Eine Zeit lang verfolgte ich die Theorie, dass sich genau bei jedem vierten Lover herausstellen würde, dass er großartig im Bett ist, und ich kam ins Grübeln, ob dieses Phänomen irgendeine kosmische Signifikanz besaß. Manchmal versuchte ich, aus der bloßen Anzahl der Leute, mit denen ich Sex gehabt hatte, herauszulesen, was ich selbst für eine Person war. Als ich 18 wurde, hatte ich Sex mit zehn verschiedenen Typen gehabt: War ich normal oder verklemmt? War ich eine totale Schlampe? Gehörte ich jetzt zur feingeistigen Boheme, oder was? Nicht, dass ich meine Zahlen mit den Zahlen anderer verglich. Das tat ich wirklich nicht. Es ging ganz allein um meine Charakterstruktur und um ein Spiel, das sich ausschließlich in der privaten Abgeschiedenheit meines Kopfes abspielte.

Die Zahlen fielen immer höher aus – wie das mit Zahlen nun mal so ist. Und es wurde immer schwerer, auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Ich glaubte zwar, mich daran erinnern zu können, dass der letzte Typ die Nr. 17 gewesen sein musste. Also wäre dieser jetzt hier Nr. 18. Aber sofort bekam ich Zweifel, ob ich mich nicht doch verrechnet hätte. Ja, ich lag nachts wach und dachte: »Also, da war Brad, dann dieser Typ an meinem Geburtstag, dann kam David und … Nein, warte, fast hätte ich den Kerl vergessen, mit dem ich mich damals habe volllaufen lassen, in der ersten Woche am College, bei diesem Kennenlerntreffen. Also das waren Nr. 7, 8, 9 …«. Und um zwei Uhr morgens etwa hatte ich es dann endlich raus. Dennoch blieb immer dieser leise Verdacht, dass ich vielleicht doch jemanden vergessen haben könnte; irgendeinen kleinen, schmierigen Drecksack, den ich offenbar vergessen wollte, weil ich ihn dazu eingeladen hatte, sich an meinem Körper zu vergnügen. Und so sehr ich diesen dämlichen Kerl auch vergessen wollte, so war es mir doch erheblich wichtiger, dabei endlich meine Zahlen auf die Reihe zu bekommen. [...]


 
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