Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #14: Sex und Befreiung




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Keller
Editorial



ERWIDERUNG

 
Greta Christina
Was zählt?
Zur Grauzone zwischen Sex und Nicht-Sex
 
 

Gunter Schmidt

Befreiung der Sexualität? Befreiung durch Sexualität?

Zur Problematik des Begriffs »sexuelle Freiheit«


Vorstellungen von »sexueller Freiheit« durchwehen ausgesprochen oder unausgesprochen fast alle Diskurse zur Sexualität. Freiheit und Befreiung sind pathetische Begriffe, sie laufen Gefahr, unsere ohnehin überfrachteten Erwartungen an die Sexualität mit transzendierenden Bedeutungen und illusionär aufzuladen.

Unpathetische und pathetische Befreier
Am sympathischsten sind mir deshalb diejenigen Freiheitsbewegungen, die dies vermeiden, die pragmatisch, eben unpathetisch sind. Sie definieren Befreiung als Freisetzung der Sexualität von einschränkenden Konventionen oder, noch nüchterner, als eine Ausweitung sexueller Optionen und Rechte. Drei Beispiele solcher Ansätze aus der neueren Geschichte der Sexualität nenne ich pars pro toto: Magnus Hirschfeld und die erste Schwulenbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts entstand, sich für die gleichgeschlechtliche Option einsetzte und gegen Diskriminierung und Verfolgung von Schwulen und Lesben kämpfte. Eine andere unpathetische, gleichwohl eminent erfolgreiche sexualpolitische Freiheitsbewegung ist die zweite Frauenbewegung in den 1970er und 1980er Jahren, die unter anderem die Geschlechterangleichung im Hinblick auf sexuelle Optionen und Rechte durchsetzten und Respekt vor der sexuellen Besonderheit von Frauen und Männern.

Eine drittes unpathetisches und besonders weitreichendes Freiheitskonzept formulierte der bedeutende US-amerikanische Sexualforscher Alfred Kinsey in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Er begriff die (damalige) Zivilisation als Widersacher der Sexualität. Als Biologe und Taxonom hatte er sich, bevor er Sexualforscher wurde, jahrelang evolutionsbiologisch und wissenschaftlich sehr erfolgreich mit der unüberschaubaren Vielfalt der Erscheinungsformen eines Insekts, der Gallwespe, befasst. Als Sexualforscher faszinierte ihn nun die »unlimited nonidentity«, die unbegrenzte Ungleichheit des sexuellen Verhaltens der Menschen, und ihn erboste, dass diese wunderbare, »natürliche« Fülle durch die traditionelle Moral zur Monokultur des heterosexuell-prokreativ-ehelichen Koitus in Missionarsstellung verkümmerte. Er war, aus heutiger Sicht, ein naiver Naturalist. Aber er entzog sich der Versuchung, der die meisten Sexualreformer erlagen, nämlich sexuelle Richtigkeit zu definieren, damit zu verschreiben und neue Grenzen zu setzen. Moderne Begriffe wie »Paraphilie« oder gar »sexuelle Gesundheit« wären ihm ein Gräuel gewesen. Ein 50-jähriger Mann, der seit seinem 15. Geburtstag jeden Tag mindesten einen Orgasmus hatte, und ein Gleichaltriger, der seit dem Jugendalter insgesamt nur drei Orgasmen erlebt hatte, waren für ihn nicht »sexuell süchtig« bzw. »sexuell gehemmt«, sondern präsentierten nur extreme Ausprägungen im Rahmen der »unlimited nonidentity«. [...]


 
Andrea Roedig
Unterm Spaß riecht es nach Angst
Wie der Feminismus seinen Sex verlor
 
Pınar Selek
Gegen die Wand der Maskulinität
Wie der Feminismus dazu beiträgt, die Logik des Krieges in der Türkei zu überwinden
 
Kathrin Ganz
Der Druck muss raus
Sexualaufklärung ohne Unsicherheitskultur
 
Holly Davis
Verhärtete Fronten
Für eine Waffenruhe in der Prostitutionsdebatte
 
Stefan Gosepath
Sex und Gerechtigkeit
Passen Justitia und Venus zusammen?
 
Interview Peaches
»Die sexuelle Revolution war männlich«
 
Corinna Mieth/Arnd Pollmann/Klaus Günther/Peter Siller
Ist es links? >Sexuelle Gerechtigkeit<



ERREGUNG

 
Anna-Katharina Meßmer
Fragen Sie Ihren örtlichen Vagina-Designer
Über Intimchirurgie und das Scheitern
 
Svenja Flaßpöhler
Alles Porno
Sex im Burnout-Zeitalter
 
Julia Seeliger
Macht Euch mal locker
Dates, Porno und Liebe im Internet
 
Volker Woltersdorff
Vernünftige Unvernunft?
Zur Lust am Spiel mit der Macht
 
Silvio Wirth
Den Tiger reiten
Tantra als Beitrag zu einer erotischen Kultur
 
Cordelia Fine
Abschied von der Pappkameraden- Feministin
Neurosexismus und Wissenschaftsgläubigkeit
 
Henriette Fiebig
Kopulierende Breitrandschildkröten n
Wie Online-Enzyklopädisten sich (nicht nur) hehren Zielen verschreibe
 
Amely Wahnschaffe
Liebe, Schmerz, Hoffnung
Ein paar Sexualitäten, vom Therapeutensessel aus gesehen
 
Aletta Diefenbach
Daphne und Alex
Eine Ur(bett)szene der sexuellen Befreiung
 
Johann S. Ach
Mensch und Tier
Bundesrats-Drucksache (300/1/12): Zur aktuellen Debatte um »Tierbordelle«
 
Marie Schmidt
Mein Halbes Jahr: >Literatur<
Jean Clam – Miranda July – Byung-Chul Han
 
Johannes von Weizsäcker
Mein Halbes Jahr: >Musik<
Sasha Grey – aTelecine – Carter Tutti Void – Throbbing Gristle – Factory Floor – Frank Ocean – Jon Spencer Blues Explosion – Ghikas-Walshe
 
Matthias Dell
Mein Halbes Jahr: >Film<
Zero Dark Thirty – Silver Linings Playbook – Paradies: Liebe



EMANZIPATION

 
Mark Greif
Im Hochsommer der Sexkinder
Plädoyer für die Wiederentdeckung des Erwachsenseins
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Rom/Hallo Karthago: >Nacht für Nacht<
 
Martin Saar
>SeXXX!<
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Jyoti Singh und der Feminismus in Indien<



SCHÖNHEITEN

 
Franziska Humphreys
Diskursive Explosionen
Die ewigen Spiralen von Lust und Macht: Michel Foucaults Geschichte der Sexualität
 
Johannes Kleinbeck
Nähren und Annähern
Absolute Vereinigung? »Liebesjubel« in Richard Wagners Siegfried
 
Leo Lencsés
Dramatische Verknappung
Der Koitus als vierte Dimension: Zur Malerei von William N. Copley
 
Jan Engelmann
Schöne Aussichten
Sexuelle Deutungsmuster: Wie HBO zeigt, was wir alles wissen wollen
 
Anna-Catharina Gebbers
Unperfekt
Nach der Pornowelle: Die Fotos von Heji Shin in MAKE LOVE
 
Lydia Hibbeln
Grausame Schönheit
Liebe zum Körper: Jacques Audiards Der Geschmack von Rost und Knochen
 
Arnd Pollmann
Flotter Vierer
Sublimierung auf höchstem Niveau: Das literarische Quartett
 
Anna-Katharina Meßmer
Fickt euch
Dann gleich Kristina Schröder: Catherine Hakims Erotisches Kapital
 
Elias Kreuzmair
Bößer Spaß
Wo fängt Macht an? Blumfelds Lass uns nicht von Sex reden
 
Daniel Herleth
Teil des Kalküls
Vielleicht die letzte Chance: Paul Schraders The Canyons


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