Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #14: Sex und Befreiung




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Keller
Editorial



ERWIDERUNG

 
Greta Christina
Was zählt?
Zur Grauzone zwischen Sex und Nicht-Sex
 
Gunter Schmidt
Befreiung der Sexualität? Befreiung durch Sexualität?
Zur Problematik des Begriffs »sexuelle Freiheit«
 
Andrea Roedig
Unterm Spaß riecht es nach Angst
Wie der Feminismus seinen Sex verlor
 
Pınar Selek
Gegen die Wand der Maskulinität
Wie der Feminismus dazu beiträgt, die Logik des Krieges in der Türkei zu überwinden
 
Kathrin Ganz
Der Druck muss raus
Sexualaufklärung ohne Unsicherheitskultur
 
 

Holly Davis

Verhärtete Fronten

Für eine Waffenruhe in der Prostitutionsdebatte


Als Wissenschaftlerin, die über illegale Straßenprostitution in den USA forscht, muss ich mich mit meinem eigenen Standpunkt zur Prostitution auseinandersetzen. Diese Frage wird umso drängender, je mehr meine eigene Arbeit an die Öffentlichkeit gelangt. Doch eine Antwort fällt mir nicht leicht, denn der aktuelle Prostitutionsdiskurs gleicht einem Schlachtfeld. Hier steht viel auf dem Spiel – wer sich zu einer Position bekennt, muss akademische, politische und soziale Konsequenzen in Kauf nehmen. Die heute geführten Kämpfe sind reaktionär, völlig antagonistisch und schüren Ängste bei allen, die sich mit dem Thema befassen möchten. Nicht selten bleiben Narben zurück, sei es auf Konferenzen, beim Verfassen von wissenschaftlichen Texten, selbst in beiläufigen Unterhaltungen mit anderen FeministInnen.

Was mit einer geringfügigen Uneinigkeit in der zweiten Welle der westlichen Frauenbewegung begann, entwickelte sich zu regelrechten »sex wars«, als in den 1960er Jahren Sexarbeit zur entscheidenden Streitfrage wurde. Seitdem sind FeministInnen gezwungen, sich für eines der beiden ideologischen Lager zu entscheiden: Auf der einen Seite stehen die VerteidigerInnen von Sexarbeit, die Prostitution als legitime Arbeit ansehen und sie folglich entkriminalisieren oder vollständig legalisieren wollen. Sex-positive FeministInnen machen soziale Stigmatisierung, eine patriarchiale Doppelmoral und die Illegalität von Prostitution als eigentliche Ursache für Gewalt gegen Sexarbeiterinnen namhaft. Auf der anderen Seite stehen radikale ProstitutionsgegnerInnen, die Prostitution prinzipiell als sexuelle Ausbeutung verstehen. VertreterInnen dieser Position verweisen auf Gewalt und Verdinglichung und fordern die vollständige Abschaffung von Prostitution.

Romantisierung und Verdammung
VerteidigerInnen von Sexarbeit, meist Liberale oder »sex-radikale« FeministInnen, unterschätzen die negativen Seiten von Prostitution: Zwang, Gewalt, Drogenmissbrauch, psychisches und physisches Leid. Häufig gelingt es ihnen nicht, die strukturell gewalttätigen Kontexte von Prostitution wahrzunehmen und zu kritisieren. Dieser Teil der feministischen Literatur ist notorisch verzerrt, er leidet unter einem »romanticism bias«. Die andere Seite, meist radikale FeministInnen, thematisiert dagegen kaum Aspekte wie Wahlfreiheit, Lust, sexuelle Handlungsmacht, finanziellen Nutzen, Empowerment und überhaupt alles, was auf positive Momente von Prostitution hinweisen könnte. Dies führt zu einem »condemnation bias«, einer Verzerrung durch die undifferenzierte Ablehnung von Prostitution. Nur selten gibt es Projekte, die beide Perspektiven verbinden. Allzu oft hat man es mit verfälschten Ergebnissen zu tun, die lediglich die politischen Motivationen der AutorInnen widerspiegeln. Ein umfassender, alle Aspekte von Prostitution einbeziehender Blick wird damit verhindert. Der gegenwärtige Prostitutionsdiskurs wird aber nicht nur durch ideologische Grenzen beschränkt, er ist auch von persönlichen Angriffen bestimmt, die die Grenzen konstruktiver Kritik längst überschritten haben. [...]


 
Stefan Gosepath
Sex und Gerechtigkeit
Passen Justitia und Venus zusammen?
 
Interview Peaches
»Die sexuelle Revolution war männlich«
 
Corinna Mieth/Arnd Pollmann/Klaus Günther/Peter Siller
Ist es links? >Sexuelle Gerechtigkeit<



ERREGUNG

 
Anna-Katharina Meßmer
Fragen Sie Ihren örtlichen Vagina-Designer
Über Intimchirurgie und das Scheitern
 
Svenja Flaßpöhler
Alles Porno
Sex im Burnout-Zeitalter
 
Julia Seeliger
Macht Euch mal locker
Dates, Porno und Liebe im Internet
 
Volker Woltersdorff
Vernünftige Unvernunft?
Zur Lust am Spiel mit der Macht
 
Silvio Wirth
Den Tiger reiten
Tantra als Beitrag zu einer erotischen Kultur
 
Cordelia Fine
Abschied von der Pappkameraden- Feministin
Neurosexismus und Wissenschaftsgläubigkeit
 
Henriette Fiebig
Kopulierende Breitrandschildkröten n
Wie Online-Enzyklopädisten sich (nicht nur) hehren Zielen verschreibe
 
Amely Wahnschaffe
Liebe, Schmerz, Hoffnung
Ein paar Sexualitäten, vom Therapeutensessel aus gesehen
 
Aletta Diefenbach
Daphne und Alex
Eine Ur(bett)szene der sexuellen Befreiung
 
Johann S. Ach
Mensch und Tier
Bundesrats-Drucksache (300/1/12): Zur aktuellen Debatte um »Tierbordelle«
 
Marie Schmidt
Mein Halbes Jahr: >Literatur<
Jean Clam – Miranda July – Byung-Chul Han
 
Johannes von Weizsäcker
Mein Halbes Jahr: >Musik<
Sasha Grey – aTelecine – Carter Tutti Void – Throbbing Gristle – Factory Floor – Frank Ocean – Jon Spencer Blues Explosion – Ghikas-Walshe
 
Matthias Dell
Mein Halbes Jahr: >Film<
Zero Dark Thirty – Silver Linings Playbook – Paradies: Liebe



EMANZIPATION

 
Mark Greif
Im Hochsommer der Sexkinder
Plädoyer für die Wiederentdeckung des Erwachsenseins
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Rom/Hallo Karthago: >Nacht für Nacht<
 
Martin Saar
>SeXXX!<
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Jyoti Singh und der Feminismus in Indien<



SCHÖNHEITEN

 
Franziska Humphreys
Diskursive Explosionen
Die ewigen Spiralen von Lust und Macht: Michel Foucaults Geschichte der Sexualität
 
Johannes Kleinbeck
Nähren und Annähern
Absolute Vereinigung? »Liebesjubel« in Richard Wagners Siegfried
 
Leo Lencsés
Dramatische Verknappung
Der Koitus als vierte Dimension: Zur Malerei von William N. Copley
 
Jan Engelmann
Schöne Aussichten
Sexuelle Deutungsmuster: Wie HBO zeigt, was wir alles wissen wollen
 
Anna-Catharina Gebbers
Unperfekt
Nach der Pornowelle: Die Fotos von Heji Shin in MAKE LOVE
 
Lydia Hibbeln
Grausame Schönheit
Liebe zum Körper: Jacques Audiards Der Geschmack von Rost und Knochen
 
Arnd Pollmann
Flotter Vierer
Sublimierung auf höchstem Niveau: Das literarische Quartett
 
Anna-Katharina Meßmer
Fickt euch
Dann gleich Kristina Schröder: Catherine Hakims Erotisches Kapital
 
Elias Kreuzmair
Bößer Spaß
Wo fängt Macht an? Blumfelds Lass uns nicht von Sex reden
 
Daniel Herleth
Teil des Kalküls
Vielleicht die letzte Chance: Paul Schraders The Canyons


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