Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #5: Politik der Freundschaft



EDITORIAL

 
Peter Siller,/Bertram Keller
Editorial



INS HERZ

 
Georg W. Bertram
Was uns aneinander bindet
Das komplexe Netz freundschaftlicher Beziehungen
 
Peter Siller
Grundlose Freunde
Zur Irritation intrinsischer Verbundenheit
 
Interview Ann Elisabeth Auhagen
»Sei dein Freund«
 
Martin Hecht
Netzwerk statt Fachwerk
Die neue Autonomie der Freundschaft
 
Jörn Lamla/Thies W . Böttcher
»Social Net«-Work
Freundschaft als digitale WerbeflÀche
 
Jörg Benedict
Jenseits von Ehe und Familie
Amorphe Sonderverbindungen: Freundschaft als Rechtsinstitut
 
Sebastian Groth
Völkerfreundschaft
Zur Grauzone zwischen protokollarischer Inszenierung und politischem Ereignis
 
Julien Lennert
An der Grenze
Panarabismus und FlĂŒchtlingspolitik in Syrien
 
 

Hilal Sezgin

Mein Freund, das Schaf

Von StÀdtern, Bauern und ihren Tieren


Sie versammeln sich am Zaun, wenn ich von Reisen nach Hause komme; wenn ich mich hinknie, erschnuppern sie mit ihren grasgrün gefärbten Schnauzen, was ich zuletzt gegessen haben mag. Die mich schon seit ihren ersten Lebenstagen kennen, nagen an der Kordel meines Kapuzenpullis, und die zahmsten von ihnen antworten auf ihren Namen mit speziestypischer Höflichkeit: mit dem vollen Bass des dicken runden Milchschafs, der Heiserkeit des Hammels oder dem Kieksen eines jungen Bocks, der gerade im Stimmbruch ist. Letzterer kommt jetzt in das Alter, in dem Lämmer geschlachtet werden ... Jemanden schlachten lassen, mit dem man befreundet ist?

Früher war mir nicht bewusst, dass man mit Schafen befreundet sein kann – mit Katzen, klar. Mit Alligatoren – vielleicht, wenn man ein Freak und im Besitz eines großen Aquariums ist. Aber Schafe … »Schafe sind Wolken, die den Boden lieben«, dichtet Jan Wagner, und wie Wolken nehmen wir auch sie meist nur als vorbeiziehende Herde formloser Puscheligkeit wahr. Bis wir näher ran gehen. Mit ihnen vertraut werden. Dann unterscheiden wir den Zwitter Joy mit seiner/ihrer Vorliebe, auf Strohballen rauf und runter zu springen, von seinem Bruder Josh, der beim Trinken immer so unglaublich laut schlürft.

Ist es übertrieben, Schafen menschliche Namen zu geben? Denkt man bei der Erwähnung von »Vorliebe« und »Höflichkeit« nicht fast automatisch an Anthropomorphismus, an die Vermenschlichung des Tieres? Einem gängigen Vorurteil nach ist es ohnehin nur der Städter, der mit den Tieren befreundet ist, während sie der Landwirt nüchtern betrachtet und verwertet. Doch diese Mär vom gefühllosen Bauern und dem sentimentalen Städter ist selbst nur ein weiterer urban myth. Man frage nur einmal die alteingesessene Landbevölkerung nach ihren Tieren: Es wird herauskommen, dass Frau H. in ihrer Küche saisonbedingte Hygieneprobleme hat, weil eine Schwalbe jedes Jahr aufs Neue glaubt, man könne nur in der Ecke über dem Kühlschrank brüten; und dass Dorle v. E. früher die Gans ins Gästebett setzte, damit diese sich dort in Ruhe um ihre Gösseln kümmern konnte.

Man hört auch von Herrn P., der, als Wildschweine zuletzt seinen Garten verwüsteten, nicht etwa zum Gewehr, sondern nach einem der Frischlinge griff und ihn zum Haustier erzog. Bauer Soundso wiederum hat beim Mähen ein Reh verletzt, das Kitz war unversehrt, und die Familie zog es mit der Flasche auf. Noch heute, längst erwachsen und in Freiheit, kommt es abendlich gern zu Besuch, setzt sich aufs Sofa und schaut Tatort oder Tagesschau. Nichts spricht deutlicher für den Werteuniversalismus der Sofagemütlichkeit als ihre speziesübergreifende Attraktivität!
Nun sind Niedersachsens Wälder ja derart mit Hochsitzen gepflastert, dass man meinen könnte, die hiesige Bevölkerung ernähre sich fast ausschließlich von selbst Geschossenem. Das Reh der Familie P. trägt daher ein reflektierendes Halsband, damit die Jagdgesellschaft es erkennt und verschont. Und schon sind wir bei dieser sonderbaren Grenze, die den Freund eben doch vom Rest seiner Herde, von der Mehrheit seiner Spezies trennt – was unser Verhalten ihm gegenüber angeht und den Schutz durch die Moral. Wieso zum Beispiel gab Michel aus Lönneberga dem einen Ferkel einen Namen (»Ferkelchen«) und verzehrte frohgemut Blutklößchen aus dem Fleisch und Blut eines anderen Schweins?

Der Hund des Philosophen

Bleibt man bei der Gegenüberstellung der beiden Prototypen Stadtmensch, der über Tiere philosophiert, und Landwirt, der mit Tieren umgeht, möchte ich behaupten: Der Philosoph plädiert abstrakt für moralischen Universalismus, hält sich aber alles Tierische mittels tausender »guter« Gründe und Kategorien fern; der nicht-philosophische Mensch im Kontakt mit dem konkreten Tier kommt diesem viel näher, hat dafür aber mit der Missachtung eines moralischen Universalismus meist gar kein Problem. Der Philosoph meint, kurz gesagt: Wir müssten die Interessen der Tiere stärker berücksichtigen, wenn erst einmal erwiesen sei, dass sie welche hätten … Der Bauer sagt: Natürlich hat jede Sau ihren eigenen Charakter, aber wenn es ums Schlachten geht, was folgt daraus?

Vis-à-vis jedenfalls, im Einzelfall, machen es uns Tiere wunderbar leicht, mit ihnen befreundet zu sein. Zwar geht Liebe auch bei ihnen zunächst durch den Magen, doch wenn dieser Weg zwei, drei Mal beschritten ist, kommt eine enorme, übers Materielle hinausgehende Anhänglichkeit hinzu. Um die Freundschaft eines Tiers zu gewinnen, müssen wir daher nicht besonders schlau sein, nicht besonders hübsch, ja nicht einmal besonders lieb. Wie Kinder freuen sich auch Tiere bereits über das Wenige, und wie Kindern wird auch ihnen dies oft zum Verhängnis. Sie packen nicht ihre Siebensachen, wenn sie schlecht behandelt werden, sondern zeigen große Standorttreue, die eine Treue zum dort lebenden Menschen mit einschließt.

Und doch wird es einem nicht leicht gemacht, mit Tieren befreundet zu sein, in theoretischer Hinsicht nämlich. Generationen von Philosophen und Biologen haben viel Zeit und Wissenschaft darauf verwandt, einen tiefen Graben zwischen dem Menschen und dem Rest der Tierwelt auszuheben: hier Vernunft, dort Trieb (oder, wie es später hieß, Instinkt). Hier Sprache, dort Laute; hier Selbstbewusstsein, dort dumpfes Sein. Was diesen Graben angeht, arbeiteten Behavioristen, Instinkttheoretiker und genetische Deterministen Hand in Hand, waren und sind sich die Philosophen vor und nach dem linguistic turn merkwürdig einig. Als blamabel gilt es den meisten Natur- und Geisteswissenschaftlern, fürs tierische Verhalten Vokabeln zu verwenden, die aus dem menschlichen Kontext stammen und vermeintlich auf ihn zu beschränken sind. Immerhin hat es in den letzten Jahren einige Philosophen gegeben, die den allgegenwärtigen Vorwurf des Anthropomorphismus zurückzuweisen versuchten. Recht bekannt ist die Argumentation des Sprechakttheoretikers John Searle, warum sein Hund Bewusstsein habe, und mancher weiß auch von Raymond Gaitas Buch »The Philosopher’s Dog«. Biologen versuchen die so genannte gebildete Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Tiere Erlerntes weitergeben und denken können (z.B. Donald R. Griffin: »Wie Tiere denken«), dass sie spielen und Spaß am (artgerechten) Leben haben (Jonathan Balcombe: »Tierisch vergnügt«).

Sind das nicht eigentlich alles Selbstverständlichkeiten? Sie sind es gewesen, so muss man vermutlich sagen, bevor eifrige Ideologen im Dienst des Menschen sie uns ausgeredet haben. Immer wieder. Seit der Antike unterliegt der abendländischen Kultur die leise Ahnung, dass die Ausnutzung des Tiers und seine Missachtung als Gefährte ein schweres zivilisatorisches Verbrechen sei; doch für jeden, der Antivivisektionist oder Vegetarier war, haben zwölf andere ihre Stimme erhoben, um uns das schlechte Gewissen wieder rein- und das Tier als Freund auszureden. Infam ist der in diesem Zusammenhang oft erhobene »Vorwurf«, deutsche Tierschutzvereine zählten mehr Mitglieder als der Kinderschutzbund. Werden in diesem Land etwa Millionen von Menschenkindern in Stall und Labor gequält, verstümmelt und verschlissen?

Natürliche Freunde

Eine echte Tierfreundin ist schließlich auch die Gorilladame Koko, die man Gebärdensprache lehrte und die sich mit Vorliebe Kaninchen, Hund und Katze als Haustiere hält; ein ähnliches Dilemma wie mancher menschliche Tierfreund durchlitt ihr Gefährte Michael, der sich (ebenfalls per Zeichensprache) über die Katze ereiferte, nachdem er Zeuge einer ihrer Jagderfolge (Amsel) geworden war.

Überhaupt scheint bei Menschenaffen eine Affinität gerade zur Katze genetisch angelegt zu sein, so wie es dem Menschen wohl in die Wiege gelegt ist, sich für andere Tierarten zu interessieren. Wenn man Edward O. Wilsons Buch »On Human Nature« mit etwas Wohlwollen liest, versteht man, dass dem Tier homo sapiens evolutionsgeschichtlich nichts näher liegt als tierfreundliches Leben, also das Nebeneinander und teilweise auch Miteinander mit anderen Spezies. Einem Fehler im System, einem Mangel an Vernunft ist eher das Gegenteil geschuldet: Der misshandelte und dennoch treue Hund, die vertrauensvolle Legehenne. Glücklicherweise ahnt ein Lamm wie der schlürfende Josh nicht, was auf so mancher Speisekarte steht, und bleibt daher hoffentlich noch lange Menschenfreund.



 
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Ina Kerner
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