Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #20: Expertokratie




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial


VERMITTELN

 
Carl Friedrich Gethmann
Macht und Befreiung
Wissenschaftliche Politikberatung in Deutschland
 
Thomas Biebricher
Die Nonchalance der Kommission
Technokratie in der Krise
 
Rudolph Speth
Lasst uns nur machen
Demokratieverlust durch Expertokratie
 
Ulrike Meyer
Politik mit Tarnkappe
Warum Demokratie Werte statt Wahrheit braucht
 
 

Jan Engelmann

Wahrheit ist Arbeit

Wikipedianer als Fehlerfinder


Wikipedia ist der Maschinenraum des Weltwissens. Doch ob bestimmte Tatsachenbehauptungen wahr oder falsch sind, entscheiden längst nicht mehr nur Menschen. Die Entwicklung vom Mitmach-Netz zum Semantic Web setzt auf strukturierte Daten und deren algorithmische Verknüpfung.

Was in der Theorie nicht funktionieren konnte, ist in der Praxis mittlerweile das größte Schreibprojekt der Menschheitsgeschichte geworden: Die Wikipedia, 2001 aus der Taufe gehoben, hat mit ihrer wahnwitzigen Vision, das gesamte Weltwissen frei zur Verfügung zu stellen, Abertausende von freiwilligen Autoren und Abermillionen von Lesern gefunden. In über 290 Sprachversionen wird permanent an alten und neuen Lemmata gewerkelt, die tolle Real-Time-Soundinstallation »Listen to Wikipedia« (http://listen.hatnote.com/) gibt eine Ahnung von der Betriebsamkeit dieses bildungsbeflissenen Bienenstocks.

Allein, es scheint eine gewisse Tragik in der Tatsache zu liegen, dass für viele Nutzer des digitalen Nachschlagewerks Wikipedia zu der verlässlichsten Quelle schlechthin geworden ist. Die ständige Klage von Lehrern und Professoren, wonach ganze Hausarbeiten aus der Wikipedia entlehnt würden, deutet auf ein althergebrachtes Verständnis von Referenz, das die in der Wikipedia präsentierten Fakten und Gewichtungen ebenso wenig hinterfragt wie früher den Brockhaus. Dies steht jedoch im eklatanten Widerspruch zu den Wurzeln dieses Projekts, das aus der Open-Source-Kultur kommend Vorläufigkeit und den Mut zu Fehlern ausdrücklich ermunterte. Dass das Ganze ein work in progress sein sollte und eben kein mit Goldkante verziertes last word, war die Übereinkunft jener selbstorganisierten Projektpioniere, die sich enthusiastisch an das Schreiben der ersten Artikel machten und heute immer mehr mit Qualitätskontrolle und der Abwehr von PR-Agenturen beschäftigt sind.

Fehlerfinder am Werk
Wikipedianer sind keine Wahrheitssucher, sie sind Fehlerfinder. Den initialen Antrieb, an der Online-Enzyklopädie mitzuarbeiten, schilderte ein Wikipedianer neulich so: »In einem Artikel war etwas falsch. Das konnte ich nicht so gut vertragen.« Das Defizitäre, Unfertige ist also Wesensmerkmal dieser Enzyklopädie und ihrer sozialen Dynamik. Um allerdings eine objektive Hürde für die Aufnahme neuer Inhalte zu etablieren, wurde die Nachprüfbarkeit von Aussagen zu einer notwendigen Bedingung für die Mitarbeit - und das Regelwerk darüber komplex. In der englischen Wikipedia ist unter dem Shortcut WP:V die umfangreiche Quellen-Policy dargelegt, deutsche Nutzer halten sich an die Hilfeseite WP:Belege. [...]



 
Oliver Lepsius
Eine Super-Nanny?
Das Bundesverfassungsgericht als Garant eines [Text Text Text Text Text Text Text]
 
Interview Gabriele Dietze
Sexualität und Wahrheit
 
Thomas Hoffmann
Verschwörungstheorien
Wenn aus vernünftiger Sinnstiftung prekärer Nonsense wird
 
Hans Peter Peters
Zwickmühle des Wissens
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im öffentlichen



VERMUTEN

 
Rainald Goetz
Spekulativer Realismus
 
Maurizio Ferraris
Manifest des neuen Realismus
Ein Auszug
 
Annika Bender
Spektakulärer Realismus
Kunstkritische Anmerkungen zum Spekulativen Realismus
 
Thomas Schramme
Wenn Philosophen aus der Hüfte schießen
Die Untiefen angewandter Ethik
 
Ludger Schwarte
Wahrheit in Bildern
Das Unvordenkliche zeigen
 
Michael Eggers
Echt jetzt.
Die neue Wirksamkeit der Künste und Medien
 
Achim Geisenhanslüke
Ein schwieriges Verhältnis
Über Literatur und Wahrheit
 
Peter Siller
Mein halbes Jahr: >Comic<
 
Johannes von Weizsäcker
Mein halbes Jahr: >Musik<
 
Johanna-Charlotte Horst
Mein halbes Jahr >Literatur<
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr >Film<



VERHANDELN

 
Peter Siller
Der Streit um das Allgemeine
Parteien als entscheidende Institution in der demokratischen
 
Michael Koß
Demokratische Nebenwirkungen
Gibt es eine Krise des Parlamentarismus?
 
Stefan Huster/Bertram Lomfeld/Arnd Pollmann/Peter Siller
Ist es links?: >Wahrheit<
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Die Sache mit Hitler<



SCHÖNHEITEN

 
Luisa Banki
Logik und Verbrechen
Der Experte als Ästhet: Sherlock Holmes im TV
 
Tilman Salomon
Sokratik und Sophistik
Think Tanks und Philosophenkönige: Platons
 
Franziska Humphreys
Stimme des Gewissens
Die Wahrheit stirbt zuletzt: Salvador Allendes letzte
 
Christoph Raiser
Immer der Nase nach
Lehrstück über Minister und Experten: Die Graphic
 
Patrick Thor
Sie waren Humanisten
Expertokratische Aushöhlung: Michel Houellebecqs
 
Elias Kreuzmair
Candy Says
Expertisen über das Andere und das Eigene: Thomas
 
Ann-Charlotte Günzel
Information Is Power
Wissensutopie Internet: Aaron Swartz’ The Info
 
Julia Roth
Umkämpfte Demokratie
Die Anstrengung lohnt sich: Wendy Browns
 
Kerstin Carlstedt
Unwürdige Performance
Hybris: Die Stunde der Dilettanten von Thomas
 
Anna-Catharina Gebbers
Glühende Bekenntnisse
Provokation der Wahrheit: Künstlermanifeste


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