Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #20: Expertokratie




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial


VERMITTELN

 
Carl Friedrich Gethmann
Macht und Befreiung
Wissenschaftliche Politikberatung in Deutschland
 
Thomas Biebricher
Die Nonchalance der Kommission
Technokratie in der Krise
 
 

Rudolph Speth

Lasst uns nur machen

Demokratieverlust durch Expertokratie


Ohne Experten und ihr Wissen geht heute nichts mehr, in keinem gesellschaftlichen Bereich. Überall sind Experten anzutreffen und fordern für ihr Wissen Respekt und Anerkennung ein. Die Modernisierung der Gesellschaft und der Politik bringt den Trend zur Spezialisierung mit sich. Wer etwas will und kann, der gibt sich als Experte für sein Thema aus. Expertise ist heute längst nicht mehr auf die Wissenschaft und eine kontrollierte Weise der Erzeugung von Wissen reduziert. Expertise und Expertentum sind eine Form der Behauptung von Kompetenz und Zuständigkeit für einen bestimmten Wissensbereich. Insofern können wir von einer »Herrschaft der Experten« sprechen. Experten müssen kontrolliert werden, denn jedes Wissen ist perspektivisch, d. h. es gibt kein neutrales Wissen. Jedes Wissen wird unter bestimmten Bedingungen erzeugt und dazu gehört auch, dass damit Interessen verbunden sind. Ein »interesseloses Wissen« - von dessen Existenz sind immer weniger überzeugt. Der Trend zu Spezialisierung und das Auftreten von Experten haben auch Auswirkungen auf das Verständnis und die Praxis von Demokratie. Denn demokratische Meinungsbildung und Entscheidungen vollziehen sich unter Zuhilfenahme von Expertise. Politische Forderungen werden von Experten vorgebracht. Die Meinung des »einfachen« Bürgers wird zwar noch in Wahlen erfragt, doch wenn es um die Vorbereitung und Ausgestaltung von politischen Entscheidungen geht, dann werden immer häufiger Experten herangezogen. Dies macht sich auf allen politischen Ebenen und in vielen politischen Bereichen der politischen Beteiligung bemerkbar. 

Ist aber auch alles so kompliziert
Auf der nationalen Ebene kommt Politik nicht mehr ohne den Rat der Experten aus. Bei jeder Gesetzgebung werden in Berlin wissenschaftliche Gutachten eingeholt, weil auch Abgeordnete nicht mehr »alles« wissen können. Wichtiger noch: Viele Themen sind so kompliziert geworden, dass man sie ohne den Rat der Experten kaum mehr durchdringen kann. Beispiele dafür gibt es genügend. Bei den Reformen des Gesundheitssystems in den letzten Jahren wird der Rat von Gesundheitsökonomen und anderen Wissenschaftlern benötigt, weil ohne diesen Rat kaum mehr eine Gesetzgebung möglich ist. Eine Vielzahl anderer Bereiche lässt sich nennen: Sozialpolitik, Finanzpolitik, Umweltpolitik und Verbraucherschutz. Überall werden Gutachten eingeholt, weil das »normale« Wissen der Abgeordneten und auch der Ministerialbeamten nicht ausreicht. Nach Peter Weingart und Justus Lentsch, die zu diesem Thema ein großes Projekt an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt haben, benötigt jede politische Entscheidung eine zweifache Legitimation: Sie muss die Mehrheit des Parlaments erringen (die traditionelle Form politischer Legitimation), und sie muss mit Hilfe des besten verfügbaren Wissens getroffen werden (Legitimation durch Expertise). [...]



 
Ulrike Meyer
Politik mit Tarnkappe
Warum Demokratie Werte statt Wahrheit braucht
 
Jan Engelmann
Wahrheit ist Arbeit
Wikipedianer als Fehlerfinder
 
Oliver Lepsius
Eine Super-Nanny?
Das Bundesverfassungsgericht als Garant eines [Text Text Text Text Text Text Text]
 
Interview Gabriele Dietze
Sexualität und Wahrheit
 
Thomas Hoffmann
Verschwörungstheorien
Wenn aus vernünftiger Sinnstiftung prekärer Nonsense wird
 
Hans Peter Peters
Zwickmühle des Wissens
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im öffentlichen



VERMUTEN

 
Rainald Goetz
Spekulativer Realismus
 
Maurizio Ferraris
Manifest des neuen Realismus
Ein Auszug
 
Annika Bender
Spektakulärer Realismus
Kunstkritische Anmerkungen zum Spekulativen Realismus
 
Thomas Schramme
Wenn Philosophen aus der Hüfte schießen
Die Untiefen angewandter Ethik
 
Ludger Schwarte
Wahrheit in Bildern
Das Unvordenkliche zeigen
 
Michael Eggers
Echt jetzt.
Die neue Wirksamkeit der Künste und Medien
 
Achim Geisenhanslüke
Ein schwieriges Verhältnis
Über Literatur und Wahrheit
 
Peter Siller
Mein halbes Jahr: >Comic<
 
Johannes von Weizsäcker
Mein halbes Jahr: >Musik<
 
Johanna-Charlotte Horst
Mein halbes Jahr >Literatur<
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr >Film<



VERHANDELN

 
Peter Siller
Der Streit um das Allgemeine
Parteien als entscheidende Institution in der demokratischen
 
Michael Koß
Demokratische Nebenwirkungen
Gibt es eine Krise des Parlamentarismus?
 
Stefan Huster/Bertram Lomfeld/Arnd Pollmann/Peter Siller
Ist es links?: >Wahrheit<
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Die Sache mit Hitler<



SCHÖNHEITEN

 
Luisa Banki
Logik und Verbrechen
Der Experte als Ästhet: Sherlock Holmes im TV
 
Tilman Salomon
Sokratik und Sophistik
Think Tanks und Philosophenkönige: Platons
 
Franziska Humphreys
Stimme des Gewissens
Die Wahrheit stirbt zuletzt: Salvador Allendes letzte
 
Christoph Raiser
Immer der Nase nach
Lehrstück über Minister und Experten: Die Graphic
 
Patrick Thor
Sie waren Humanisten
Expertokratische Aushöhlung: Michel Houellebecqs
 
Elias Kreuzmair
Candy Says
Expertisen über das Andere und das Eigene: Thomas
 
Ann-Charlotte Günzel
Information Is Power
Wissensutopie Internet: Aaron Swartz’ The Info
 
Julia Roth
Umkämpfte Demokratie
Die Anstrengung lohnt sich: Wendy Browns
 
Kerstin Carlstedt
Unwürdige Performance
Hybris: Die Stunde der Dilettanten von Thomas
 
Anna-Catharina Gebbers
Glühende Bekenntnisse
Provokation der Wahrheit: Künstlermanifeste


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