Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #18: Politik der Lebensformen




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial



AUSWEG

 
Rahel Jaeggi
Experimenteller Pluralismus
Lebensformen als Experimente der Problemlösung
 
Stefan Huster
In Freiheit leben
Die transformative Kraft einer liberalen Ordnung
 
Peter Siller
Macht es nicht selbst!
Vom Rückzug des Politischen ins Private geschlossener Lebensformen
 
Anna-Catharina Gebbers
Leben als Gesamtkunstwerk
Wagner – Beuys – Schlingensief
 
 

Lauren Berlant

Grausamer Optimismus

Warum Fantasien des guten Lebens scheitern


Eine Beziehung des grausamen Optimismus liegt vor, wenn etwas, das man begehrt, in Wirklichkeit ein Hindernis für das eigene Wohlergehen ist. Dabei kann es sich um Essen oder eine Art von Liebe handeln; um eine Fantasie des guten Lebens oder ein politisches Projekt. Eine solche Beziehung kann auch in etwas Einfacherem begründet sein, etwa einer neuen Gewohnheit, die eine bessere Seinsweise zu eröffnen verspricht. Optimistische Beziehungen dieser Art sind nicht an sich grausam. Sie werden es nur dann, wenn das Objekt der Bindung aktiv das Ziel untergräbt, um dessen willen man sich ihm ursprünglich zugewendet hatte.

Alle Bindungen sind optimistisch, wenn wir Optimismus als Kraft verstehen, die Menschen über sich hinaus- und in die Welt hineintreibt, um dem befriedigenden Etwas näherzukommen, das man nicht selbst produzieren kann, das man aber im Umfeld einer Person, Lebensweise oder Szene, eines Objekt, Projekts oder Begriffs erahnt. Optimismus muss sich jedoch nicht optimistisch anfühlen. Da Optimismus ambitioniert ist, kann er sich zu jedem Moment ganz unterschiedlich anfühlen, auch wie nichts: Scheu, Angst, Hunger, Neugier, die ganze Bandbreite vom listig-neutralen Herumwandeln bis zur Aufregung angesichts »des kommenden Wandels«. Oder auch des Wandels, der ausbleibt: Eine der gewöhnlichen Freuden des Optimismus ist gerade die Verleitung zur Konventionalität. Hier gewinnen Begierden innerhalb der erwartbaren Behaglichkeit der Genres des guten Lebens Gestalt, die eine Person oder Welt zu formulieren beschlossen hat. Optimismus manifestiert jedoch nicht einfach eine Absicht, dumm oder einfältig zu werden - oft ist die Bereitschaft, das Risiko einer Bindung einzugehen, Zeichen einer jenseits der rationalen Berechnung liegenden Intelligenz.

Worin auch immer die Erfahrung des Optimismus im Einzelfall bestehen mag, die affektive Struktur optimistischer Bindungen umfasst die stabile Tendenz, zu jener Fantasieszene zurückzukehren, die einen glauben macht, die Nähe zu einem bestimmten Objekt werde einen selbst oder die Welt dieses Mal auf die genau richtige Weise verändern. Auch hier wird der Optimismus grausam, wenn die das Möglichkeitsgefühl induzierenden Objekte oder Szenen jene expansive Transformation in Wirklichkeit gerade unmöglich machen, die anzustreben eine Person oder Gruppe riskiert; und er ist doppelt grausam, insofern der Genuss des In-einer-Beziehung-Seins das Andauern dieser Beziehung ganz unabhängig von deren Gehalt zu stützen beginnt - dann kann eine Person oder eine Welt sich an eine Situation gebunden fühlen, die zugleich eine ernste Gefährdung und eine profunde Bestätigung darstellt. [...]


 
Thomas Schramme
Die Formung des menschlichen Lebens
Nachdenken über Mills Idee der Lebensexperimente
 
Christian Neuner-Duttenhofer
Abgetaucht
Warum wir politisch an uns selbst scheitern



ALLTAG

 
Stephan Lessenich
Alles so schön jung hier?
Lebensführung im Alter
 
Wolfgang Kaschuba
Schnelle Fluchten
Vom Umgang mit der Zeit
 
Alexandra Deak/Arnd Pollmann
Marinieren, Tranchieren, Ignorieren
Der exorzistische Kult ums Essen
 
Johanna Gonçalves Martín
Leben geben
Geburten in Amazonien und im Westen
 
Arnd Pollmann/Bertram Lomfeld/ Stefan Huster/Peter Siller
Ist es links? >Veggieday<
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Die Leiter zum Eigenheim<
 
Ulrike Martiny
Straßenreiniger und Müllwerker
Wenn Flexibilisierung auf Familialisierung trifft
 
Tatjana Hörnle
Am Beispiel des Niqab
Zu den rechtlichen Grenzen von Lebensformen
 
Michael Eggers
Wie spricht man über die Einrichtung des Alltags?
Zur undeutlichen Evidenz der Literatur
 
Julia Roth
It’s fucking political!
Die notwendige Kritik normativer Lebensformen
 
Kerstin Carlstedt
Warenhaus Hamburg
Mit Martin für einen Euro sechzig unterwegs
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Wir leben, und sind nicht allein<
 
Johanna-Charlotte Horst
Mein halbes Jahr: ›Literatur‹
Franz Kafka – Michel Leiris – Gilles Deleuze
 
Christoph Raiser
Mein halbes Jahr: ›Musik‹
Von Spar – Der Mann – Erfolg
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr: ›Film‹
Boyhood – Monsieur Claude und seine Töchter – Honig im Kopf



AUTONOMIE

 
Christoph Menke
So sind sie – So leben sie
Autonomie und Befreiung
 
Christian Berkes
Airbnb, Wohntourismus
20 Thesen zum Plattformkapitalismus am konkreten Fall
 
Viktor Tóth
Techno als Lebensform?
Ein Selbstexperiment
 
Martin Saar
Bildpolitik: >Heimatschutz<



SCHÖNHEITEN

 
Thomas Biebricher
Kraaaaaah
Von Vögeln und Menschen: Pete Docters Oben
 
Niklas Henning
Dreck-an-sich
Matter out of Place: Müll bei Mary Douglas und Julia Kristeva
 
Franziska Humphreys
Eltern an der Macht
Eine Art Selbstrekrutierung: Vom Kinderladen zur crèche parentale
 
Johannes Kleinbeck
Gemeinsam allein
Gefühlsleben als Schicksal der Gesellschaft: Herbert Marcuses Triebstruktur und Gesellschaft
 
Arthur Lochmann
Nicht gestattet
Lebensform und Bestrafung: Foucaults La Société Punitive
 
Bertram Lomfeld
In der Identitätsfalle
Intellektuelle Vielfalt: Gegenentwürfe zu Huntingtons Kampf der Kulturen
 
Malin Nagel
Alle mal mitkommen
Gut für dich und den Rest der Welt: Jens Rachuts Alte Sau
 
Anna Sailer
Smartphone mit Gewissen
Die Unerträglichkeit des guten Lebens: »Heldenmarkt« ohne Helden
 
Friederike Alberty
Mittelschicht unter Druck
Vom Fahrstuhl zur Wagenburg: Cornelia Koppetschs Die Wiederkehr der Konformität
 
Patrick Thor
Auf dem Gleis
Nichts läuft (von) allein: Bong Joon-ho’s Snowpiercer


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