Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #17: Schuld und Schulden




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial



HALTUNG

 
Mark Schieritz
Verschuldet Euch!
Schulden als Grundlage der modernen Welt
 
Robert Misik
Inflation
Ein Problem, das wir uns wünschen sollten
 
Gerhard Schick
Umschuldung oder Umverteilung
Plädoyer für einen geordneten Abbau der hohen Gesamtverschuldung
 
Simon Derpmann
Es ist was es ist
Geld als soziale Relation
 
Bertram Lomfeld
Schulden ohne Schuld
Insolvenz als Grenze der Finanzmoral
 
Christian Kopf
Mit Schulden handeln
Ein Fondsmanager sucht nach Alternativen zur Anleihe
 
Frieder Vogelmann
Wir Seelenmacher
»Unternehmensverantwortung« mit Graeber und Nietzsche
 
 

Alessandro Somma

Hedonismus und Askese

Paradoxien der Schuldenwirtschaft


Wirtschafts- und Finanzkrisen offenbaren Brüche und Widersprüche innerhalb des Kapitalismus. Die Erwartungen an Verbraucher einerseits und Bürger sowie Arbeiter andererseits widersprechen sich diametral. Um ihrer Rolle als Verbraucher gerecht zu werden, müssen Individuen durch eine hedonistische Lebensweise ihren Konsum erhöhen. Schließlich sollen sie für ein volkswirtschaftliches Wachstum sorgen. Gleichzeitig müssen sie sich als Bürger und Arbeiter einer asketischen Moral unterwerfen und niedrige Löhne oder geringe Sozialleistungen akzeptieren. Letztlich entziehen sie so einem auf Massenkonsum beruhendem Wachstum jegliche Grundlage.

Für jene, die an die Selbstheilungskräfte des Marktes glauben, sind Krisen ein natürliches Regulativ des Kapitalismus. Sie machen ihn anpassungsfähig gegenüber sozialem Wandel und damit zu einer effizienten Institution. Sein Funktionieren erfordert lediglich limitierte Staatlichkeit. Einer solchen ideologischen und evolutionistischen Perspektive stehen Widersprüche der gegenwärtigen Dynamik der kapitalistischen Weltordnung entgegen.

Soziale wie auch freie Volkswirtschaften haben sich zu Schuldenökonomien entwickelt, einem gewaltigen Apparat zur Verwaltung von privaten und staatlichen Schulden. Charakteristisch für eine Schuldenökonomie sind vor allem die Rollenzuweisungen an Gläubiger und Schuldner, konstruiert als Machtbeziehungen zwischen Besitzern und Nichtbesitzern von Kapital. Diese Relationen prägen Individuen deutlich stärker als das postmoderne Postulat eines umfassenden Pluralismus, da sie zur Unterstützung des postfordistischen Akkumulationssystems benötigt werden.

Schuldverhältnisse unterscheiden sich fundamental von Austauschverhältnissen. Austauschverhältnisse beruhen traditionell auf formeller Gleichheit, selbst wenn sie Ursache oder Folge von substanzieller Ungleichheit sind. Schuldverhältnisse basieren auf Abhängigkeit, zumeist mit dauerhaftem Charakter. Sie folgen den Gesetzen der Zinsmaximierung nicht nur zur Erzielung höherer Gewinne, sondern auch zum Zweck langfristiger Unterwerfung. Darüber hinaus wirken sich Schuldverhältnisse auf die Funktionsweisen von Markt und Wohlfahrtsstaat aus, indem sie Bürger, Arbeiter und Verbraucher zu Schuldnern transformieren. »Finanzökonomie« oder »finanzieller Kapitalismus« werden zur »Schuldenökonomie« mit Schuldverhältnissen als »Archetypen sozialer Relationen« (Lazzarato). [...]


 
Mark Schieritz/Michael Miebach/Florian Kern/Philipp Wahnschaffe
Ist es links?>Schuldenbremse<



HAFTUNG

 
Interview Joseph Vogl
»Schulden sind ein Schöpfungsakt«
 
Stefan Gosepath
Vage Pflichten
Was schulden wir zukünftigen Generationen?
 
Daniel Markovits
Leistungsgesellschaft und ungleiche Verteilung
Ein Bericht aus den USA
 
Arnd Pollmann
Schuld ohne Sühne
Woody Allen, Jeremy Bentham und NSA-Skandal
 
Susanne Beck
Höchststrafe: Shut-Down?
Über Schuld beim Einsatz elektronischer Agenten
 
Dorothea Wehrmann
Empowerment durch Schulden?
Mikrokredite als »Wundermittel« gegen Armut im globalen Süden
 
Bernd Stegemann
Ein Übermaß an schönen Seelen
Die Schulden des Theaters
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Krasser Traum<
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Abrechnen können wir danach<
 
Johanna-Charlotte Horst
Mein halbes Jahr: >Literatur<
Georges Perec – Gustav Flaubert – Walter Benjamin
 
Johannes von Weizsäcker
Mein halbes Jahr: >Musik<
Crass – Matmos – The Soft Pink Truth – Pet Shop Boys – Kid Koala
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr: >Film<
Polizeiruf Magdeburg – Umsonst – The Unknown Known



HEU

 
Christina von Braun
Ein Brunnen voller Blut
Die theologische Dimension des Geldes
 
Dieter Verbeck
Was ist Geld?
Arten, Bedeutung, Entstehung
 
Ulf Schmidt
Moneytalk
Letzte Szene aus »Schuld und Scheine«
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Knax und Schland<
 
Martin Saar
Bildpolitik: >Schuldenuhr<



SCHÖNHEITEN

 
Thomas Biebricher
Eigentümliche Legierung
Von Ebeneezer Scrooge bis Dagobert Duck: Margaret Atwoods Payback
 
Kerstin Carlstedt
Auch nicht glücklicher
Wir wollen, was ihr habt: John Lanchesters Gesellschaftsroman Kapital
 
Christoph Raiser
Nimm es nicht persönlich
Ohne Schuld kein Staat: John le Carrés Dame, König, As, Spion
 
Anna-Chatarina Gebbers
Unzurechenbar
Politiken des Displays: Mariana Castillo Deball im Hamburger Bahnhof
 
Judith Karcher
Die eigene Blödheit
Von der Angst, etwas zu verpassen: Rainald Goetz’ Johann Holtrop
 
Julia Roth
Verwobene Geschichten
Der orientalisierte »Andere«: Zum Sammelband Jenseits des Eurozentrismus
 
Ulrich Raiser
Das eigene Gesetz
Sozialität der Schuld: Dostojewskis Schuld und Sühne
 
Tilman Vogt
Kassensturz
Protestantische Moralökonomie: Gottfried Kellers Der Grüne Heinrich
 
Philipp Wahnschaffe
Unsagbare Qualen
Größte Empathie: Svetlana Alexijewitschs Collage Secondhand-Zeit
 
Patrick Thor
Bewusst blind
Warum ich schuldig wurde, weiß ich nicht mehr: Pier Paolo Pasolinis Edipo Re. Bett der Gewalt


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