Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #17: Schuld und Schulden




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial



HALTUNG

 
Mark Schieritz
Verschuldet Euch!
Schulden als Grundlage der modernen Welt
 
Robert Misik
Inflation
Ein Problem, das wir uns wünschen sollten
 
Gerhard Schick
Umschuldung oder Umverteilung
Plädoyer für einen geordneten Abbau der hohen Gesamtverschuldung
 
Simon Derpmann
Es ist was es ist
Geld als soziale Relation
 
 

Bertram Lomfeld

Schulden ohne Schuld

Insolvenz als Grenze der Finanzmoral


Unsere Konsumgesellschaft lebt mit und von Schulden. Wie moralisch aufgeladen finanzielle Verpflichtungen in einer Gesellschaft sind, zeigt sich daran, wie sie damit umgeht, dass diese nicht mehr zurückgezahlt werden können. Es ist an der Zeit, Schulden endlich zu Entmoralisieren.

Schulden und Schuld fließen im Recht aufs Engste zusammen. Nicht nur Kreditverträge, jede vertragliche Verpflichtung ebenso wie eine absichtliche oder fahrlässige Verletzung fremder Rechtsgüter schaffen eine Pflicht zur Zahlung. Diese Verbindlichkeiten bezeichnet das deutsche Recht als »Schuldverhältnisse« oder kurz als »Schuld«. Die Parteien dieser rechtlichen Verbindung sind »Gläubiger« und »Schuldner«. Der entsprechende Teil des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) heißt »Schuldrecht«. Recht spiegelt und setzt soziale Normen. Recht prägt die Begriffe, in denen soziale Konflikte verhandelt werden. Schuldverhältnisse begründen Schulden.

Der historische Grund dieses begrifflichen Zusammenhangs ist die Herkunft der gesamten sozialen Institution Vertrag aus dem Kredit. Die ersten überlieferten Verträge aus Babylon, Ägypten und Rom sind Kreditverträge. Der Geldgeber glaubte (credere) an die Rückzahlung der Schulden. Schulden leben von Vertrauen, dass der Schuldner irgendwann zurückzahlen kann. Diese moralische Grundlage greift das BGB auf, wenn es fordert, dass alle Leistungen nach »Treu und Glauben« bewirkt werden müssen. Schulden waren und sind immer noch mit moralischer Schuld verknüpft.

Im antiken Rom führte die Zahlungsunfähigkeit zur sog. Schuldknechtschaft. Der Schuldner musste für den Gläubiger arbeiten und hatte rechtlich eine einem Sklaven vergleichbare Stellung. Problematisch war nur, wenn der Schuldner mehreren Gläubigern Geld schuldete. Dann kam es zu einem Wettlauf der Gläubiger, um zuerst auf werthaltige Gegenstände und den Schuldner zugreifen zu können. Dieses Zusammenlaufen (concurrere) der Gläubiger in Konkurrenz um den letzten Gegenwert der Schulden ist der Konkurs. Ziel eines »Konkursrechts« ist es, die Gleichbehandlung der Gläubiger bei der Verteilung des Restvermögens des Schuldners zu sichern. Was mit dem Schuldner geschieht, ist dafür nicht weiter wichtig. [...]


 
Christian Kopf
Mit Schulden handeln
Ein Fondsmanager sucht nach Alternativen zur Anleihe
 
Frieder Vogelmann
Wir Seelenmacher
»Unternehmensverantwortung« mit Graeber und Nietzsche
 
Alessandro Somma
Hedonismus und Askese
Paradoxien der Schuldenwirtschaft
 
Mark Schieritz/Michael Miebach/Florian Kern/Philipp Wahnschaffe
Ist es links?>Schuldenbremse<



HAFTUNG

 
Interview Joseph Vogl
»Schulden sind ein Schöpfungsakt«
 
Stefan Gosepath
Vage Pflichten
Was schulden wir zukünftigen Generationen?
 
Daniel Markovits
Leistungsgesellschaft und ungleiche Verteilung
Ein Bericht aus den USA
 
Arnd Pollmann
Schuld ohne Sühne
Woody Allen, Jeremy Bentham und NSA-Skandal
 
Susanne Beck
Höchststrafe: Shut-Down?
Über Schuld beim Einsatz elektronischer Agenten
 
Dorothea Wehrmann
Empowerment durch Schulden?
Mikrokredite als »Wundermittel« gegen Armut im globalen Süden
 
Bernd Stegemann
Ein Übermaß an schönen Seelen
Die Schulden des Theaters
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Krasser Traum<
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Abrechnen können wir danach<
 
Johanna-Charlotte Horst
Mein halbes Jahr: >Literatur<
Georges Perec – Gustav Flaubert – Walter Benjamin
 
Johannes von Weizsäcker
Mein halbes Jahr: >Musik<
Crass – Matmos – The Soft Pink Truth – Pet Shop Boys – Kid Koala
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr: >Film<
Polizeiruf Magdeburg – Umsonst – The Unknown Known



HEU

 
Christina von Braun
Ein Brunnen voller Blut
Die theologische Dimension des Geldes
 
Dieter Verbeck
Was ist Geld?
Arten, Bedeutung, Entstehung
 
Ulf Schmidt
Moneytalk
Letzte Szene aus »Schuld und Scheine«
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Knax und Schland<
 
Martin Saar
Bildpolitik: >Schuldenuhr<



SCHÖNHEITEN

 
Thomas Biebricher
Eigentümliche Legierung
Von Ebeneezer Scrooge bis Dagobert Duck: Margaret Atwoods Payback
 
Kerstin Carlstedt
Auch nicht glücklicher
Wir wollen, was ihr habt: John Lanchesters Gesellschaftsroman Kapital
 
Christoph Raiser
Nimm es nicht persönlich
Ohne Schuld kein Staat: John le Carrés Dame, König, As, Spion
 
Anna-Chatarina Gebbers
Unzurechenbar
Politiken des Displays: Mariana Castillo Deball im Hamburger Bahnhof
 
Judith Karcher
Die eigene Blödheit
Von der Angst, etwas zu verpassen: Rainald Goetz’ Johann Holtrop
 
Julia Roth
Verwobene Geschichten
Der orientalisierte »Andere«: Zum Sammelband Jenseits des Eurozentrismus
 
Ulrich Raiser
Das eigene Gesetz
Sozialität der Schuld: Dostojewskis Schuld und Sühne
 
Tilman Vogt
Kassensturz
Protestantische Moralökonomie: Gottfried Kellers Der Grüne Heinrich
 
Philipp Wahnschaffe
Unsagbare Qualen
Größte Empathie: Svetlana Alexijewitschs Collage Secondhand-Zeit
 
Patrick Thor
Bewusst blind
Warum ich schuldig wurde, weiß ich nicht mehr: Pier Paolo Pasolinis Edipo Re. Bett der Gewalt


nach oben