Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #17: Schuld und Schulden




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial



HALTUNG

 
Mark Schieritz
Verschuldet Euch!
Schulden als Grundlage der modernen Welt
 
Robert Misik
Inflation
Ein Problem, das wir uns wünschen sollten
 
Gerhard Schick
Umschuldung oder Umverteilung
Plädoyer für einen geordneten Abbau der hohen Gesamtverschuldung
 
Simon Derpmann
Es ist was es ist
Geld als soziale Relation
 
Bertram Lomfeld
Schulden ohne Schuld
Insolvenz als Grenze der Finanzmoral
 
 

Christian Kopf

Mit Schulden handeln

Ein Fondsmanager sucht nach Alternativen zur Anleihe


»Eigentlich ist das doch kein richtiger Beruf, was du da machst,« meinte mein Bruder und bestellte uns noch ein paar Bier. »Du handelst mit Schulden und verdienst auch noch Geld daran.« Das ist nun wirklich nicht originell, dachte ich bei mir: wohlfeile Kritik am Kaufmannshandwerk, Aristoteles' Politik, erstes Buch, neuntes Kapitel - seit 2.300 Jahren die gleiche Leier. Dabei würde es ohne uns diese Kneipe gar nicht geben, weil niemand dem Wirt einen Kredit angeboten hätte.

Aber was mache ich eigentlich im Beruf? Ich investiere als Fondsmanager in sogenannten Rentenmärkten. Wir nehmen das Geld unserer Kunden und stellen es Firmen, Banken und Staaten zur Verfügung - für begrenzte Zeit und gegen ein Entgelt, den Zins. Dies geschieht in Form von Anleihen. Die Anleihe ist das Spiegelbild der Kreditaufnahme: wenn ich mir von der Bank Geld leihe, bekomme ich heute einen Betrag gutgeschrieben, für den ich regelmäßig Zinsen entrichten muss und der am Ende zurückzuzahlen ist. Für den Halter einer Anleihe ist es genau umgekehrt: er trennt sich heute von seinem Geld, bekommt dafür aber regelmäßig Zinszahlungen und bei der Endfälligkeit hoffentlich mit der letzten Zinszahlung sein Geld zurück. Daran glaubt der Halter fest, weshalb man ihn Gläubiger nennt. Die Zahlungen, die der Gläubiger leistet und erhält, sind das genaue Gegenstück zu den Zahlungen des Schuldners. Die Forderung des Gläubigers als Käufer der Anleihe und die Verbindlichkeit des Schuldners als Herausgeber der Anleihe haben dieselbe Höhe, sie unterscheiden sich nur durch das Vorzeichen.

Anleihen gelten als sichere Sache, sie sind festverzinslich und berechenbar, werden daher auch Rentenpapiere genannt. Doch letztlich beruhen sie nur auf dem schmalen Band des Vertrauens in Zahlungswillen und Zahlungsfähigkeit des Schuldners und auf dem Versprechens einer Rückzahlung des verliehenen Geldes.

In den Anfangsjahren meiner Berufstätigkeit habe ich mir immer etwas Greifbares als Beweis dieser Verbindung zwischen Gläubiger und Schuldner gewünscht, einen Schuldschein auf dickem Papier, mit Unterschriften, vielleicht sogar mit ein paar Stempeln. Früher gab es diese Urkunden, und für die vorgesehenen Zinszahlungen waren Kästchen darauf gedruckt, die man als Halter mit der Schere abschneiden und bei der Bank einreichen konnte, um seine Zinsgutschrift zu erhalten. Daher nennt man die Zinszahlungen auf Anleihen weiterhin Kupons - wie die Lebensmittelmarken auf den Bezugskarten, die nach dem Krieg an die Bevölkerung ausgegeben wurden. Doch seit vielen Jahren bestehen Anleihen nur noch als elektronische Eintragungen in der Wertpapiersammelstelle. Forderungen und Verbindlichkeiten werden per Mausklick am Computerbildschirm zugewiesen, als spiegelbildliche Zahlungen auf Bankkonten. Das Wertpapier ist längst kein Papier mehr, das physische Dokument wurde »dematerialisiert«, so die Deutsche Börse, es besteht allein als Bucheintrag. [...]


 
Frieder Vogelmann
Wir Seelenmacher
»Unternehmensverantwortung« mit Graeber und Nietzsche
 
Alessandro Somma
Hedonismus und Askese
Paradoxien der Schuldenwirtschaft
 
Mark Schieritz/Michael Miebach/Florian Kern/Philipp Wahnschaffe
Ist es links?>Schuldenbremse<



HAFTUNG

 
Interview Joseph Vogl
»Schulden sind ein Schöpfungsakt«
 
Stefan Gosepath
Vage Pflichten
Was schulden wir zukünftigen Generationen?
 
Daniel Markovits
Leistungsgesellschaft und ungleiche Verteilung
Ein Bericht aus den USA
 
Arnd Pollmann
Schuld ohne Sühne
Woody Allen, Jeremy Bentham und NSA-Skandal
 
Susanne Beck
Höchststrafe: Shut-Down?
Über Schuld beim Einsatz elektronischer Agenten
 
Dorothea Wehrmann
Empowerment durch Schulden?
Mikrokredite als »Wundermittel« gegen Armut im globalen Süden
 
Bernd Stegemann
Ein Übermaß an schönen Seelen
Die Schulden des Theaters
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Krasser Traum<
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Abrechnen können wir danach<
 
Johanna-Charlotte Horst
Mein halbes Jahr: >Literatur<
Georges Perec – Gustav Flaubert – Walter Benjamin
 
Johannes von Weizsäcker
Mein halbes Jahr: >Musik<
Crass – Matmos – The Soft Pink Truth – Pet Shop Boys – Kid Koala
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr: >Film<
Polizeiruf Magdeburg – Umsonst – The Unknown Known



HEU

 
Christina von Braun
Ein Brunnen voller Blut
Die theologische Dimension des Geldes
 
Dieter Verbeck
Was ist Geld?
Arten, Bedeutung, Entstehung
 
Ulf Schmidt
Moneytalk
Letzte Szene aus »Schuld und Scheine«
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Knax und Schland<
 
Martin Saar
Bildpolitik: >Schuldenuhr<



SCHÖNHEITEN

 
Thomas Biebricher
Eigentümliche Legierung
Von Ebeneezer Scrooge bis Dagobert Duck: Margaret Atwoods Payback
 
Kerstin Carlstedt
Auch nicht glücklicher
Wir wollen, was ihr habt: John Lanchesters Gesellschaftsroman Kapital
 
Christoph Raiser
Nimm es nicht persönlich
Ohne Schuld kein Staat: John le Carrés Dame, König, As, Spion
 
Anna-Chatarina Gebbers
Unzurechenbar
Politiken des Displays: Mariana Castillo Deball im Hamburger Bahnhof
 
Judith Karcher
Die eigene Blödheit
Von der Angst, etwas zu verpassen: Rainald Goetz’ Johann Holtrop
 
Julia Roth
Verwobene Geschichten
Der orientalisierte »Andere«: Zum Sammelband Jenseits des Eurozentrismus
 
Ulrich Raiser
Das eigene Gesetz
Sozialität der Schuld: Dostojewskis Schuld und Sühne
 
Tilman Vogt
Kassensturz
Protestantische Moralökonomie: Gottfried Kellers Der Grüne Heinrich
 
Philipp Wahnschaffe
Unsagbare Qualen
Größte Empathie: Svetlana Alexijewitschs Collage Secondhand-Zeit
 
Patrick Thor
Bewusst blind
Warum ich schuldig wurde, weiß ich nicht mehr: Pier Paolo Pasolinis Edipo Re. Bett der Gewalt


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