Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #21: Gegen die Angst




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial


ZORN

 
Heinz Bude
Woher der Zorn?
Die »Abgehängten« und »Verbitterten« in der Gegenwartsgesellschaft
 
Fabian Gülzau
Unter Stress
Die Bildungspanik der Mittelschichten
 
Micha Brumlik
Identitäre Bezüge
Dugin, Evola und immer wieder Heidegger
 
Karsten Rudolph
Angst der/vor dem Bürger
Eine kritische Bilanz der Bürgerbeteiligung für die repräsentative Demokratie
 
Julian Krüper
Rechtsrisiko Angst
Gefahr, Risiko und Restrisiko als hochpolitische Kategorien
 
Lars Koch
Desiring Walls
Über das kollektive Imaginäre einer Architektur der Angst
 
Stefan Huster/Arnd Pollmann/Ulrike Meyer/Peter Siller
Ist es links? >Glück<
 
Sabine Bode
Wie lang sind die Schatten?
Was Generationen erben können
 
 

Maja Bächler

Wie German ist die Angst?

Entstehungsgründe einer schillernden Redewendung


Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst der Angst. Statistiken zeigen, dass überall in Europa die Menschen sich mehr um ihre Zukunft sorgen, dass sie mehr um ihre Sicherheit fürchten und ihren Besitzstand bedroht fühlen: Lagen der Angst. In ganz Europa. Warum hat sich dann der Begriff der German Angst in den Köpfen festgesetzt und nicht etwa die fear française? Bei der Recherche zum Thema fällt zunächst auf, dass keine*r so genau zu wissen scheint, seit wann es den Begriff überhaupt gibt. Und diese Frage ist essentiell, denn der Entstehungszeitpunkt könnte Aufschluss über den Entstehungsgrund und damit die Belastbarkeit des Begriffs geben. Stattdessen wird er diffus in unterschiedlichen Zusammenhängen von verschiedenen Akteuren*innen gebraucht, womit sich die Frage nach der Intention der Verwendung quasi aufdrängt. Denn German Angst ist zweifellos ein Kampfbegriff. Dessen Nebulösität tarnt den Kämpfer und prophezeit sich damit durch Unbedarftheit eher selbst, als auf validen Grundlagen zu beruhen.

»Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen«…
…lautet der Titel eines der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Darin hat ein vermeintlicher »Dummbart« vor nichts Angst, hält aber das Erlernen des Grusels für essentiell und schafft es durch seine scheiternden Versuche, ein Königreich sowie die obligatorische Prinzessin für sich zu gewinnen. Insofern Emotionen und der Umgang mit denselben speziell in den deutschsprachigen Ländern im frühen 19. Jahrhundert (Romantik) bzw. späten 19./frühen 20. Jahrhundert (Freud et. al.) Konjunktur hatten, wäre möglicherweise hier ein Ursprung zu vermuten, da der aus dieser Zeit stammende Begriff Weltschmerz in die englische Sprache ebenso übernommen wurde, wie die (German) Angst. Es würde für diese Zeit nahe liegen, insofern die Deutschen sich im 19. Jahrhundert erst als Nation erfunden haben und sich eben durch Pluralität und nicht durch Verbundenheit auszeichneten. Aber Angst haben »die Deutschen« bis einschließlich 1945 doch eher verbreitet als gehabt, oder?

»Die Briten« verstehen unter angst allerdings vor allem eine unklare Existenzangst, wenn sie den Begriff auf Deutsch verwenden, die man auch mit Ungewissheit oder Unbestimmtheit (Martin Heidegger, 1927) gleichsetzen könnte, also weniger eine Angst, die im Gegensatz zu einer kriegerischen Tapferkeit stehen könnte. Heideggers Überlegungen aus den 1920er Jahren basieren auf der Unterscheidung zwischen Angst und Furcht, womit er Søren Kierkegaards Ausführungen hierzu für den dänischen Sprachraum folgt. Dabei bleibt die Angst im Gegensatz zur Furcht, die immer nach der Konkretisierung sucht (Furcht vor was?), unkonkret und chaotisch. Gegen Furcht kann man Argumente vorbringen, aber Angst hat man eben einfach. Es ist ein state of mind, kein körperliches Gefühl, keine Emotion im klassischen Sinne – so die Sprachwissenschaftlerin Anna Wierzbicka. Wierzbicka geht der semantischen Unterscheidung von Furcht und Angst, die Heidegger erkannte, auf den Grund und stellt in einem europäischen Sprachvergleich fest, dass im Deutschen Furcht und Angst tatsächlich anders verwendet werden als beispielsweise fear und anxiety im Englischen. Sie führt dies auf die Bibelübersetzung Martin Luthers ins Deutsche zurück und zeigt auf, dass Luther Angst dann verwendet hat, wenn es um Bezüge zu Tod, Teufel oder zu der Hölle ging, um abstrakte, beunruhigende, irrationale Phänomene also, über die wir wenig wissen. Geht es hier also um die Seelenbe- oder -zuschreibung einer »Volksgemeinschaft«, die durch Luthers Übersetzung in die Wege geleitet wurde und sich so in das kulturelle Sprach- und damit Emotionsgedächtnis der Deutschen gefressen hat – ähnlich der »russischen Schwermut« und dem »britischen Humor«? Hat der angloamerikanische Sprachraum also den Begriff der German Angst deswegen geprägt, weil in ihrer Sprache durch fear und anxiety die Idee der Angst nicht abgebildet werden konnte? [...]


 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Rom/Hallo Karthago: >In erschöpfter Umarmung<



ZUVERSICHT

 
Roland Schaeffer
Gegen eine Politik der Angst
20 Thesen zu einer menschenrechtsorientierten Sicherheitspolitik
 
Sabine Rennefanz
Links liegen gelassen
Die stille Wut der Wendegenaration
 
Frank Adloff, Sérgio Costa, Ina Kerner und Andrea Vetter
Eine gesellige Gesellschaft
Für eine neue Politik der Konvivialität
 
Christian Bommarius
Innere Sicherheit?
Das Recht im Griff der Angstpolitik
 
Simon Strick
Backlash
Trump und das Lachen der Angst
 
Isabella Helmreich
Zum Beispiel Freundschaft
Zur Stärkung unserer Widerstandskräfte
 
Deniz Sertcan
Der Fremde in mir
Von der postkonventionellen Abspaltung der eigenen Ängste
 
Lars Bullmann
Mein halbes Jahr: >Literatur<
Emil Angehrn – Klaus Heinrich – Franz Kafka – Johann Peter Hebel
 
Johannes von Weizsäcker
Mein halbes Jahr: >Musik<
Herbert Grönemeyer – Human Abfall
 
Matthias Dell
Mein halbes jahr: >Film<
Vor der Morgenröte – Casualties of War – Demain
 
Peter Siller
Mein halbes jahr: >Comic<



ZOMBIE

 
Daniel W. Drezner
Untote Tropen
Die Zombieapokalypse im öffentlichen Diskurs der USA
 
Hito Steyerl
Den Verstand fest verschlossen
Kunst im Zeitalter der Angst
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Gartenstadt im Krisengebiet<



SCHÖNHEITEN

 
Luisa Banki
Innen vor Außen
Psychologie und Bürgertum: Stefan Zweigs Novelle Angst
 
Ann-Charlotte Günzel
Beschwörungsformeln
Aufgeklebt: Mikael Mikaels Parole Show you are not afraid
 
Birthe Mühlhoff
Schädelbohrungen
Zwischen Hardware und Hard Facts: Die Serien Sense8 und Wayward Pines
 
Franziska Humphreys
Be Prepared
Psychose oder Sechster Sinn: Jeff Nichols Spiel mit der Angst in Take Shelter
 
Johannes Kleinbeck
Was heißt eigentlich Fliegen?
Über dem Abgrund: Werner Herzogs Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner
 
Elias Kreuzmair
Schmetterling, Bär und Känguruh
Produktive Angst: Blumfelds Testament der Angst
 
Christian Meskó
Vorstadthölle
Nazis in der heilen Welt: Philip K. Dicks The Man in the High Castle
 
Ulrike Meyer
(Un-)Tiefen der Angst
Schwarz-Rot-Goldenes Spiegelkabinett: Falk Richters FEAR an der Schaubühne Berlin
 
Christoph Raiser
Bis hierher
Ästhetik des Aufpralls: Mathieu Kassovitz’ Meisterwerk La Haine
 
Patrick Thor
Vor der Weltverschwörung
Die Verdünnisierung aller Probleme: Christian Krachts und Ingo Niermanns Metan


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