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polar #21: Gegen die Angst




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial


ZORN

 
Heinz Bude
Woher der Zorn?
Die »Abgehängten« und »Verbitterten« in der Gegenwartsgesellschaft
 
Fabian Gülzau
Unter Stress
Die Bildungspanik der Mittelschichten
 
Micha Brumlik
Identitäre Bezüge
Dugin, Evola und immer wieder Heidegger
 
Karsten Rudolph
Angst der/vor dem Bürger
Eine kritische Bilanz der Bürgerbeteiligung für die repräsentative Demokratie
 
 

Julian Krüper

Rechtsrisiko Angst

Gefahr, Risiko und Restrisiko als hochpolitische Kategorien


Wir müssen uns Juristen als angstfreie Menschen vorstellen, verfügen sie doch mit dem Gesetz über ein formidables Werkzeug, sich von aller Unbill der Welt zu distanzieren und alle Angst und Beklemmung hinweg zu subsumieren. Was auch immer Juristen begegnet, sie zerlegen es erstens in Begriffe, die sie zweitens zu Rechtsnormen fügen, die sie sodann drittens routiniert exekutieren. Wer eine fremde, bewegliche Sache einem anderen wegnimmt, um sich dieselbe rechtswidrig zuzueignen, begeht – man ahnt es – einen Diebstahl. Wer dies unter Einsatz von Gewalt tut, begeht einen Raub und immer so fort. Mit dieser téchne der begrifflichen Partitionierung lassen sich aber nicht nur Alltagsdelikte, sondern auch ganz andere Sachverhalte schematisieren: Völkermord, Vergewaltigung oder veritable Vermögensverletzungen. Es nimmt daher kaum wunder, dass Juristen einen schlechten Leumund haben: Wer das Leid der Welt in mechanistische Begriffskaskaden fassen kann, muss nicht ganz bei Trost sein oder herzlos, wahrscheinlich aber beides.

Vorsorgegesetze als Angstgesetze?
Das juristische System der begrifflichen Partitionierung funktioniert gut, wenn es retrospektiv operiert. In diesem Sinne betreiben Gerichte in ihrer Rechtsprechung stets Vergangenheitsbewältigung. Nicht erst seit Kurzem aber sind die Erwartungen an die Leistungen von Recht gewachsen. Man erwünscht sich Zukunftsgestaltung von ihm und das in großem Stil: Vorsorge ist das Gebot, beim Schutz von Flora und Fauna, bei der Verhinderung von Krankheiten und beim Schutz vor Terror, in Konzertsälen, Flughäfen und andernorts. Vorsorge ist populär, weil es vernünftig erscheint, sie zu betreiben und zudem auch moralisch geboten, wenn etwa die natürlichen Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen geschützt werden. Vorsorgebemühungen suggerieren dabei einen Abschied aus dem egoistischen Klein-Klein des politischen Alltags und versprechen heroisch ein altruistisches Gerüstetsein für Kommendes, eine Zukunft ohne Angst. Vorsorge befriedigt also Ratio und Emotio zugleich. Vorsorgegesetze sind danach nicht allein Gesetze der Vernunft, sondern – in eine These Cass Sunsteins gefasst – zugleich Laws of Fear, Gesetze der Angst. Das demonstrativ Pejorative dieser Formulierung erstaunt, hatte man sich doch gerade von Sinn und Sinnlichkeit der Vorsorge überzeugt. Ist also etwas dran an Sunsteins Angstvorwurf? [...]


 
Lars Koch
Desiring Walls
Über das kollektive Imaginäre einer Architektur der Angst
 
Stefan Huster/Arnd Pollmann/Ulrike Meyer/Peter Siller
Ist es links? >Glück<
 
Sabine Bode
Wie lang sind die Schatten?
Was Generationen erben können
 
Maja Bächler
Wie German ist die Angst?
Entstehungsgründe einer schillernden Redewendung
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Rom/Hallo Karthago: >In erschöpfter Umarmung<



ZUVERSICHT

 
Roland Schaeffer
Gegen eine Politik der Angst
20 Thesen zu einer menschenrechtsorientierten Sicherheitspolitik
 
Sabine Rennefanz
Links liegen gelassen
Die stille Wut der Wendegenaration
 
Frank Adloff, Sérgio Costa, Ina Kerner und Andrea Vetter
Eine gesellige Gesellschaft
Für eine neue Politik der Konvivialität
 
Christian Bommarius
Innere Sicherheit?
Das Recht im Griff der Angstpolitik
 
Simon Strick
Backlash
Trump und das Lachen der Angst
 
Isabella Helmreich
Zum Beispiel Freundschaft
Zur Stärkung unserer Widerstandskräfte
 
Deniz Sertcan
Der Fremde in mir
Von der postkonventionellen Abspaltung der eigenen Ängste
 
Lars Bullmann
Mein halbes Jahr: >Literatur<
Emil Angehrn – Klaus Heinrich – Franz Kafka – Johann Peter Hebel
 
Johannes von Weizsäcker
Mein halbes Jahr: >Musik<
Herbert Grönemeyer – Human Abfall
 
Matthias Dell
Mein halbes jahr: >Film<
Vor der Morgenröte – Casualties of War – Demain
 
Peter Siller
Mein halbes jahr: >Comic<



ZOMBIE

 
Daniel W. Drezner
Untote Tropen
Die Zombieapokalypse im öffentlichen Diskurs der USA
 
Hito Steyerl
Den Verstand fest verschlossen
Kunst im Zeitalter der Angst
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Gartenstadt im Krisengebiet<



SCHÖNHEITEN

 
Luisa Banki
Innen vor Außen
Psychologie und Bürgertum: Stefan Zweigs Novelle Angst
 
Ann-Charlotte Günzel
Beschwörungsformeln
Aufgeklebt: Mikael Mikaels Parole Show you are not afraid
 
Birthe Mühlhoff
Schädelbohrungen
Zwischen Hardware und Hard Facts: Die Serien Sense8 und Wayward Pines
 
Franziska Humphreys
Be Prepared
Psychose oder Sechster Sinn: Jeff Nichols Spiel mit der Angst in Take Shelter
 
Johannes Kleinbeck
Was heißt eigentlich Fliegen?
Über dem Abgrund: Werner Herzogs Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner
 
Elias Kreuzmair
Schmetterling, Bär und Känguruh
Produktive Angst: Blumfelds Testament der Angst
 
Christian Meskó
Vorstadthölle
Nazis in der heilen Welt: Philip K. Dicks The Man in the High Castle
 
Ulrike Meyer
(Un-)Tiefen der Angst
Schwarz-Rot-Goldenes Spiegelkabinett: Falk Richters FEAR an der Schaubühne Berlin
 
Christoph Raiser
Bis hierher
Ästhetik des Aufpralls: Mathieu Kassovitz’ Meisterwerk La Haine
 
Patrick Thor
Vor der Weltverschwörung
Die Verdünnisierung aller Probleme: Christian Krachts und Ingo Niermanns Metan


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