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polar #2: Ökonomisierung



EDITORIAL

 
Peter Siller, Bertram Keller
Editorial



STANDORT

 
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Leben als Projekt
Prekarität in der schönen neuen Netzwerkwelt
 
Hartmut Rosa
Speed
Von der zeitlichen Überforderung der Demokratie
 
 

Stephan Schilling

Mikro schlägt Makro

Zur aktuellen Gefechtslage wirtschaftswissenschaftlicher Großtheorien


Keynes ist tot. Milton Friedman seit kurzem auch. Zeit, einen Blick auf den Spielstand in der Ökonomie zu werfen.

Die Befassung mit ökonomischer Theorie ist von weit mehr als nur von akademischer Bedeutung, sie ist für eine gelungene politische Praxis unabdingbar. Keynes selbst schreibt: »Es sind aber die Ideen von Ökonomen und Staatsphilosophen, seien sie richtig oder falsch, einflussreicher, als gemeinhin angenommen wird. Die Welt wird in der Tat durch nicht viel anderes beherrscht. Praktiker, die sich ganz frei von intellektuellen Einflüssen glauben, sind gewöhnlich die Sklaven irgendeines längst verstorbenen Ökonomen.« Die Dominanz neoliberaler Wirtschaftspolitik in vielen Staaten und in den Strategien der großen internationalen Wirtschaftsorganisationen fußte nicht zuletzt auf der Diskurshegemonie der neoklassischen Wirtschaftstheorie. Und das deficit spending der 60iger Jahre war direkt aus dem IS-LM Modell der neoklassichen Synthese abgeleitet.

Wer den Stand makroökonomischer Debatten heute verstehen will, der muss zuerst in die Tiefen der Mikroökonomie hinabsteigen, das zentrale Kampffeld. Ende der 60iger Jahre errangen hier die Neoklassiker ihren Sieg über die bis dahin herrschende neoklassisch-keynesianischen Synthese, die stark von den Werken Keynes beeinflusst war, und aus diesen einige zentrale formale wirtschaftliche Beziehungen herausdestilliert wurden: das IS-LM-Modell und die Philipps-Kurve. Zentrale wirtschaftspolitische Implikationen waren die generelle Wirksamkeit von Fiskal- und Geldpolitik in der Bekämpfung von Rezessionen und Arbeitslosigkeit. Zudem fußte dieses Modell auf der Annahme starrer Nominallöhne - allerdings ohne dies aus dem mikroökonomischen Handel der ökonomischen Akteure ableiten zu können.

Diesen Mangel an logischer Konsistenz bemerkten die Neoklassiker und errichteten auf den Pfeilern der traditionellen Mikroökonomie eine neue Makroökonomie. Die traditionelle Mikroökonomie beschreibt ausgehend von nutzenmaximierenden, rational handelnden Individuen das Verhalten eines Marktsystems. Eines ihrer wichtigsten Ergebnisse ist, dass unter Abwesenheit externer Effekte und Informationsasymmetrien und unter vollständiger Konkurrenz alle Märkte geräumt werden und der Marktmechanismus zu pareto-optimalen Ergebnissen führt. Pareto-Optimalität meint dabei, dass jemand durch Tausch bessergestellt werden kann, ohne dabei jemand anderen schlechter zu stellen. Die neoklassische Makroökonomie gab deshalb die Annahme starrer Nominallöhne auf und baute stattdessen auf dem Gedanken sich im Gleichgewicht befindender Güter- und Arbeitsmärkte auf.

Damit stand sie jedoch vor dem Problem, dass (konjunkturelle) unfreiwillige Arbeitslosigkeit in ihren Modellen nicht mehr erklärt werden konnte – dies war dem IS-LM-Modell durch die Annahme starrer Nominallöhne gelungen. Die Neoklassik antwortete darauf mit zwei Argumenten: zum einen wurde Arbeitslosigkeit als transitorische Begleiterscheinung exogener technischer Schocks erklärt, zum anderen waren es die Anwesenheit marktverzerrender Eingriffe wie staatliche Mindestlöhne, Sozialtransfers oder gewerkschaftliche Tarifverträge, die den Arbeitsmarkt aus dem Gleichgewicht brachten. Fiskalpolitische Eingriffe des Staates waren demnach sinnlos, um mehr Beschäftigung zu schaffen, stattdessen leitete sich aus den neoklassischen Modellen die Notwendigkeit einer weitegehenden Deregulierung der Güter- und Arbeitsmärkte ab. Der Staat sollte sich stattdessen auf die Handhabung von externen Effekten und Ordnungspolitik zur Eindämmung von Oligopolen und Monopolen konzentrieren. Die Parallelen zu den politischen Debatten der letzten fünfzehn Jahre sind offenkundig.

Doch genau auf dem Feld, auf dem die Neoklassiker ihren Sieg über die neoklassisch-keynesianische Synthese errungen hatten, in der Mikroökonomie, machten sie folgenschwere Fehler. Umfangreiche Forschung in den 70iger und 80iger Jahren machte die Fehltritte der traditionellen Mirkoökonomie mehr als deutlich: die späteren Nobelpreisträger Stiglitz und Akerlof entdeckten, dass unter asymmetrischer Informationsverteilung oder bei Vorliegen imperfekter Informationen die klassischen Ergebnisse der Mikroökonomie nicht bloß leicht abgeschwächt werden – wie die Neoklassiker gehofft hatten – sondern komplett zusammenbrachen. Informationsasymmetrien können in externen Effekten resultieren, bei deren vorliegen Märkte keine effizienten Ergebnisse mehr hervorbringen, da das Handeln einzelner ökonomischer Akteure Auswirkungen auf andere oder die Gesellschaft hat, ohne das jene diese Auswirkungen in ihre Kosten-Nutzen-Erwägung miteinbeziehen. Informationsasymmetrien können auch dazu führen, dass einzelne Märkte überhaupt nicht existieren – die traditionelle Mikroökonomie ging noch davon aus, dass ein vollständiges Set an Märkten existiert, z.B. auch einen Markt um sich gegen das Risiko von Arbeitslosigkeit abzusichern, eine Annahme, die ganz offenkundig in der Realität nicht erfüllt ist.

Immer stärker geriet auch die Annahme rational handelnder Individuen, bzw. rationaler Erwartungen in die Kritik – war es mit ihr doch völlig unmöglich, die hohen Volatilitäten an Aktien- oder Devisenmärkten oder die Entstehung von Spekulationsblasen zu erklären. Stattdessen versuchten sich Teile der Wirtschaftswissenschaften, Forschungsergebnisse aus der Psychologie und der Soziologie zur realistischeren Beschreibung des wirtschaftlichen Handels von Individuen zu nutzen. In der Mikroökonomie wurden diese Ideen schnell hegemonial und verdrängten die traditionelle Mikroökonomie, während sich zugleich zahlreiche Ökonomen daran machten, eine neue, realitätsnähere Makroökonomie als die neoklassische zu entwerfen. Diese postkeynesianische Schule belebte dabei einzelne Ideen Keynes wieder – Ideen, die in der Formalisierung der neoklassisch-keynesianischen Synthese verloren gegangen waren. Diese neuen behavioral macroeconomics haben die neoklassische Makroökonomie zwar nicht verdrängt, jedoch um eine wichtige zweite, in vielen Fällen realistischere Perspektive ergänzt.

Eine wichtige zweite Quelle von Veränderungen war die Ökonometrie, die empirische Wirtschaftswissenschaft. Hier ist besonders in der Frage des Zusammenhanges von Inflation und Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren viel passiert. Jahrzehntelang waren die Neoklassiker und Monetaristen um Milton Friedman mit ihrem Konzept der natural rate of unemployment tonangebend, das einen Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation verneinte und die Geldpolitik anhielt, auf eine Inflation nahe null hinzuwirken. Dies wird nunmehr sowohl empirisch wie auch theoretisch stark angezweifelt. Während sich alle Ökonomen über die negativen Auswirkungen sehr hoher Inflationsraten einig sind, scheint es bei niedrigen Inflationsraten doch sehr wohl einen Trade-Off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit zu geben. Fraglich ist deshalb beispielswiese, ob die europäische Zentralbank weiterhin in ihren Statuten zuallererst auf die Wahrung von Preisstabilität verpflichtet sein sollte.

Doch irrt, wer glaubt, die Makroökonomie wäre nun gänzlich auf dem Weg back to Keynes. Vielmehr lässt sich der aktuelle Spielstand etwa so beschreiben: der Glauben in die generelle Effizienz der Marktes, gerade was Arbeits-, Finanz- und Versicherungsmärkte angeht, ist erschüttert. Gefallen ist auch das Credo vieler Ökonomen, es gebe keine Trade-Offs – zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit, zwischen Effizienz und Verteilung, zwischen stärkerem Patentschutz und Innovationstätigkeit. Stattdessen haben Abwägung und Differenzierung die Wirtschaftswissenschaften zurückerobert. Die Lieblingsfloskel vieler Ökonomen heute lautet: it depends, kommt drauf an. Daraus folgt eine gute Nachricht für alle Demokraten: Wo es nicht die einfache generelle Lösung gibt, da sind Spielräume für verschiedene Lösungen, da ist Raum für demokratischen Streit. Keynes ist tot. Friedman auch. Zeit, selber mit dem denken anzufangen. 



 
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