Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #16: Kunst der Drastik




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial



ZEIGEN

 
Peter Siller
Politik der Drastik
30 Versuche über die Sichtbarmachung des Furchtbaren
 
Thomas Melle
Vom Krassen
Präsenz statt Referenz
 
Martin Saar
Zu viel
Drastik und Affekt
 
Esteban Sanchino Martinez
Wirklichkeitserfahrung in der Massenkultur
Drastik als moderne Erlebnisweise
 
Oliver Müller
Ontologische Verunsicherungen
Das Untote und die moderne Biomedizin
 
Carolin Emcke
Weil es sagbar ist
Haiti erzählen
 
Stefan Huster/Arnd Pollmann/ Jan Engelmann/Peter Siller
Ist es links? >Gegen Zensur<
 
Marie Schmidt
Mein halbes Jahr: >Literatur<
Arnon Grünberg – Herbert Achternbusch – Clemens J. Setz
 
Johannes von Weizsäcker
Mein halbes Jahr: >Musik<
Pharmakon – Clipping – Bernadette La Hengst – Opa – Heino – Deep Purple
 
 

Matthias Dell

Mein halbes Jahr: >Film<

12 Years a Slave – The Butler – noch einmal: Django Unchained


The Butler von Lee Daniels ist eigentlich ein unmöglicher Film. Er erzählt eine Lebensgeschichte, die 150 Jahre umfasst, an einer Figur: Cecil Gaines, gespielt von Forest Whitaker. Als Vorbild dient Eugene Allen, der, 1919 geboren und 2010 gestorben, zum Servicepersonal des Weißen Hauses gehörte und noch miterleben durfte, dass in diesem Weißen Haus ein Afroamerikaner Chef werden konnte.

Daniels' Film beginnt allerdings mit einem Vorspiel auf der Plantage, das sich künstlerisch durchaus legitimieren lässt. Es geht in dem stark formalisierten, eminent repräsentationspolitischen Film nicht um eine einzelne Person wie klassischerweise im Biopic, sondern um das afroamerikanische Amerika von der Sklaverei bis zur Präsidentschaft Barack Obamas. In dieser Richtung liest sich das als Erfolgsgeschichte, auch wenn The Butler die Gegenwart abseits der Wahl Obamas ausblendet: Auf die Lage der Enkelgeneration von Gaines/Allen, die der Gefängnisindustrie zur Gewinnmaximierung dient, wird nicht fokussiert.

Die Obama-Ära hat, wie etwa der US-amerikanische Filmkritiker Armond White schreibt, sicher etwas mit dem »Race Hype« zu tun - einer rasant gestiegenen Zahl an Filmen, die im Mainstreamkino afroamerikanischen Geschichten erzählen. Und dazu gehört eben auch die Sklaverei, die, wie Steve McQueen, Regisseur der Unterdrückungsgeschichte 12 Years a Slave, wiederum zutreffend feststellt, bislang kaum im Kino behandelt wurde.

Das hat zuerst politische Gründe; dass eine weiß dominierte Kulturproduktion der Verantwortung für die Gräuel der Geschichte scheut. Es berührt aber auch ethische Fragen, die sich mit der Darstellung des historischen Besitzer-Ware-Verhältnisses verbinden: Wie drastisch darf die Realität der Plantagenwelt gezeigt werden, und wofür ist eine drastische Darstellung enthemmter Gewalt gut?

In Daniels' Butler diente der kurze Auftakt in der Sklavenhaltergesellschaft zuerst dem Abstecken des Horizonts, in dem der erste afroamerikanische Präsident gedacht werden muss. Die Drastik der Darstellung begrenzt sich auf die Hemmungslosigkeit, mit der der versoffene Plantagenbesitzer Sklaven erschießen kann, die sich seinem Willen widersetzen. Diese Willkür fährt dem jungen Cecil Gaines in die Glieder, sie lehrt ihn, dass er sich sein Platz in der Gesellschaft eher erschleichen denn erkämpfen muss. [...]



ZITTERN

 
Redaktionsgespräch Jan Engelmann/Arnd Pollmann
»Besonders scharf, damit es brennt«
 
Ekkehard Knörer
Das Urteil verschlagen
Harmony Korines Ästhetik des Drastischen
 
Manfred Theisen
Explosion der Langeweile
Von Überdruss und Amok
 
Maja Bächler
Arbeitsalltag in der Folterkammer
Zur Rezeption von Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty
 
Gespräch Thomas Scheibitz/Bernd Heusinger
»In seiner Heftigkeit unerwartet«
 
Michael Jahn
Gott kann die Uhr nicht lesen
Über den Krieg im Himmel in John Miltons Paradise Lost
 
Jörg Trempler
Blutrünstige Kunst
Über die immersive Kraft von Bildern um 1800
 
Ulf Schmidt
Warum so brutal?
Tom Fontanas TV-Serie OZ und Dantes Göttliche Komödie
 
Anna-Catharina Gebbers
An den Rändern des Denkbaren
Über die Kunst der Erschütterung
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Bomben, Rauch und Irokesen<
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Krasser Traum<



ZURÜCKSCHLAGEN

 
Joanna Barck
Die Macht des Bildes
Zur Drastik des Undarstellbaren
 
Marcus Stiglegger
Anatomie der Angst
Dario Argento als Meister der performativen Drastik



SCHÖNHEITEN

 
Lars-Olav Beier
Auge um Auge
Hinsehen müssen: Luis Buñuels und Salvador Dalís Der andalusische Hund
 
Leo Lencsés
Exorzismus der Erinnerung
Gleichmacherei der Gewalt: Álex de la Iglesias Balada triste de trompeta
 
Thomas Schramme
Mann ohne Unterleib
Differente Lebensweisen: Tod Brownings Freaks
 
Christoph Raiser
Was das Zeug hält
Vier Bände Gehacktes: Milo Manaras und Alejandro Jodorowskys Die Borgia
 
Sebastian Dörfler
Exzess und Fortschritt
Mehr als Triebe: Dietmar Daths Die salzweißen Augen
 
Tilman Vogt
Kein Schauer
Bombe im Fabergé-Ei: Jeronimo Voss’ Phantasmagorical Horizon
 
Patrick Thor
Moderne Mythen
»We need to follow him«: Nicolas W. Refns Valhalla Rising
 
Elias Kreuzmair
Kein Kannibale
Aus dem Nichts: Der letzte Satz von Christian Krachts 1979
 
Christian Meskó
Pure Unterhaltung
Folterknechte als Helden: Maja Bächlers Inszenierte Bedrohung
 
Stefan Huster
Krass Gescheitert
Utopie der Geschichtslosigkeit: Bernardo Bertoluccis Der letzte Tango in Paris


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