Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #16: Kunst der Drastik




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial



ZEIGEN

 
Peter Siller
Politik der Drastik
30 Versuche über die Sichtbarmachung des Furchtbaren
 
Thomas Melle
Vom Krassen
Präsenz statt Referenz
 
Martin Saar
Zu viel
Drastik und Affekt
 
Esteban Sanchino Martinez
Wirklichkeitserfahrung in der Massenkultur
Drastik als moderne Erlebnisweise
 
Oliver Müller
Ontologische Verunsicherungen
Das Untote und die moderne Biomedizin
 
Carolin Emcke
Weil es sagbar ist
Haiti erzählen
 
Stefan Huster/Arnd Pollmann/ Jan Engelmann/Peter Siller
Ist es links? >Gegen Zensur<
 
 

Marie Schmidt

Mein halbes Jahr: >Literatur<

Arnon Grünberg – Herbert Achternbusch – Clemens J. Setz


Findet ein melancholischer Schlägertrupp in einem Stadtpark von Basel im Gebüsch so etwas wie ein schwules Liebespaar. »›Wir wollen mit euch reden‹, sagte der Große. Er warf seine Zigarette auf den Boden und trat sie aus. ›Wenn ihr einverstanden seid, jedenfalls. Habt ihr Lust, mit uns zu reden? Seid ihr ein bisschen einsam?‹« Das Liebespaar besteht aus dem Enkel eines SS-Offiziers, der, weil er seinem Großvater nicht nachstehen will, eigene Ambitionen entwickelt hat, nämlich »Tröster der Juden« zu werden, zuerst an Awrommele, dem Sohn eines Rabbiners. Eben noch haben sie sich geschworen, sich zu lieben, ohne etwas dabei zu fühlen. Da kommen die Schläger, der Tröster läuft weg, der Jude bleibt verwundert und verwundet zurück.

Das Kunstwerk, hat Adorno geschrieben, »steht gespannt gegen das Entsetzen der Geschichte. Bald insistiert, bald vergißt es. [...] Die Unmenschlichkeit der Kunst muß die der Welt überbieten um des Menschlichen willen.« Ganz scheint man dem dialektischen Braten noch heute nicht zu trauen. Arnon Grünbergs Roman Der jüdische Messias wurde lange Zeit nicht ins Deutsche übersetzt. Und die eigentliche Unmenschlichkeit besteht tatsächlich darin, wie der niederländische Schriftsteller seinen Figuren jede Verbindung mit der Welt unmöglich macht. Er malt sie als hilflose Träger von Ängsten, Begierden und Vorstellungen, zwischen denen nichts als harte Kontraste bestehen. Extrem unwahrscheinlich, dass sie jemals im eigentlichen Sinne miteinander sprechen. Und was sie als literarische Typen zu sagen haben, steht brutalstmöglich einfach da, in der unverbindlichsten Deutlichkeit, ohne sich um die Konventionen des Erzählens oder die Höflichkeitsregeln der geteilten Wirklichkeit zu scheren. Gerade deshalb ist natürlich Kommunikation das einzige Thema aller Grünberg-Romane. »›Ein gutes Gespräch muss von zwei Seiten kommen«, sagte der Große. [...] Er sah das Blut in Awrommeles Ohr und fragte sich, ob der Junge ihn noch hören konnte. Vielleicht war das Ohr ja vom Blut verstopft. Er war kein Experte auf dem Gebiet, darum sprach er langsam und deutlich: ›Wie Kierkegaard laut Camus sagt: ›Die sicherste Art nichts zu sagen, ist nicht das Schweigen, sondern das Sprechen.‹ Darum äußern wir uns mit unseren Füßen. [...] Weise die Freundschaft unserer Füße nicht von dir.‹ [...] Ein Jungenknochen ist schnell gebrochen, vor allem wenn man ein bisschen verspielt ist. Es beginnt als ein Spaß - schon bricht der Knochen. Die Sprache der Füße und Schuhe ist herrlich, wenn auch sehr rudimentär.« [...]


 
Johannes von Weizsäcker
Mein halbes Jahr: >Musik<
Pharmakon – Clipping – Bernadette La Hengst – Opa – Heino – Deep Purple
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr: >Film<
12 Years a Slave – The Butler – noch einmal: Django Unchained



ZITTERN

 
Redaktionsgespräch Jan Engelmann/Arnd Pollmann
»Besonders scharf, damit es brennt«
 
Ekkehard Knörer
Das Urteil verschlagen
Harmony Korines Ästhetik des Drastischen
 
Manfred Theisen
Explosion der Langeweile
Von Überdruss und Amok
 
Maja Bächler
Arbeitsalltag in der Folterkammer
Zur Rezeption von Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty
 
Gespräch Thomas Scheibitz/Bernd Heusinger
»In seiner Heftigkeit unerwartet«
 
Michael Jahn
Gott kann die Uhr nicht lesen
Über den Krieg im Himmel in John Miltons Paradise Lost
 
Jörg Trempler
Blutrünstige Kunst
Über die immersive Kraft von Bildern um 1800
 
Ulf Schmidt
Warum so brutal?
Tom Fontanas TV-Serie OZ und Dantes Göttliche Komödie
 
Anna-Catharina Gebbers
An den Rändern des Denkbaren
Über die Kunst der Erschütterung
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Bomben, Rauch und Irokesen<
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Krasser Traum<



ZURÜCKSCHLAGEN

 
Joanna Barck
Die Macht des Bildes
Zur Drastik des Undarstellbaren
 
Marcus Stiglegger
Anatomie der Angst
Dario Argento als Meister der performativen Drastik



SCHÖNHEITEN

 
Lars-Olav Beier
Auge um Auge
Hinsehen müssen: Luis Buñuels und Salvador Dalís Der andalusische Hund
 
Leo Lencsés
Exorzismus der Erinnerung
Gleichmacherei der Gewalt: Álex de la Iglesias Balada triste de trompeta
 
Thomas Schramme
Mann ohne Unterleib
Differente Lebensweisen: Tod Brownings Freaks
 
Christoph Raiser
Was das Zeug hält
Vier Bände Gehacktes: Milo Manaras und Alejandro Jodorowskys Die Borgia
 
Sebastian Dörfler
Exzess und Fortschritt
Mehr als Triebe: Dietmar Daths Die salzweißen Augen
 
Tilman Vogt
Kein Schauer
Bombe im Fabergé-Ei: Jeronimo Voss’ Phantasmagorical Horizon
 
Patrick Thor
Moderne Mythen
»We need to follow him«: Nicolas W. Refns Valhalla Rising
 
Elias Kreuzmair
Kein Kannibale
Aus dem Nichts: Der letzte Satz von Christian Krachts 1979
 
Christian Meskó
Pure Unterhaltung
Folterknechte als Helden: Maja Bächlers Inszenierte Bedrohung
 
Stefan Huster
Krass Gescheitert
Utopie der Geschichtslosigkeit: Bernardo Bertoluccis Der letzte Tango in Paris


nach oben