Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #16: Kunst der Drastik




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial



ZEIGEN

 
Peter Siller
Politik der Drastik
30 Versuche über die Sichtbarmachung des Furchtbaren
 
Thomas Melle
Vom Krassen
Präsenz statt Referenz
 
Martin Saar
Zu viel
Drastik und Affekt
 
Esteban Sanchino Martinez
Wirklichkeitserfahrung in der Massenkultur
Drastik als moderne Erlebnisweise
 
Oliver Müller
Ontologische Verunsicherungen
Das Untote und die moderne Biomedizin
 
Carolin Emcke
Weil es sagbar ist
Haiti erzählen
 
 

Stefan Huster/Arnd Pollmann/ Jan Engelmann/Peter Siller

Ist es links? >Gegen Zensur<


Wenn die Zensur nicht offensichtlich sinistren Machenschaften dient - etwa dem Erhalt der Macht einer üblen Clique -, will sie ja nur das Beste: der Verwahrlosung der Jugend vorbeugen, die Grundlagen des Zusammenlebens vor Gefährdungen bewahren, den öffentlichen Frieden sowie Anstand und Moral schützen. Und es kann durchaus sein, dass eine gut aufgestellte Zensurbehörde die richtigen Äußerungen erwischt: das Dumme, Falsche, Ungerechte, Diskriminierende und Ekelhafte. Manchmal wird es gewiss umstritten sein, wie eine Äußerung zu bewerten ist, aber es gibt auch klare Fälle. Und doch ist die Zensur selbst dann, wenn sie sich auf diese klaren Fälle beschränkt, ein Unding. Sie lebt nämlich von einer Ideologie der Unmündigkeit und Verführbarkeit. Warum müssten wir uns sonst gegenüber dem offensichtlich Dummen und Falschen schützen lassen? Es ist doch gut als solches erkennbar und kann ignoriert oder ausgelacht werden. Genau dies traut uns die Zensur aber nicht zu. Sie behandelt uns wie kleine Kinder, die auf jeden Unsinn hereinfallen. Manchmal sind wird das ja auch: Wir glauben großen Quatsch und treffen offensichtlich falsche Entscheidungen. Aber ein Leben, in dem von unsichtbarer Hand alle schädlichen Einflüsse und Einflüsterungen ferngehalten werden, mag man sich gar nicht vorstellen. Wir wissen schon selbst, was gut und schlecht ist. Und wenn wir uns vertun, haben wir den Fehler wenigstens selbst gemacht. Stefan Huster

Wir haben oft ein gespaltenes Verhältnis zur staatlichen »Begutachtung von Druckerzeug­nissen«: Viele sind direkt für Zensur, wenn rechtsradikale Kampfschriften auf den Index sollen, aber gegen Zensuren, wenn es um die Hausaufgaben ihrer Kleinen geht. Man könnte protestieren: Was, bitte, hat das eine mit dem anderen zu tun? Doch in beiden Fällen geht es um Einschüchterung, sozialverträgliche Konformität und den Kampf gegen geistige Devianz: Nicht nur Neonazi-Songtexte, auch schulische Leistungen können offenbar »jugendgefährdend« sein. Dabei spricht auch historisch vieles dafür, dass politische Zensurbedürfnisse stets Ausdruck einer Gesellschaft sind, die ihren eigenen Immunkräften misstraut. Und schon John Stuart Mill spottete, dass seine aufgeklärten Zeitgenossen allesamt für die freie Rede seien, aber doch sogleich protestierten, wenn diese »auf die Spitze getrieben« werde. Das Gegenteil von Zensur, so Mill, wäre konsequente Meinungsfreiheit. Und die kennt weder rechts noch links. Arnd Pollmann

Du sollst, du sollst nicht. Fingerzeige und Maßregelungen gehören zur geistigen Grundausstattung einer Linken, die frohgemut Grenzen zieht, um mögliche Gefahren einzuhegen. An dieser selbstverordneten Sozialhygiene nahmen Konservative stets Anstoß. Zum Beispiel, als sprachpolitische Eingriffe in den USA an die Stelle meritokratischer Glücksversprechen traten. Doch Zensur im Sinne der »Political Correctness« zu verteufeln, ist vergleichsweise leicht. Sie im Einzelfall zu begründen, erfordert mehr, nämlich die Beweisführung, dass alle anderen Appelle und Strategien zur Verbesserung der Lage nicht greifen. Konservative sind häufig bequem: Im grellen Sonnenlicht des Querdenkertums, das einerseits die freiheitliche Entfaltung des Individuums einfordert, diese aber andererseits für andere Menschen nicht zu sichern anstrebt, bleibt der Blick auf die eigene Lust an der Beschränkung verborgen. Du kannst, musst es nur wollen. Jan Engelmann

Wenn die Produktion von Bildern (Kinderpornografie) oder Zeichen (Nazi-Propaganda) Menschen schwere Verletzungen zufügt und entsprechend Straftatbestände erfüllt, ist das staatliche Verbot der Weitergabe die logische Konsequenz. Wie Menschen mit ihren Zeugnissen ausgelöscht werden, wissen wir. Doch auch die Idee, man müsse mündige Menschen vor der Sichtbarkeit des Bösen, Falschen oder Hässlichen bewahren, beruht gleich auf mehreren Fehlschlüssen. Als würde es nicht existieren, wenn man es unsichtbar hält. Als ließe es sich befragen, wenn man es unsichtbar hält. Als könnten wir es besiegen, wenn man es unsichtbar hält. Aufklärung heißt: Ans Licht holen. Die aufklärerische Chance, dass wir die Dinge im Licht besser erkennen und trennen können, dürfen wir uns von der Zensur nicht verbauen lassen. (Deshalb brauchen wir übrigens nicht nur böse Figuren, sondern auch schlechte Kunst.) In dieser Frage gilt zudem, was in vielen politischen Diskursen zu beachten ist: Mündige Bürger sind keine Kinder, auch wenn sie sich manchmal so benehmen. Deshalb entfaltet das gerne angeführte Argument des Schutzes von Kindern und Jugendlichen keine normative Kraft, es sei denn, diese sind auch wirklich gemeint. Peter Siller



 
Marie Schmidt
Mein halbes Jahr: >Literatur<
Arnon Grünberg – Herbert Achternbusch – Clemens J. Setz
 
Johannes von Weizsäcker
Mein halbes Jahr: >Musik<
Pharmakon – Clipping – Bernadette La Hengst – Opa – Heino – Deep Purple
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr: >Film<
12 Years a Slave – The Butler – noch einmal: Django Unchained



ZITTERN

 
Redaktionsgespräch Jan Engelmann/Arnd Pollmann
»Besonders scharf, damit es brennt«
 
Ekkehard Knörer
Das Urteil verschlagen
Harmony Korines Ästhetik des Drastischen
 
Manfred Theisen
Explosion der Langeweile
Von Überdruss und Amok
 
Maja Bächler
Arbeitsalltag in der Folterkammer
Zur Rezeption von Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty
 
Gespräch Thomas Scheibitz/Bernd Heusinger
»In seiner Heftigkeit unerwartet«
 
Michael Jahn
Gott kann die Uhr nicht lesen
Über den Krieg im Himmel in John Miltons Paradise Lost
 
Jörg Trempler
Blutrünstige Kunst
Über die immersive Kraft von Bildern um 1800
 
Ulf Schmidt
Warum so brutal?
Tom Fontanas TV-Serie OZ und Dantes Göttliche Komödie
 
Anna-Catharina Gebbers
An den Rändern des Denkbaren
Über die Kunst der Erschütterung
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Bomben, Rauch und Irokesen<
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Krasser Traum<



ZURÜCKSCHLAGEN

 
Joanna Barck
Die Macht des Bildes
Zur Drastik des Undarstellbaren
 
Marcus Stiglegger
Anatomie der Angst
Dario Argento als Meister der performativen Drastik



SCHÖNHEITEN

 
Lars-Olav Beier
Auge um Auge
Hinsehen müssen: Luis Buñuels und Salvador Dalís Der andalusische Hund
 
Leo Lencsés
Exorzismus der Erinnerung
Gleichmacherei der Gewalt: Álex de la Iglesias Balada triste de trompeta
 
Thomas Schramme
Mann ohne Unterleib
Differente Lebensweisen: Tod Brownings Freaks
 
Christoph Raiser
Was das Zeug hält
Vier Bände Gehacktes: Milo Manaras und Alejandro Jodorowskys Die Borgia
 
Sebastian Dörfler
Exzess und Fortschritt
Mehr als Triebe: Dietmar Daths Die salzweißen Augen
 
Tilman Vogt
Kein Schauer
Bombe im Fabergé-Ei: Jeronimo Voss’ Phantasmagorical Horizon
 
Patrick Thor
Moderne Mythen
»We need to follow him«: Nicolas W. Refns Valhalla Rising
 
Elias Kreuzmair
Kein Kannibale
Aus dem Nichts: Der letzte Satz von Christian Krachts 1979
 
Christian Meskó
Pure Unterhaltung
Folterknechte als Helden: Maja Bächlers Inszenierte Bedrohung
 
Stefan Huster
Krass Gescheitert
Utopie der Geschichtslosigkeit: Bernardo Bertoluccis Der letzte Tango in Paris


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