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polar #16: Kunst der Drastik




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial



ZEIGEN

 
Peter Siller
Politik der Drastik
30 Versuche über die Sichtbarmachung des Furchtbaren
 
 

Thomas Melle

Vom Krassen

Präsenz statt Referenz


Horaz, Kubrick, Nicholson, Baudelaire, Nietzsche, Benn, Bataille, Kafka, Sherman, Kane, Nitsch, Benetton - Die Drastik als künstlerische Strategie ermöglicht es, das immer nur verweisende Repräsentationssystem augenblicklich aufzuheben, um einen Moment der Präsenz zu etablieren.

Ein plötzliches Zuviel hat den Einbruch von Gefahr, Angst, Intensität, Schrecken und einem auf sich selbst zurückgeworfenen Gefühl der Existenz zu Folge. Der bloße Verweischarakter der Kunst kann so, und sei es für einen kurzen Umbruch, überwunden werden, das Künstliche der Kunst wird durchstoßen, um das Reale brutal aufscheinen zu lassen. Der Reflexionsapparat des Rezipienten wird ausgehebelt, um sofort seine Rekonstituierung unter anderen, krasseren Vorzeichen herbeizuführen. Die Wucht des Moments führt sozusagen zu einem Rebooten des Ich-Systems, der Schockmoment ist dabei aber Werkzeug zur Sensibilisierung des Subjekts, und nicht, wie man denken könnte - und wie es vom Zensurapparat gedacht wird -, zu seiner Vergröberung. Der Drastik wohnt so, im erzwungenen Freisetzen der Gedanken, ein utopisches Moment inne.

Lust und Ekel stehen in der Drastik hauchdünn nebeneinander und können ineinander umschlagen. Eine häufige Erscheinungsform ist dabei das zuviel Leben im Toten: Verwesung, Würmer, Maden, Zombies, Vampire verwirren unsere Begriffe von Leben und Tod. Drastisch erscheint aber auch die Tödlichkeit der Langeweile und die daraus entstehende, fehlgeleitete Aggression, etwa in Ulrich Seidls Filmen. Überhaupt erscheint die Drastik oft als Übersprungshandlung aus Leere und Langeweile heraus. Unsere Zeit ist so aufregend, dass man die Menschen eigentlich nur noch mit Langeweile schockieren kann (Beckett). Beckett überhaupt als der Autor, bei dem sich Langeweile und Drastik untrennbar verschränkt haben.

Entlegene und verschüttete Inhalte kommen in der Drastik zum Zug, bis hin zu kultischen Zusammenhängen, aztekischen Menschenopfern, die in der Verletzung, die das Drastische eben bedeutet, nachklingen. Die Gegenwart des Herrn bei der christlichen Wandlung (an sich ein Paradebeispiel für die Verwirrung der Wirklichkeitsebenen, die die Drastik nach sich zieht) wird etwa bei Beuys und Schlingensief in die Performances überführt: Der Künstler ist selbst immer anwesend und Medium aller Transformationen. Dietmar Dath sah die Drastik im Dienste der Aufklärung, was aber nur mit einer gewissen Verschmutzung des Impetus und Begriffs der Aufklärung zu haben ist. Die ästhetische Erfahrung der Drastik lässt sich besser mit dem Erhabenen kurzschließen. [...]


 
Martin Saar
Zu viel
Drastik und Affekt
 
Esteban Sanchino Martinez
Wirklichkeitserfahrung in der Massenkultur
Drastik als moderne Erlebnisweise
 
Oliver Müller
Ontologische Verunsicherungen
Das Untote und die moderne Biomedizin
 
Carolin Emcke
Weil es sagbar ist
Haiti erzählen
 
Stefan Huster/Arnd Pollmann/ Jan Engelmann/Peter Siller
Ist es links? >Gegen Zensur<
 
Marie Schmidt
Mein halbes Jahr: >Literatur<
Arnon Grünberg – Herbert Achternbusch – Clemens J. Setz
 
Johannes von Weizsäcker
Mein halbes Jahr: >Musik<
Pharmakon – Clipping – Bernadette La Hengst – Opa – Heino – Deep Purple
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr: >Film<
12 Years a Slave – The Butler – noch einmal: Django Unchained



ZITTERN

 
Redaktionsgespräch Jan Engelmann/Arnd Pollmann
»Besonders scharf, damit es brennt«
 
Ekkehard Knörer
Das Urteil verschlagen
Harmony Korines Ästhetik des Drastischen
 
Manfred Theisen
Explosion der Langeweile
Von Überdruss und Amok
 
Maja Bächler
Arbeitsalltag in der Folterkammer
Zur Rezeption von Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty
 
Gespräch Thomas Scheibitz/Bernd Heusinger
»In seiner Heftigkeit unerwartet«
 
Michael Jahn
Gott kann die Uhr nicht lesen
Über den Krieg im Himmel in John Miltons Paradise Lost
 
Jörg Trempler
Blutrünstige Kunst
Über die immersive Kraft von Bildern um 1800
 
Ulf Schmidt
Warum so brutal?
Tom Fontanas TV-Serie OZ und Dantes Göttliche Komödie
 
Anna-Catharina Gebbers
An den Rändern des Denkbaren
Über die Kunst der Erschütterung
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Bomben, Rauch und Irokesen<
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Krasser Traum<



ZURÜCKSCHLAGEN

 
Joanna Barck
Die Macht des Bildes
Zur Drastik des Undarstellbaren
 
Marcus Stiglegger
Anatomie der Angst
Dario Argento als Meister der performativen Drastik



SCHÖNHEITEN

 
Lars-Olav Beier
Auge um Auge
Hinsehen müssen: Luis Buñuels und Salvador Dalís Der andalusische Hund
 
Leo Lencsés
Exorzismus der Erinnerung
Gleichmacherei der Gewalt: Álex de la Iglesias Balada triste de trompeta
 
Thomas Schramme
Mann ohne Unterleib
Differente Lebensweisen: Tod Brownings Freaks
 
Christoph Raiser
Was das Zeug hält
Vier Bände Gehacktes: Milo Manaras und Alejandro Jodorowskys Die Borgia
 
Sebastian Dörfler
Exzess und Fortschritt
Mehr als Triebe: Dietmar Daths Die salzweißen Augen
 
Tilman Vogt
Kein Schauer
Bombe im Fabergé-Ei: Jeronimo Voss’ Phantasmagorical Horizon
 
Patrick Thor
Moderne Mythen
»We need to follow him«: Nicolas W. Refns Valhalla Rising
 
Elias Kreuzmair
Kein Kannibale
Aus dem Nichts: Der letzte Satz von Christian Krachts 1979
 
Christian Meskó
Pure Unterhaltung
Folterknechte als Helden: Maja Bächlers Inszenierte Bedrohung
 
Stefan Huster
Krass Gescheitert
Utopie der Geschichtslosigkeit: Bernardo Bertoluccis Der letzte Tango in Paris


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