Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #16: Kunst der Drastik




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial



ZEIGEN

 
Peter Siller
Politik der Drastik
30 Versuche über die Sichtbarmachung des Furchtbaren
 
Thomas Melle
Vom Krassen
Präsenz statt Referenz
 
Martin Saar
Zu viel
Drastik und Affekt
 
Esteban Sanchino Martinez
Wirklichkeitserfahrung in der Massenkultur
Drastik als moderne Erlebnisweise
 
Oliver Müller
Ontologische Verunsicherungen
Das Untote und die moderne Biomedizin
 
 

Carolin Emcke

Weil es sagbar ist

Haiti erzählen


Wie von Haiti erzählen? Wo beginnen, wenn doch jeder so viele Bilder gespeichert hat, aus den ersten Tagen des Erdbebens, wo sich doch so viele Erzählungen und Geschichten über Tod und Verwüstung auf Haiti eingeprägt haben? Wie gegen die Gewöhnung ansprechen, die sich wie Lava ausbreitet, mit langsamer Massigkeit, die alles schluckt und die jede Neugierde und Anteilnahme zu verhärten droht? Wie verhindern, dass Haiti nur wie irgendein Ort der Welt klingt, an dem getrauert und gelitten wird?

Wie kann ich von Haiti erzählen, dem einzigartigen, erschütternden Haiti, das schlimmer war als alles, was ich mir vorher ausgemalt hatte? Wie kann ich erklären, dass Haiti nicht Haiti ist, dass es anders ist, dass all die Bilder, all die Texte, die auch ich vorher gesehen und gelesen hatte, nicht ausreichen, wie kann ich erklären, dass Haiti überrascht und verwirrt, dass nichts bekannt ist in so einer Gegend und dass jede Beschreibung aus dem Wendekreis des Elends immer unvollständig bleibt, dass es sich immer ungenügend anfühlt, wie diese Bettdecke aus der Kindheit, die ein wenig zu kurz war, und sosehr man auch daran rupfte und zog, sie deckte nie alles ab und es blieb zu kalt.

Wie diese Decke erscheinen mir meine eigenen Versuche, die Welt aus Haiti zu beschreiben. Manchmal versuche ich es. Manchmal frage ich Freunde, ob sie etwas hören wollen von Haiti. Dieses Sprechen ist wie der Probelauf zum Schreiben. Als ob ich einmal testen müsste, wie eine richtige Erzählung aus Landschaften der Gewalt und der Trauer aussehen müsste, damit sie nachvollziehbar ist.

Manchmal frage ich meine Freunde, ob ich ihnen etwas schreiben darf. Manchmal frage ich das schon auf der Reise selbst. Ob ich schon mal berichten darf von dem, was ich erlebe. Manchmal reagieren meine Freunde gar nicht.
Manchmal sagen sie: Ja, gern.

Und dann erzähle ich, und schon im Sprechen oder Schreiben merke ich, wie die Decke meiner Erzählung zu kurz ist, wie ich mich frage, wie viel Zeit sie wohl haben, wie lange ich sie wohl belasten darf mit dieser Uferlosigkeit des Schreckens auf Haiti, frage mich, wo ich eigentlich beginnen soll, ihren Wirklichkeitsbegriff zu öffnen für eine Welt, in der nicht nur an einer Stelle etwas aus den Fugen geraten ist, eine Welt, die nicht nur an einer Stelle beschädigt ist, sondern die scheinbar nie in den Fugen war. [...]


 
Stefan Huster/Arnd Pollmann/ Jan Engelmann/Peter Siller
Ist es links? >Gegen Zensur<
 
Marie Schmidt
Mein halbes Jahr: >Literatur<
Arnon Grünberg – Herbert Achternbusch – Clemens J. Setz
 
Johannes von Weizsäcker
Mein halbes Jahr: >Musik<
Pharmakon – Clipping – Bernadette La Hengst – Opa – Heino – Deep Purple
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr: >Film<
12 Years a Slave – The Butler – noch einmal: Django Unchained



ZITTERN

 
Redaktionsgespräch Jan Engelmann/Arnd Pollmann
»Besonders scharf, damit es brennt«
 
Ekkehard Knörer
Das Urteil verschlagen
Harmony Korines Ästhetik des Drastischen
 
Manfred Theisen
Explosion der Langeweile
Von Überdruss und Amok
 
Maja Bächler
Arbeitsalltag in der Folterkammer
Zur Rezeption von Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty
 
Gespräch Thomas Scheibitz/Bernd Heusinger
»In seiner Heftigkeit unerwartet«
 
Michael Jahn
Gott kann die Uhr nicht lesen
Über den Krieg im Himmel in John Miltons Paradise Lost
 
Jörg Trempler
Blutrünstige Kunst
Über die immersive Kraft von Bildern um 1800
 
Ulf Schmidt
Warum so brutal?
Tom Fontanas TV-Serie OZ und Dantes Göttliche Komödie
 
Anna-Catharina Gebbers
An den Rändern des Denkbaren
Über die Kunst der Erschütterung
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Bomben, Rauch und Irokesen<
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Krasser Traum<



ZURÜCKSCHLAGEN

 
Joanna Barck
Die Macht des Bildes
Zur Drastik des Undarstellbaren
 
Marcus Stiglegger
Anatomie der Angst
Dario Argento als Meister der performativen Drastik



SCHÖNHEITEN

 
Lars-Olav Beier
Auge um Auge
Hinsehen müssen: Luis Buñuels und Salvador Dalís Der andalusische Hund
 
Leo Lencsés
Exorzismus der Erinnerung
Gleichmacherei der Gewalt: Álex de la Iglesias Balada triste de trompeta
 
Thomas Schramme
Mann ohne Unterleib
Differente Lebensweisen: Tod Brownings Freaks
 
Christoph Raiser
Was das Zeug hält
Vier Bände Gehacktes: Milo Manaras und Alejandro Jodorowskys Die Borgia
 
Sebastian Dörfler
Exzess und Fortschritt
Mehr als Triebe: Dietmar Daths Die salzweißen Augen
 
Tilman Vogt
Kein Schauer
Bombe im Fabergé-Ei: Jeronimo Voss’ Phantasmagorical Horizon
 
Patrick Thor
Moderne Mythen
»We need to follow him«: Nicolas W. Refns Valhalla Rising
 
Elias Kreuzmair
Kein Kannibale
Aus dem Nichts: Der letzte Satz von Christian Krachts 1979
 
Christian Meskó
Pure Unterhaltung
Folterknechte als Helden: Maja Bächlers Inszenierte Bedrohung
 
Stefan Huster
Krass Gescheitert
Utopie der Geschichtslosigkeit: Bernardo Bertoluccis Der letzte Tango in Paris


nach oben