Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #16: Kunst der Drastik




EDITORIAL

 
Peter Siller/Bertram Lomfeld
Editorial



ZEIGEN

 
Peter Siller
Politik der Drastik
30 Versuche über die Sichtbarmachung des Furchtbaren
 
Thomas Melle
Vom Krassen
Präsenz statt Referenz
 
Martin Saar
Zu viel
Drastik und Affekt
 
 

Esteban Sanchino Martinez

Wirklichkeitserfahrung in der Massenkultur

Drastik als moderne Erlebnisweise


Unsere westliche Populärkultur wird häufig als bunt, oberflächlich, sinnlich, unterhaltend, in Teilen kitschig, und nicht selten in Kategorien des Camp beschrieben. Es gibt jedoch noch eine andere, extremere Seite der kulturindustriellen Medaille, die man mit Fug und Recht als drastisch bezeichnen kann.

Als Dietmar Dath vor einigen Jahren Die salzweißen Augen. Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit auf den Buchmarkt brachte, ging es nur zum Teil um die Geschichte eines jungen Mannes, der seiner ehemals angehimmelten und nie erreichten Schulkameradin in 14 Briefen seine Liebe gesteht. Aus einer anderen, theoretischen Perspektive ist dieser Text der essayistische Versuch einer Aktualisierung eines Begriffes, der in der deutschen kunsttheoretischen Debatte zwar seit über zweihundert Jahren existiert, aber, wie seine Abwesenheit in den ausschlaggebenden Fachlexika zeigt, es bisher nie in die erste Reihe ästhetischer Kategorien geschafft hat, und dies, so eine Botschaft des Textes, eigentlich zu unrecht: Es hegt um den Begriff der Drastik.

Mit ›Drastik‹ ist bei Daths Briefeschreiber dabei gleich mehrerlei gemeint: Sie steht einmal für den besonders »feuchten und verdreckten Winkel« der Kulturindustrie, der auf eine scheinbar paradoxe Weise an- und abstoßend zugleich ist. Mit anderen Worten ist Drastik hier zunächst der Versuch einer begrifflichen Umschreibung eines Feldes der kulturellen Produktion, das massenwirksam und unpopulär ist und somit als unpopuläre Populärkultur bezeichnet werden könnte. In diesem Kontext gelten dem Erzähler Daths etwa Werke aus dem Thrash-, Death- und Black Metal, Splatterfilme á la Lucio Fulcis The Beyond (1981), literarische sowie filmische Pornografie oder so umstrittene Romane wie Bret Easton Ellis' American Psycho (1991) als signifikante Beispiele kulturindustrieller Drastik. Diese von Dath anzitierten Produkte »reiner« Drastik weisen bei genauer Beobachtung eine Struktur auf, welche die anti-idealistischen Impulse der Pop-Ästhetik (wie Sinnlichkeit, Hedonismus und Materialismus) sowohl motivisch als auch formal ins Extreme führt und die sich somit selbst noch einmal wesentlich von der Mainstream-Populärkultur unterscheiden. So ist Drastik hier inhaltlich unauflöslich mit den expliziten Darstellungen von Gewalt, Tod und Sexualität verbunden und bewegt sich damit grundsätzlich in einem ästhetisch-moralischen Problembereich. [...]


 
Oliver Müller
Ontologische Verunsicherungen
Das Untote und die moderne Biomedizin
 
Carolin Emcke
Weil es sagbar ist
Haiti erzählen
 
Stefan Huster/Arnd Pollmann/ Jan Engelmann/Peter Siller
Ist es links? >Gegen Zensur<
 
Marie Schmidt
Mein halbes Jahr: >Literatur<
Arnon Grünberg – Herbert Achternbusch – Clemens J. Setz
 
Johannes von Weizsäcker
Mein halbes Jahr: >Musik<
Pharmakon – Clipping – Bernadette La Hengst – Opa – Heino – Deep Purple
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr: >Film<
12 Years a Slave – The Butler – noch einmal: Django Unchained



ZITTERN

 
Redaktionsgespräch Jan Engelmann/Arnd Pollmann
»Besonders scharf, damit es brennt«
 
Ekkehard Knörer
Das Urteil verschlagen
Harmony Korines Ästhetik des Drastischen
 
Manfred Theisen
Explosion der Langeweile
Von Überdruss und Amok
 
Maja Bächler
Arbeitsalltag in der Folterkammer
Zur Rezeption von Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty
 
Gespräch Thomas Scheibitz/Bernd Heusinger
»In seiner Heftigkeit unerwartet«
 
Michael Jahn
Gott kann die Uhr nicht lesen
Über den Krieg im Himmel in John Miltons Paradise Lost
 
Jörg Trempler
Blutrünstige Kunst
Über die immersive Kraft von Bildern um 1800
 
Ulf Schmidt
Warum so brutal?
Tom Fontanas TV-Serie OZ und Dantes Göttliche Komödie
 
Anna-Catharina Gebbers
An den Rändern des Denkbaren
Über die Kunst der Erschütterung
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Bomben, Rauch und Irokesen<
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Krasser Traum<



ZURÜCKSCHLAGEN

 
Joanna Barck
Die Macht des Bildes
Zur Drastik des Undarstellbaren
 
Marcus Stiglegger
Anatomie der Angst
Dario Argento als Meister der performativen Drastik



SCHÖNHEITEN

 
Lars-Olav Beier
Auge um Auge
Hinsehen müssen: Luis Buñuels und Salvador Dalís Der andalusische Hund
 
Leo Lencsés
Exorzismus der Erinnerung
Gleichmacherei der Gewalt: Álex de la Iglesias Balada triste de trompeta
 
Thomas Schramme
Mann ohne Unterleib
Differente Lebensweisen: Tod Brownings Freaks
 
Christoph Raiser
Was das Zeug hält
Vier Bände Gehacktes: Milo Manaras und Alejandro Jodorowskys Die Borgia
 
Sebastian Dörfler
Exzess und Fortschritt
Mehr als Triebe: Dietmar Daths Die salzweißen Augen
 
Tilman Vogt
Kein Schauer
Bombe im Fabergé-Ei: Jeronimo Voss’ Phantasmagorical Horizon
 
Patrick Thor
Moderne Mythen
»We need to follow him«: Nicolas W. Refns Valhalla Rising
 
Elias Kreuzmair
Kein Kannibale
Aus dem Nichts: Der letzte Satz von Christian Krachts 1979
 
Christian Meskó
Pure Unterhaltung
Folterknechte als Helden: Maja Bächlers Inszenierte Bedrohung
 
Stefan Huster
Krass Gescheitert
Utopie der Geschichtslosigkeit: Bernardo Bertoluccis Der letzte Tango in Paris


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