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polar #9: Fortschritt



EDITORIAL

 

Peter Siller, Bertram Keller

Editorial


Liebe Leserin, Lieber Leser,

Fortschritt war einst das Zauberwort der Linken, um der Hoffnung und der Zuversicht auf ein besseres Morgen Ausdruck zu geben. Mit der Aufklärung verband sich auch der Glaube an kulturellen und moralischen Fortschritt. Mit dem technologischen und ökonomischen Fortschritt verband sich die Hoffnung auf einen entsprechenden sozialen Fortschritt. Und selbst die Weiterentwicklung der Demokratie war Gegenstand der Fortschrittsidee.

Heute scheint der Optimismus von Fortschritt passé. Wenn es schon kein Zurück in eine goldene Vergangenheit gibt, dann soll doch wenigstens alles so bleiben wie es ist. In den meisten Feuilletons regiert der Kulturpessimismus. Die Welt: zu laut, zu bunt, zu schnell. Applaus der Intellektuellen ist sicher.

Aber die Kraft zu notwendigen Veränderungen gerade im sozialen und ökologischen Bereich kann unsere Gesellschaft nur aufbringen, wenn wir den Fortschrittsgedanken wieder entdecken und neu formulieren. Jede Gesellschaft braucht Aussicht auf eine Veränderung zum Besseren, braucht Ziele und Visionen.

Grundlage einer politischen Idee des Fortschreitens kann dabei kein naiver Fortschrittsglaube sein, sondern nur eine intensive kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff des Fortschritts (Lukes, S. 7), der Utopie (Interview Abensour, S. 14) und der Idee menschlicher Entwicklung insgesamt (McCarthy, S. 36).

Wissenschaft und Technik huldigten schon immer auf fast kultische Weise dem Gedanken des Fortschritts. Technische Utopien liefern aber nicht nur Material für Science Fiction (Fuhse, S. 107), sondern ermöglichen neue Infrastrukturen, aber auch neue Wagnisse (Schütze, S. 99 und Harms, S. 103). Technik ändert unsere sozialen Strukturen (Jahnke/Voss-Dahm, S. 79). iPod und Facebook prägen das tägliche Zusammenleben. Der digitale Fortschritt knüpft neue soziale Netze (Interview Lovink, S. 86). Aus dem Technik-Kult erwachsen neue Kulturtechniken (Ruhl, S. 45).

Die greifbarste Beziehung der Kunst zu Fortschritt bietet wohl die Architektur (Makropoulus, S. 113; Interview Brandlhuber/Keré, S. 118). Die Kunst spiegelt nicht nur die Entwicklung einer Gesellschaft (Friedl, S. 4ff.), sondern verschreibt sich selbst einer kritischen Fortsetzung der Fortschrittsidee der Moderne (Rebentisch, S. 145)

Kommen Sie gut durch das Heft. Keine Atempause ...

Für die Redaktion

Peter Siller, Bertram Keller




AUFKLÄRUNG

 
Steven Lukes
Das Ende des Fortschritts?
Vom Sinn der Fortschrittsidee
 
»Der Mensch, das utopische Tier«
Interview Miguel Abensour
 
Peter Siller
Vowärts, und nicht vergessen
Warum emanzipatorische Politik einen neuen Fortschrittsbegriff braucht
 
Corinna Mieth
Utopische und wirkliche Freiheit
Hat die Utopie im Liberalismus noch eine Chance?
 
Thomas Biebricher/Stefan Huster/Arnd Pollmann/ Betram Keller
Ist es links?: >Utopie<
 
Thomas McCarthy
Die Gegenwart der Vergangenheit
Die Idee menschlicher Entwicklung
 
Carsten Ruhl
Vom Kult der Technik zur Kulturtechnik
Vom Kult der Technik zur Kulturtechnik
 
Carola Bauschke-Urban
Werdet Nomaden!
Mehr Fortschritt für die Wissenschaft durch Mobilität?
 
Thomas Schramme
Menschen und Normen
Gibt es moralischen Fortschritt?



AUFBRUCH

 
Petra Hauffe/Judith Karcher
Stillstand ist der Tod
Worauf beruht das Postulat des steten Wachstums?
 
Isa Jahnke/Dorothea Voss-Dahm
Ambivalente Wirkungen
Digitale Demenz versus Kreativitätspotenziale
 
»Die Idee des Virtuellen ist zerplatzt«
Interview Geert Lovink
 
Justus Schütze
Power from the people
Energetischer Fortschritt für alle
 
Rebecca Harms
Das Wüstenstromprojekt
Warum ökologischer und sozialer Fortschritt solare Großkraftwerke braucht
 
Neue Berliner Sprachkritik
Der wahre Text: >Krönung der Schöpfung<
 
Jan Fuhse
Unsterblichkeit im Cyber-Space
Zur Konstruktion von technischem Fortschritt in der Science Fiction
 
Michael Makropoulos
Der Raum des Fortschritts
Architekturmoderne und Massenmotorisierung
 
»So einfach wie möglich«
Interview Arno Brandlhuber/Diébédo Francis Kéré
 
Arnd Pollmann
Ein schwacher Trost
Geschichtsphilosophie für Fortgeschrittene
 
Alban Lefranc
Mein halbes Jahr >Literatur<
Lucilio Vanini – Samuel Beckett – Don DeLillo – Pierre Michon
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr >Film<
Lotería – Mammut - Sandkastenspiele
 
Christoph Raiser
Mein halbes Jahr >Musik<
Zola – DJ Mujava – Buraka Som Sistema – Bonde Do Role – Edu K



AUFGABE

 
Juliane Rebentisch
Wider die ästhetische Regression
Kunstkritik jenseits von Differenzfetischismus und Retro-Modernismus
 
Thomas Biebricher
Backbeat Revolution
Geschichte wird gemacht: The (International) Noise Conspiracy
 
Metin Genc
Ein Detektor ist ein Detektor ist ein Detektor
Literarisches vom Standpunkt der Zeit
 
Barbara Holland-Cunz
Unerledigte Utopie
Zur Renaissance der 1970er Jahre – kulturindustriell und utopisch
 
Gabriele Dietze
Der okzidentalistische Geschlechterpakt
Emanzipation als uneingelöstes Versprechen
 
Martin Saar
Bildpolitik: >Vorwärts<
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Fortschrittskontrollen und Post-Development<
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Reck Deine Glieder<



SCHÖNHEITEN

 
Tim Caspar Boehme
Zurück
Pioniere der De-Evolution: Devo
 
Johannes Kleinbeck
Der Übermaler
Das Neue auf der Stelle: Die Kunst Arnulf Rainers
 
Frieder Vogelmann
Moderne Zeiten
Das Formlose in Permanenz: Ahmet Hamdi Tanpinars Das Uhrenstellinstitut
 
Anna Sailer
Abseits
Bewegung im Stillstand: Junges mexikanisches und deutsches Kino
 
Julia Roth
Kumbia, Nena!
Punk Tropical: Kumbia Queers als genderpolitische Avantgarde
 
Franziska Schottmann
Irrwitz
Vom Absurden lernen: William Kentridge im Jeu de Paume
 
Martin Saar
Gemeinsames Glück
Unverschämt optimistisch: Hardt und Negri über das Gemeinsame
 
Kerstin Carlstedt
Gebannte Welt
Horror als Modernitätsverweigerung: M. Night Shyamalans The Village
 
Thomas Schramme
Sprungzone
Zeitverschiebung: Billy Braggs Waiting For The Great Leap Forwards
 
Luisa Banki
Der Fortschreiter
Unterbrochene Geschichte: Walter Benjamins Denkbild In der Sonne


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