Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #9: Fortschritt



EDITORIAL

 
Peter Siller, Bertram Keller
Editorial



AUFKLÄRUNG

 
Steven Lukes
Das Ende des Fortschritts?
Vom Sinn der Fortschrittsidee
 
»Der Mensch, das utopische Tier«
Interview Miguel Abensour
 
Peter Siller
Vowärts, und nicht vergessen
Warum emanzipatorische Politik einen neuen Fortschrittsbegriff braucht
 
Corinna Mieth
Utopische und wirkliche Freiheit
Hat die Utopie im Liberalismus noch eine Chance?
 
Thomas Biebricher/Stefan Huster/Arnd Pollmann/ Betram Keller
Ist es links?: >Utopie<
 
Thomas McCarthy
Die Gegenwart der Vergangenheit
Die Idee menschlicher Entwicklung
 
Carsten Ruhl
Vom Kult der Technik zur Kulturtechnik
Vom Kult der Technik zur Kulturtechnik
 
Carola Bauschke-Urban
Werdet Nomaden!
Mehr Fortschritt für die Wissenschaft durch Mobilität?
 
Thomas Schramme
Menschen und Normen
Gibt es moralischen Fortschritt?



AUFBRUCH

 
Petra Hauffe/Judith Karcher
Stillstand ist der Tod
Worauf beruht das Postulat des steten Wachstums?
 
Isa Jahnke/Dorothea Voss-Dahm
Ambivalente Wirkungen
Digitale Demenz versus Kreativitätspotenziale
 
»Die Idee des Virtuellen ist zerplatzt«
Interview Geert Lovink
 
Justus Schütze
Power from the people
Energetischer Fortschritt für alle
 
 

Rebecca Harms

Das Wüstenstromprojekt

Warum ökologischer und sozialer Fortschritt solare Großkraftwerke braucht


Die Idee, in großen solarthermischen Anlagen Strom zu erzeugen, ist nicht neu. Im Unterschied zur Photovoltaik brauchen die Spiegel dieser solaren Großkraftwerke klaren, am Besten glasklaren wolkenfreien sonnigen Himmel, damit sie effizient laufen. Wüsten wie die Sahara sind die bestgeeigneten Orte. So erklärt sich auch der Begriff Desertec für das Wüstenstromprojekt: Wüste und Technik. In Kalifornien wurden bereits in den achtziger Jahren solarthermische Kraftwerke in Betrieb genommen, liefen aber nur einige Jahre. In Spanien wurde die Idee neu aufgegriffen und vorangetrieben. Zurzeit sind dort beispielsweise auf der Guadix Hochebene in der Nähe von Granada allein 100 Megawatt in Betrieb, weitere Anlagen sind im ganzen Land im Bau und in Planung.

Eine begeisternde Idee

Im Jahr 2007 hatte ich den langjährigen Präsidenten des Club of Rome, Prinz Hassan von Jordanien, zu Gast im Europäischen Parlament. Er ist seit langer Zeit einer der euphorischen Anhänger der Idee von Desertec. Mit brillantem technischem und strategischem Wissen zur Energiepolitik in Zeiten der Ressourcenknappheit, des Klimawandels und drohender Konflikte um Rohstoffe, fruchtbaren Boden und Wasser entwickelte er in großer Runde vor Abgeordneten und Experten aus Parlament, Kommission und Verbänden die Idee einer erneuerbaren und nachhaltigen Energieversorgung für die MENA-Länder. Mit solarthermischen Großkraftwerken und großen Windparks in besonders sonnen- bzw. windreichen Küsten- und Wüstenregionen könnte der Kern für eine moderne und risikoarme Stromerzeugung der Länder des südlichen Mittelmeeres aufgebaut werden, ohne dem Klima zu schaden. Gleichzeitig würden neue Einnahmen für die Wüstenregionen aus dem Export des Stroms erwirtschaftet werden. Voraussetzung dafür sei, dass eine den großen Potenzialen angemessene Netzverbindung über das Mittelmeer aufgebaut werde, um den Solarstrom Richtung Europäische Union zu transportieren. Desertec würde außerdem in den Ländern, die die Technik einführen und weiterentwickeln mehr Ausbildung, mehr Qualifikationen und Beschäftigung in einer zukunftsfähigen Branche schaffen.

Strom und Wasser

Mindestens so wichtig wie die Stromerzeugung für Versorgung und Export ist für Prinz Hassan die Idee, mithilfe der Solarkraftwerke Meerwasserentsalzungsanlagen in Gaza und anderen Küstenregionen zu betreiben, um den großen Wassermangel in dieser Region zu überwinden, mehr landwirtschaftliche Produktion zu ermöglichen und so in eine friedlichere Zukunft zu steuern. Unterstützt wurde das flammende Plädoyer des Jordaniers von einem Forscher aus der Deutschen Gesellschaft für Luft und Raumfahrt und einem Mitarbeiter des Unternehmens Schott. Sie erklärten die Kraftwerkstechnik, zeigten Pläne und Fotos von Projekten im Süden Spaniens und erläuterten die Notwendigkeit, die Machbarkeit und die Technik der Netzverbindungen zwischen afrikanischen und europäischen Küsten. Wissenschaft und Wirtschaft standen an diesem Nachmittag quasi hinter dem Prinzen. Warum hatte dieser Mann, der so lange an der Spitze des Club of Rome gestanden hatte, es so schwer, für seine große Idee Unterstützung zu finden? Warum war der Solarplan für den Nahen und Mittleren Osten oder die Länder Nordafrikas nicht längst ein breit unterstütztes Ziel?

Der Präsident und der Prinz
Zur Zeit des Vortrages in Brüssel tourte gerade der französische Präsident Nicolas Sarkozy rund ums Mittelmeer und pries französische Atomkraftwerke an. Trotz des finanziellen Desasters, das Areva und Siemens beim Bau des EPR, des Europäischen Druckwasserreaktors, gerade in Finnland erlebten: in Tunesien, Libyen, Ägypten, Jordanien oder Saudi-Arabien kamen Sarkos Versprechen, Atommeiler zu liefern, gut an. Große atomare Unfälle, atomarer Müll und die Gefahr des militärischen oder terroristischen Missbrauchs sind aber zwingende Gründe gegen neue Atomprojekte auch in den Ländern des Südens. Das Wüstenstromprojekt stellt zwar auch große Herausforderungen an Technik und Infrastruktur. Es ist aber im Vergleich nicht nur risikoarm, sondern schafft auch keine neuen Abhängigkeiten von begrenzten Ressourcen.

Seit dem Vortrag von Prinz Hassan im Petra Kelly Saal des Europäischen Parlamentes sind ein paar Jahre ins Land gegangen. Nicht nur im Europäischen Parlament sondern auch im Bundestag und anderen nationalen Parlamenten lösten die Vorträge von Hassan und anderen Mitgliedern des Club of Rome eine neue und anhaltende Begeisterung aus. Die Idee, in den MENA-Ländern mit ihrem wachsenden Energiebedarf und ihren steigenden Bevölkerungszahlen etwas wirklich Neues anzufangen und eine zukunftsfähige Technologie zu verwirklichen, ist unwiderstehlich. Nicht die Wiederholung des europäischen hochriskanten Energiemixes Kohle und Atom, in dem die erneuerbaren Energien sich aus einer Nische heraus entwickeln müssen, sondern von vornherein auf ihre zentrale Rolle zu setzen, das ist Teil der Faszination. Und wenn das große solare Potenzial der Länder südlich des Mittelmeeres einerseits für dortige nachhaltige Entwicklung und andererseits durch ein kontinentales Supergrid auch für Europa erschlossen werden kann, um damit auch die wechselnde Verfügbarkeit verschiedener regenerativer Energiequellen auszugleichen, dann ist das doch eine bestechende Idee.

Die Franzosen gaben zwar ihre nuklearen Pläne nicht auf, aber schafften mit dem plan solaire noch mehr Aufmerksamkeit für die Möglichkeiten von Desertec. Inzwischen haben sich große Unternehmen der Energiebranche zur Desertec Industrial Initiative zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen Firmen wie ABB, Schott, Munich RE, eon usw. dafür sorgen, dass die Grundlagen für Desertec geschaffen werden. Auch ein marokkanisches Versorgungsunternehmen ist dabei, was die Hoffnung nährt, dass die Bedürfnisse der Nordafrikanischen Länder gehört werden. Bis 2050 wollen sie 15 Prozent des europäischen Strombedarfs mit Wüstenstrom decken können. Und auch aus Frankreich gibt es jetzt mit Transgreen eine Initiative, bei der sich Areva und EDF, aber auch Siemens, der spanische Stromnetzbetreiber Red Eléctrica de Espana und das nordafrikanische Energieunternehmen Taga Arabia engagieren. Im Fokus der Franzosen ist der Ausbau der Netze. Es scheint, als habe sich der Wind zugunsten von Prinz Hassan und seiner Ideen gedreht.

Solarkolonialismus und andere Bedenken
Seit der Aufbau von Solarkraftwerken südlich des Mittelmeeres etwas realistischer wird, kommen die Bedenken und Gründe gegen zentrale Erzeugung von regenerativem Strom an optimalen Standorten und die Vernetzung durch ein Supergrid nicht etwa von RWE, Siemens, Framatom usw. Die Bedenken sind verschieden begründet aber verbinden sich auf ungute Art. Eine Linie der Kritik gegen Desertec ist, dass das alles gar nicht ernst gemeint sei, sondern dass unter dem Deckmantel der solaren Perspektiven in Wirklichkeit nur der Netzausbau zugunsten von zentralen Kohle- und Atomkraftwerken rund ums Mittelmeer geplant werde. Desertec wird gesehen als trojanisches Pferd der europäischen Energiemonopolisten. Eine andere Gruppe der Kritiker fürchtet, dass Importe von günstig produziertem Solarstrom zu »Dumpingpreisen« den Ausbau der regenerativen Energien in der EU bremsen würden. Eine dritte Position wendet sich grundsätzlich gegen zentrale Netze und macht die Angreifbarkeit der zentral organisierten Energieversorgung zum Thema. Die Verwundbarkeit europäischer oder auch afrikanischer Versorgung sei nur durch dezentrale Strukturen überwindbar. Eine vierte Position handelt vom neuen Solar-Kolonialismus, neuer Ausbeutung und Fremdbestimmung der MENA-Länder.

Ich muss zugeben, dass nicht alle Bedenken einfach an mir abprallen. Aber solange wir weit davon entfernt sind, in der Europäischen Union oder für afrikanische Länder zeigen zu können, wie wir unsere eigenen Klima- und Entwicklungsziele erreichen können, ist es unverantwortlich, die Chancen, die in Desertec stecken, zu blockieren. Ich bin zudem fest überzeugt, dass in der solaren Technik die besseren Entwicklungschancen stecken und dass die MENA-Länder diese Chancen gar nicht früh genug als die ihren erkennen und nutzen können. Solange wir Öl und Gas und alle anderen Rohstoffe bedingungslos und aus aller Welt nach Europa leiten, ist es Irrsinn, eine Blockade für den Import von Sonnenstrom zu vertreten. Es wird außerdem nicht die Netzinfrastruktur sein, die über die Erzeugungsstruktur entscheidet. Die Befürchtungen einiger Desertec-Kritiker für den Mittelmeerraum, dass mit erneuerbaren Potenzialen der Netzausbau begründet wird, am Ende dort aber konventioneller Atom- oder Kohlestrom durchgeleitet wird, müsste logischerweise auch für den Nord- oder Ostseeraum gelten. Soweit ich das beurteilen kann, dürften neue Kohle- oder Atomkraftwerke in Großbritannien, Finnland, Schweden oder Kaliningrad auch – leider! – noch eher realisiert werden können als die von Sarkozy versprochenen Meiler in Libyen oder Ägypten und anderswo.

Die Frage nach der Verwundbarkeit der Netze und die in diesem Zusammenhang möglichen Vorteile dezentraler Erzeugungs- und Versorgungsstrukturen nehme ich als Einwand sehr ernst. Allerdings trägt auch dieser noch nicht wirklich weit. Wir setzen bei den unumstrittenen Szenarien für erneuerbare Energien doch auch mit Offshore-Windparks auf zentrale Erzeugung und große internationale Netze. Wir sollten im Norden nicht mit anderer Latte messen als im Süden. Und wir sollten die Attraktivität des Ausbaus der solarthermischen Kraftwerke nicht durch eine grundsätzliche Verweigerung des Importes von Solarstrom aus Afrika konterkarieren. Natürlich melden die Energieriesen auch dort Interessen an. Aber tun sie das nicht auch beim Windstrom oder der Wasserkraft im Norden? Schädlich ist zurzeit die Übertreibung der Probleme und Risiken des Solarplans für das Mittelmeer.

Schädlich ist aber auch die gnadenlose Überzeichnung der Möglichkeiten des Wüstenstromprojekts. Solange nicht erhebliche Kapazitäten der Erzeugung geschaffen sind und gezeigt wird, wie zuverlässig der Wüstenstrom erzeugt wird, sollten wir auf dem Teppich bleiben. In der nächsten Zeit müssen die Freunde des Wüstenstroms und der nachhaltigen Entwicklung dafür sorgen, dass die Realisierung erster Projekte gelingt und damit die Überzeugung für die große Zukunft der Solarkraft gerade auch in Afrika wächst. Übrigens wird es dabei weiter auch um die gute Balance zwischen zentraler und dezentraler Erzeugung und Nutzung gehen. »Small is beautiful« hat sich auch mit solaren Großkraftwerken oder Offshore-Windparks keineswegs überholt. Die Ölkatastrophe im Golf oder die Unlösbarkeit des Atommüllproblems oder die stagnierenden Klimaverhandlungen sollten unseren Ehrgeiz für neue Wege antreiben. 



 
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