Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #9: Fortschritt



EDITORIAL

 
Peter Siller, Bertram Keller
Editorial



AUFKLÄRUNG

 
Steven Lukes
Das Ende des Fortschritts?
Vom Sinn der Fortschrittsidee
 
»Der Mensch, das utopische Tier«
Interview Miguel Abensour
 
Peter Siller
Vowärts, und nicht vergessen
Warum emanzipatorische Politik einen neuen Fortschrittsbegriff braucht
 
Corinna Mieth
Utopische und wirkliche Freiheit
Hat die Utopie im Liberalismus noch eine Chance?
 
 

Thomas Biebricher/Stefan Huster/Arnd Pollmann/ Betram Keller

Ist es links?: >Utopie<


Konservative haben keine Utopien. Ist damit die Utopie schon quasi ex negativo links? Nicht unbedingt, denn auch das (neo-)liberale Denken hat es sich zumindest in der Person Hayeks zur Aufgabe gemacht, Utopien zu formulieren, um im Kampf um Herzen und Köpfe reüssieren zu können. Von seinen ordoliberalen Brüdern hatte Hayek in dieser Angelegenheit wenig zu erwarten, deren Kulturpessimismus einzig einen Aufruf zur Rückkehr in die vormoderne Idylle des Schrebergarten- und Mittelstandskapitalismus zuließ. Doch auch Hayeks Utopie liefert nur die Glorifizierung des marktvermittelten Überlebenskampfes. Für linke Utopien gilt noch immer Marx’ Rede vom Reich einer Freiheit jenseits des Reichs der Notwendigkeit, in der Hoffnung, dass die Sehnsucht nach einer gerechten oder einfach nur schöneren Welt einstmals politische Praktiken hervorbringen wird, die den Weg in diese andere Zukunft bahnen. Wahrhaft utopisches Denken schöpft seine Kraft aus der Fülle einer unbekümmerten Phantasie. Es weist vermeintliche Sachzwänge zurück im Vertrauen darauf, dass die Dinge immer auch anders sein können – hoffentlich irgendwie besser. Thomas Biebricher

Dass wir offensichtlich keine politischen Utopien mehr haben, scheint für das fortschrittliche Denken sehr viel prekärer zu sein als für konservative Bewegungen: Die Rechten müssen nur wissen, wo wir herkommen, die Linke muss auch wissen, wo wir hinwollen. Veränderungswillen setzt aber auf den ersten Blick ein Ziel voraus, eine Vorstellung des Zustandes, der erreicht werden soll – eine Utopie eben. Wir »brauchen« – so heißt es – eine Utopie, weil die (linke) Politik sonst ziel- und orientierungslos sei. Aber braucht eine konservative Politik nicht in ganz ähnlicher Weise Maßstäbe und Kriterien, weil sie sonst gar wüsste, was sie bewahren will? Und warum hat sie sich nicht in die Falle treiben lassen, diese Maßstäbe und Kriterien zu einer Utopie aufzublasen? Vielleicht ist das der Punkt, an dem die Linken am meisten von den Konservativen lernen können: dass es keinen paradiesischen Endzustand gibt. Es ist die daraus folgende Gelassenheit, die vor Fanatismus schützt und Urteilskraft bewahrt. Die Erfahrungen von Ungerechtigkeit und Demütigung reichen allemal, um die Richtung zu weisen. Wir sollten es als Chance begreifen, dass wir die Utopien los sind und uns den wirklichen Problemen zuwenden können. Stefan Huster

Die einen wollen da bleiben, wo sie sind, das Althergebrachte, den Status quo, hegen und pflegen wie einen pittoresken Vorgarten. Sie finden diesen schön genug und haben Angst, dass jemand darin wüten könnte. Die anderen aber wollen aufbrechen, um das Feld der politischen Ideen gründlich zu pflügen. Sie werden Neues säen und damit den Boden bereiten für eine Zukunft, die ihnen besser erscheint. »Links« zu sein, bedeutet also: ständig in Aufbruchsstimmung zu sein. Denn das, was ist, kann nicht schon alles sein. Wer das, was ist, bewahren will, braucht keine Vision – und auch keinen Arzt, wie Helmut Schmidt, der rechteste aller Linken, sagen würde. Konservative sind langweilig, laufen aber auch nicht Gefahr, in eine ungewisse Zukunft vorzustoßen und dabei ungeheuer viel Schaden anzurichten. Wer hingegen fortschreiten und das Bestehende hinter sich lassen will, ist auf eine Utopie angewiesen und damit auf eine genauere Vorstellung vom »Noch-Nicht-Sein«. Das Problem ist nur: Man kann sich dabei auf katastrophale Weise vertun. Jeder und jede politisch Handelnde muss sich da selbst entscheiden: Beharrlichkeit, Sicherheit und Langeweile vs. Mut, Veränderung, aber auch Gefahr. Arnd Pollmann

Utopisten sind soziale Träumer. Utopia ist das Nicht-Örtliche, die Suche nach der idealen Gesellschaft. Die tatsächliche Welt ist erstmal Nebensache. In Utopien wohnt das Unrealistische. Schon Morus schloss seinen begriffsbildenden Roman mit der Aussicht: »Freilich wünsche ich das mehr, als ich es hoffe«. Utopie ist der Traum des sozialen Fortschritts und so die radikalste Gegenvision zum konservativen Verharren im ›Immer-schon-da-Gewesenen‹. Der Typus des sozialen Träumers klingt links, aber ganz so einfach ist die Gleichung nicht. Die Geschichte kennt Utopien aller Farben. Morus und Marx träumten von einer neuen Gesellschaft, aber eben auch Hitler und Mussolini. Außerdem trägt jede Utopie den Keim der Ideologie. Die Umsetzung gesellschaftlicher Großträume sieht meist blutige Messer. Trotz allem braucht die heutige politische Wüste farbloser Funktionäre dringend ein paar bunte Utopien. Nur wer noch träumt, sucht wirklich nach einer gerechten Welt und kann überhaupt links sein. Bertram Keller


 
Thomas McCarthy
Die Gegenwart der Vergangenheit
Die Idee menschlicher Entwicklung
 
Carsten Ruhl
Vom Kult der Technik zur Kulturtechnik
Vom Kult der Technik zur Kulturtechnik
 
Carola Bauschke-Urban
Werdet Nomaden!
Mehr Fortschritt für die Wissenschaft durch Mobilität?
 
Thomas Schramme
Menschen und Normen
Gibt es moralischen Fortschritt?



AUFBRUCH

 
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Stillstand ist der Tod
Worauf beruht das Postulat des steten Wachstums?
 
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Ambivalente Wirkungen
Digitale Demenz versus Kreativitätspotenziale
 
»Die Idee des Virtuellen ist zerplatzt«
Interview Geert Lovink
 
Justus Schütze
Power from the people
Energetischer Fortschritt für alle
 
Rebecca Harms
Das Wüstenstromprojekt
Warum ökologischer und sozialer Fortschritt solare Großkraftwerke braucht
 
Neue Berliner Sprachkritik
Der wahre Text: >Krönung der Schöpfung<
 
Jan Fuhse
Unsterblichkeit im Cyber-Space
Zur Konstruktion von technischem Fortschritt in der Science Fiction
 
Michael Makropoulos
Der Raum des Fortschritts
Architekturmoderne und Massenmotorisierung
 
»So einfach wie möglich«
Interview Arno Brandlhuber/Diébédo Francis Kéré
 
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Ein schwacher Trost
Geschichtsphilosophie für Fortgeschrittene
 
Alban Lefranc
Mein halbes Jahr >Literatur<
Lucilio Vanini – Samuel Beckett – Don DeLillo – Pierre Michon
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr >Film<
Lotería – Mammut - Sandkastenspiele
 
Christoph Raiser
Mein halbes Jahr >Musik<
Zola – DJ Mujava – Buraka Som Sistema – Bonde Do Role – Edu K



AUFGABE

 
Juliane Rebentisch
Wider die ästhetische Regression
Kunstkritik jenseits von Differenzfetischismus und Retro-Modernismus
 
Thomas Biebricher
Backbeat Revolution
Geschichte wird gemacht: The (International) Noise Conspiracy
 
Metin Genc
Ein Detektor ist ein Detektor ist ein Detektor
Literarisches vom Standpunkt der Zeit
 
Barbara Holland-Cunz
Unerledigte Utopie
Zur Renaissance der 1970er Jahre – kulturindustriell und utopisch
 
Gabriele Dietze
Der okzidentalistische Geschlechterpakt
Emanzipation als uneingelöstes Versprechen
 
Martin Saar
Bildpolitik: >Vorwärts<
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Fortschrittskontrollen und Post-Development<
 
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Hallo Karthago/Hallo Rom: >Reck Deine Glieder<



SCHÖNHEITEN

 
Tim Caspar Boehme
Zurück
Pioniere der De-Evolution: Devo
 
Johannes Kleinbeck
Der Übermaler
Das Neue auf der Stelle: Die Kunst Arnulf Rainers
 
Frieder Vogelmann
Moderne Zeiten
Das Formlose in Permanenz: Ahmet Hamdi Tanpinars Das Uhrenstellinstitut
 
Anna Sailer
Abseits
Bewegung im Stillstand: Junges mexikanisches und deutsches Kino
 
Julia Roth
Kumbia, Nena!
Punk Tropical: Kumbia Queers als genderpolitische Avantgarde
 
Franziska Schottmann
Irrwitz
Vom Absurden lernen: William Kentridge im Jeu de Paume
 
Martin Saar
Gemeinsames Glück
Unverschämt optimistisch: Hardt und Negri über das Gemeinsame
 
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Horror als Modernitätsverweigerung: M. Night Shyamalans The Village
 
Thomas Schramme
Sprungzone
Zeitverschiebung: Billy Braggs Waiting For The Great Leap Forwards
 
Luisa Banki
Der Fortschreiter
Unterbrochene Geschichte: Walter Benjamins Denkbild In der Sonne


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