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polar #9: Fortschritt



EDITORIAL

 
Peter Siller, Bertram Keller
Editorial



AUFKLÄRUNG

 

Steven Lukes

Das Ende des Fortschritts?

Vom Sinn der Fortschrittsidee


»Fortschritt« bezeichnet eine spezifische Idee: säkularer als »Vorsehung«, voluntaristischer als »Evolution« und weitreichender als »Entwicklung«. Sagen wir, dass diese Idee in einem Vortrag Turgots an der Sorbonne am 11. Dezember 1750 das Licht erblickte. Turgot zufolge kommt es allmählich zu einer Verfeinerung der Umgangsformen, zur Aufklärung des Geistes und zur Annäherung unterschiedlicher Nationen, so dass sich die Gesamtheit der menschlichen Gattung »zwar langsam, aber stetig auf eine größere Vollkommenheit« zubewegt.

Turgot war einer der Mentoren Condorcets, dem letzten der philosophes. Am Ende seines 50jährigen Lebens versteckte dieser sich vor den Jakobinern und schrieb zur Selbstrechtfertigung, er sei schon lange überzeugt, dass die Menschheit unendlicher Vervollkommnung fähig sei und dieser Prozess als notwendige Folge des Standes der wissenschaftlichen und sozialen Entwicklung allein durch globale physische Hindernisse aufgehalten werden könne. Im Unterschied zu Turgot, der die Aufklärung an die Existenz individueller Genies band, setzte Condorcet auf Aufklärung der Massen durch öffentliche Erziehung. Mit ihm wurde der Fortschritt säkularisiert und demokratisiert. Sowohl für Turgot als auch für Condorcet aber war progrès stets les progrès, also Plural. Fortschritt fand ihres Erachtens in besonderem Maße in drei Bereichen statt: in den angewandten Wissenschaften bzw. der Technik, den reinen bzw. theoretischen Wissenschaften und der Moral. Dabei variierten sowohl die Geschwindigkeit des Fortschritts als auch seine Dynamik.

Condorcet zufolge kommt einer technologischen Innovation eine Schlüsselrolle für die irreversible Aufklärung der Massen zu: der Erfindung des Buchdrucks. Mit ihr war das Monopol esoterischen Wissens der Priesterklasse unwiderruflich ans Ende gelangt; sie ermöglichte die unbegrenzte Ausbreitung wissenschaftlicher Wahrheiten und garantierte ihre Überprüfung, Verfeinerung und allgemeine Zugänglichkeit. Als »Gemeinbesitz« sollten sich diese Wahrheiten nach und nach auch auf die Geisteswissenschaften und das gesamte soziale und politische Leben ausweiten.

Aber was ist moralischer Fortschritt? Für Condorcet: soziale Gerechtigkeit. Er war Egalitarist, und die Gleichheit, um die es ihm ging, war eine Gleichheit der Rechte, die man durch gewollte institutionelle und politische Veränderungen herbeiführen konnte. Die nach und nach zu verringernden Ungleichheiten waren sozial, nicht »natürlich und notwendig«: Ungleichheiten des Besitzes, des Status und der Bildung.

Es ist von großer Bedeutung, dass die philosophes diese unterschiedlichen Formen des Fortschritts als eng miteinander verwoben betrachteten. Das Wachstum der Wirtschaft, des theoretischen ebenso wie praktischen wissenschaftlichen Wissens und ein Mehr an Gerechtigkeit, Tugend und Glück – all dies hing wie von einer unzerbrechlichen Kette verbunden zusammen. Dank ihrer Vernunft sind die Menschen dazu in der Lage, in der Beherrschung, also der Erklärung, Vorhersage und Kontrolle ihrer physischen und sozialen Welt unbegrenzt voranzuschreiten. Wenn sie das tun, können sie auch in der Organisation der Kooperation im sozialen und politischen Leben unbegrenzt voranschreiten, scheinbar unlösbare Konflikte zähmen und damit die Glücksaussichten für alle Menschen auf der Welt erhöhen. Aber was ist mit all den gegenläufigen Indizien: den historischen Rückschlägen in Technologie, Wissenschaft und Moral sowie der ungeheuren Menschheitsgeschichte der Grausamkeit, der Barbarei und der Unmenschlichkeit? Natürlich waren sich die philosophes dieser Tatsachen bewusst (wie Candide fragte: »Wenn das die beste aller möglichen Welten ist, wie sehen dann wohl die andern aus?«). Die Idee des Fortschritts war für sie eine regulative Idee – ein normativer Orientierungspunkt für das Handeln und Urteilen mit Blick auf eine noch unbekannte Zukunft, in der eine intervenierende providentielle Gottheit immer weiter aus dem Blick verschwand.

Ist die Kette zerbrochen?

Die Überzeugung von der Möglichkeit einer unendlichen Verbesserung im Rahmen einer wohlgeordneten Gesellschaft war dann tatsächlich die nächsten beiden Jahrhunderte vorherrschend und wurde zu einer Art Standardannahme: Fortschritt in diesem allgemeinen und grundlegenden Sinn wurde zur Zentralmetapher der Politik, zu »ihrem Licht und ihrer Inspiration«, zur Quelle ihrer Bedeutung und zu ihrem Zweck. Natürlich gab es immer weitreichende Uneinigkeit darüber, was als Verbesserung und was als wohlgeordnete Gesellschaft gilt, aber auf einer abstrakten Ebene herrschte doch eine gewisse Einigkeit darüber, dass »Fortschritt« materielles, also ökonomisches Wachstum bedeute, dass dazu auch mehr Freiheit und größeres Wohlergehen gehörten – wobei allerdings umstritten blieb, worin diese bestehen und wie wir sie erkennen – und dass dies alles durch mehr oder weniger interventionistisches politisches Handeln erreichbar sei.

In dieser allgemeinen und grundlegenden Bedeutung erwies sich die Idee des Fortschritts als konstitutiv für die moderne Politik, als das gesamte Spektrum der normalen Politik prägende Metapher, vor allem in der räumlichen Deutung einer Bewegung vorwärts und nach oben. Der Bezug auf dieses Spektrum impliziert aber schon, dass es recht unterschiedliche Interpretationen dieser Metapher gibt, die sich wiederum mit Hilfe der räumlichen Metapher von links und rechts im politischen Raum verorten lassen. Meines Erachtens ist es nicht allzu  schematisch gedacht, dass sich hier einer der wesentlichen Unterschiede am Verhältnis zur unzerbrechlichen Kette zwischen den verschiedenen Bereichen des Fortschritts festmachen lässt. Die Rechte hat diese Kette zerbrochen. Die Linke besteht auf dem, was die Rechte verneint: dass moralischer Fortschritt und insbesondere ein größeres Maß an sozialer Gerechtigkeit durch ökonomischen und wissenschaftlichen Fortschritt möglich und sogar unausweichlich gemacht werde. Für die verschiedenen Positionen auf der Rechten gibt es keinen derartigen Zusammenhang, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Für Reaktionäre ist (wie Albert Hirschman gezeigt hat) das Streben nach sozialer Gerechtigkeit als solches zum Scheitern verurteilt, sei es, weil es kontraproduktiv oder vergeblich ist oder andere Werte unterminiert. Für Konservative heißt »soziale Gerechtigkeit« die Aufrechterhaltung bestimmter Traditionen und Hierarchien, die unabhängig von ökonomischem Wachstum und wissenschaftlichen Entwicklungen bestehen und durch diese manchmal sogar gefährdet werden. Und für marktorientierte Konservative gilt eines der folgenden beiden Argumente. Entweder sind sie wie Hayek der Ansicht, dass soziale Gerechtigkeit eine Illusion und ein Oxymoron ist: Märkte sind unpersönliche, quasi natürliche Verfahren und jeder Versuch des Eingriffs mit dem Ziel der Planung oder der Umverteilung kann nur zu Knechtschaft und Totalitarismus führen: Wir sind alle besser dran, wenn wir den Markt ungestört lassen. Oder sie vertreten wie Robert Nozick eine sehr dünne Konzeption der Gerechtigkeit, der zufolge wir allein existierende Eigentumsrechte und den höchsten Wert uneingeschränkten freien Tausches zu respektieren haben. Dann erscheint das als gerecht, wozu der Markt führt.

Eine alternative Konzeption des Fortschritts greift hingegen die Idee der philosophes auf, dass ökonomischer und wissenschaftlicher Fortschritt untrennbar mit dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit verbunden sind: die Kette zwischen ihnen ist weiterhin intakt. Diese Konzeption ist auf der politischen Linken situiert. Und das führt uns zu der Frage, was die Linke ist.

Das linke Projekt der Rektifizierung

Betrachten wir die Symbolik der »Linken« im Laufe der Geschichte. Kurz gesagt stand die Linke immer für Unterlegenheit. Die Überlegenheit der Rechten muss fast als kulturelle Universalie gelten, was sich nicht nur in der Sprache zeigt (»Recht«, »droit«, »droite«, »rectitude«, im Unterschied zu »sinister«, »linkisch«, »gauche«, »maladroit«), sondern auch in der Religionsgeschichte und der vergleichenden Ethnographie. Vor diesem Hintergrund kann die politische Tradition der Linken als großes Projekt der Weigerung und der Rektifizierung verstanden werden – der Zurückweisung symbolischer Hierarchien und der vermeintlichen Unvermeidbarkeit der von ihnen gerechtfertigten Ungleichheiten mit dem Ziel, die Welt wieder einzurenken. Zusammen mit der Idee des Fortschritts wurde dieses Projekt in aller Klarheit zum ersten Mal von den Denkern der Aufklärung formuliert, die die geheiligten Prinzipien der Gesellschaftsordnung in Frage stellten, ungerechtfertigte und behebbare Ungleichheiten des Status, der Rechte, der Macht und der Lebensumstände bekämpften und nach Wegen suchten, dies durch politisches Handeln zu erreichen. Dieses Projekt verkörperte sowohl die utopische Vision einer Gesellschaft von Gleichen als auch die Verpflichtung auf ein politisches Programm zur Abschaffung oder zumindest Verminderung der Ungleichheiten hier und jetzt.

Kurz gesagt ist die Linke eine Tradition, die sich dadurch auszeichnet, dass sie ein kritisches, egalitäres Projekt verfolgt, das jedoch einer Reihe fortlaufender und sich voneinander unterscheidender Interpretationen bedarf, die festlegen, was eine Ungleichheit zu einer ungerechtfertigten Ungleichheit macht und wie sie sich reduzieren oder abschaffen lässt. Im Laufe der Geschichte der Linken ist dieses Projekt allzu oft gerade von jenen aufgegeben oder verraten worden, die behaupteten, es zu verfolgen. Dieses (zugegebenermaßen idealisierte) Verständnis der Linken erlaubt es uns, derartige Abweichungen zu identifizieren, und gibt uns Kriterien an die Hand zu beurteilen, wie links eine bestimmte Politik oder Position wirklich ist.

Das sozialpolitische Gleichheitsideal der Linken ist im Prinzip expansiv und interventionistisch. Der Fokus der egalitären Rücksichtnahme schließt all jene ungerechtfertigten Nachteile ein, die durch strukturelle Merkmale des sozialen, politischen oder ökonomischen Systems verursacht werden, versucht aber auch jene Nachteile zu kompensieren, die dem Zufall geschuldet, angeboren oder das Ergebnis unkontrollierbarer Prozesse sind; deshalb wird danach gestrebt, diese Ursachen durch systematische wissenschaftliche Forschungen zu erkennen. Zudem ist das Projekt darauf verpflichtet, Nachteile immer dort zu verringern, zu beseitigen oder zu kompensieren, wo das durch menschliche und politisch gewollte Eingriffe möglich ist.

Angesichts der Komplexität und der wechselseitigen Abhängigkeit der dabei involvierten Phänomene folgt hieraus, dass die Linke nach Kohärenz sowohl im Verstehen der Welt als auch im Handeln in ihr streben muss. Sie bedarf demnach einer Vision, die private Sorgen mit öffentlichen Angelegenheiten verknüpft, nach allgemein anwendbaren Prinzipien sucht, die die sozialen Mechanismen erklären, und eine nicht bloß lokale Konzeption der Gerechtigkeit umfasst. Sie muss nach den systematischen und strukturellen Ursachen von Herrschaft und Ungerechtigkeit suchen. Und sie muss nach Kohärenz über die Zeit hinweg streben, das eigene Projekt als Teil einer weiteren Geschichte tatsächlichen oder zumindest möglichen Fortschritts begreifen: eine umfassende Erzählung kumulativer Erfolge und Rückschläge.

Ein weiterer zentraler Bestandteil des linken Projekts ist die Gesellschaftskritik, da es darauf verpflichtet ist, soziale Institutionen und Praktiken sowie die sie stützenden Überzeugungen dem Test von die Rechtfertigung prüfenden diskursiven Diskussionen zu unterwerfen. Aus diesem Grund handelt es sich um ein in verschiedenen Hinsichten universalistisches Projekt. Die gesellschaftskritische Ausrichtung verpflichtet es auf Gründe, die alle, nach entsprechendem Nachdenken, akzeptieren können, im Unterschied zur Förderung der Interessen der eigenen Anhänger – Gründe, die die Bürger einander öffentlich geben und die sie unabhängig von ihren partikularen Interessen und Loyalitäten anerkennen können. Zudem ist der Standpunkt der Kritik sowohl intern als auch extern, da er eine Kritik dessen, was einige von uns tun, im Namen eines weiter gefassten »Wir« beinhaltet. Dem Prinzip der Rektifizierung kommt darüber hinaus eine in zwei Hinsichten grenzüberschreitende Dynamik zu: von politischen und ökonomischen Ungleichheiten zu bildungsbezogenen und kulturellen Ungleichheiten; und von Status zu Klasse zu ethnischer Herkunft zu Gender als ihren Grundlagen. Es ist jedoch auch zumindest implizit kosmopolitisch, da es von Ungleichheiten innerhalb des Nationalstaates zu jenen auf der globalen Ebene voranschreitet. Wenn es gute Gründe für eine Rektifizierung innerhalb der Einzelstaaten gibt, warum sollten wir dann eine globale Ungleichverteilung von Ressourcen akzeptieren?

What’s left?

Dies also ist die linke Interpretation der Idee des Fortschritts, die an der aufklärerischen Vorstellung einer unzerbrechlichen Kette zwischen ökonomischem Wachstum, wissenschaftlichem Fortschritt und dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit festhält. Nun können wir fragen, wie es um die so verstandene Idee des Fortschritts heute steht. Hätten wir diese Frage vor 100 Jahren gestellt, wäre die Antwort vor allem in Europa und Nordamerika einfach gewesen, wo es politische Kräfte gab, die für Bürgerrechte und Demokratie standen, und eine erstarkende Bewegung für öffentliches Eigentum und die Kontrolle der Ökonomie, für das allgemeine Recht auf Arbeit und soziale Rechte. Letztere wurde von der Russischen Revolution entzwei geschlagen, die zum Großexperiment des Kommandosozialismus führte, dessen letztliches Scheitern der Welt selbst noch eine missglückte Alternative zum Kapitalismus genommen hat. Es scheint, als sei damit der Sozialismus selbst gescheitert. Wir verfügen zwar noch über das Wort, wissen aber überhaupt nicht mehr, was es bezeichnen soll.

Überlebt hat die europäische Sozialdemokratie, die ihr Goldenes Zeitalter zwischen 1945 und den 1970ern erlebte, ihre größten Erfolge in Skandinavien feierte, seither aber ins Straucheln geriet und verblasste. Was überlebt heute von diesem Ethos? Wenn die Sozialdemokratie einst die letzte Trägerin der Idee des Fortschritts war, wie steht es dann heute um sie? Eine Antwort hierauf hat kürzlich Claus Offe gegeben, dem zufolge wir angesichts des Zustands unserer Welt zu einem radikal veränderten Verständnis von Fortschritt gelangen müssen. Da moderne Gesellschaften seines Erachtens regressionsanfällig und selbstverschuldeten Katastrophen ausgeliefert sind, kommt er zu dem Schluss, dass sie nichts weniger benötigten als Fortschritt im herkömmlichen Sinn von ökonomischem Wachstum, Vollbeschäftigung, Konsum und Privatisierung. Vielmehr müsse es darum gehen, ein postproduktivistisches und nachhaltiges Regime zu etablieren. Den drei zusammenhängenden systemischen Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen – Energie, Sicherheit und Klimawandel –, lässt sich nicht mit ökonomischem Wachstum begegnen. Statt voranzuschreiten sollten wir Stoppschilder aufstellen, die uns individuell und als Gesellschaft vor einem Rückfall bewahren. Es geht darum, wie wir das Erreichte verteidigen und die »dunklen Seiten des Fortschritts« vermeiden oder ihnen vorbeugen. Mit der Idee der Verteidigung gegen die Kosten des Fortschritts wird dessen Idee selbst präventiv und defensiv. Aber sind die Aussichten tatsächlich so düster? Gibt es nicht vielleicht doch Gründe, das sozialdemokratische Projekt in weniger reaktiver Weise zu formulieren?

Die eine große Leistung des Neoliberalismus der letzten drei Dekaden war die weitgehende Durchsetzung der Idee, dass der Fortschritt an sein Ende gekommen ist. Die Ära Thatchers, Reagans und Mitterands hat zu einer bemerkenswerten Revolution mit dem Ergebnis sinkender Erwartungen geführt. Die neoliberale Antwort auf Lenins Frage »Was tun?« – auf die sozialdemokratische Parteien ihr Denken und ihre Politik ausgerichtet haben – bestand im Glauben an eine utopische Ökonomie und im Zerbrechen der von Condorcet als unzerbrechlich erachteten Kette: Überlassen wir das ökonomische Wachstum den Märkten und der Privatisierung, die wiederum Wissenschaft und Technologie vorantreiben werden, aber vergessen wir das Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Dieses Projekt scheint heute gescheitert. Offes Antwort auf dieses Scheitern ist eine doppelte: Entkoppeln wir Fortschritt von ökonomischem Wachstum und revidieren wir unsere Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit in Richtung einer präventiven Idee des Schutzes der Schwachen.

Diese Haltung ist jedoch zu defensiv. Sicher müssen die verschiedenartigen Kosten ökonomischen Wachstums kritisch betrachtet und öffentlich diskutiert werden. Als solches ist Wachstum kein sinnvoller Maßstab für gesellschaftliches Wohlergehen. Wir können jedoch auch die Notwendigkeit nicht ignorieren, für die stetig steigenden Kosten des Wohlfahrtsstaates aufzukommen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass der globale Kapitalismus die natürliche Umwelt der Sozialdemokratie bildet, so dass wir das Prinzip der Kapitalakkumulation nicht einfach per Dekret abschaffen können.

Gute Nachrichten?

Die Linke steht sowohl für die utopische Vision einer Gesellschaft der Gleichen als auch für die pragmatische Verpflichtung auf die Abschaffung oder Verringerung der Ungleichheit hier und jetzt. Ohne Erstere blieben uns nur Fragmente, eine Reihe politischer Einzelmaßnahmen und unkoordinierter sozialer Bewegungen. Lässt sich der sozialdemokratische Konsens erneuern und lassen sich die Fragmente vereinigen? Eine Antwort auf diese Frage kann es nur im Rahmen demokratischer Partizipation und Deliberation geben. Der entsprechende Fortschritt kann allein im Rahmen von Verfassungsstrukturen stattfinden, wie sie Condorcet vor Augen standen, die Deliberation, kritische Reflexion, Verantwortlichkeit und Reversibilität sowie den Schutz von Minderheiten maximieren. Und nur wenn sie wirklich inklusiv sind, werden sie zu einer kohärenten und öffentlich akzeptierten Konzeption der sozialen Gerechtigkeit führen.

Stellen wir die Frage aus der europäischen Perspektive vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise, legt sie eine pessimistische Antwort nahe. Gibt es überhaupt Grund für Optimismus? Bezüglich der Zukunft der Sozialdemokratie europäischen Typs können wir in verschiedenen Hinsichten pessimistisch und optimistisch sein. Zunächst sollten wir vielleicht nicht davon ausgehen, dass diese Zukunft in Europa liegt oder europäisch sein wird. Vielleicht liegt die Zukunft sozialdemokratischen Fortschritts in jenen Demokratien, deren Wirtschaften noch immer wachsen, wie Indien. Das wären schlechte Nachrichten für Europa, aber gute für Indien. Zweitens scheinen wir Zeugen eines Wandels der Beziehungen zwischen Staaten und Märkten zu sein. Wo Märkte und private Unternehmen versagen, und zwar mit katastrophalen Folgen von der Hypothekenkrise bis zur Ölpest im Golf von Mexiko, springen Staaten ein, organisieren bail outs und beginnen, über Regulierungen nachzudenken (und sie sogar international zu organisieren). Dies lässt sich optimistisch als neue Stufe der Selbstheilung des Kapitalismus beschreiben oder pessimistisch als Notlösung, die finanzielle und Unternehmensinteressen letztlich unangetastet lässt. Drittens können wir eine wachsende Unzufriedenheit von unten konstatieren, die manchmal populistisch oder gar xenophob ist. Können wir diese Entwicklungen als ermutigend verstehen, als mögliche Basis visionären politischen Handelns und einer positiven Zukunft für die Sozialdemokratie? Wie also sind die Aussichten für den sozialdemokratischen Fortschritt zu bewerten? Auf diese Frage kann ich nur mit Tschou En-Lai antworten, der, nach seiner Einschätzung der Französischen Revolution befragt, entgegnete, dass es dafür noch zu früh sei. 

Aus dem Englischen von Robin Celikates




 
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