Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #10: Endlich



EDITORIAL

 
Peter Siller, Bertram Keller
Editorial



UNBEGREIFLICH

 
Héctor Wittwer
Ist der Tod unbegreifbar?
Versuch einer philosophischen Aufklärung
 
Anja Kauppert
Der gegenwärtige Tod
Drei Weisen, sich auf den Tod zu beziehen
 
Petra Gehring
Sterbepolitiken
Neuroforschung und Hirntod
 
Irmhild Saake
Die Kultur des Sterbens
Praktiken der Symmetrisierung
 
Francisco J. Varela †
Intime Distanzen
Fragmente einer Phänomenologie der Organtransplantation
 
»Der Tod ist die Kunst des Verschwindens«
Interview Jean Baudrillard
 
Peter Siller
Der letzte Film
Gibt es ein Leben vor dem Tod? Herk Harveys Carnival of Souls
 
Henriette Gunkel
»… after a short illness«
Tod und Endlichkeit in Südafrika



UNENDLICH

 
Carlos Becker/Benjamin Pfeifer
Niemand stirbt!
Tod und Untergang im politischen Protest
 
Einar Schleef
SCHWARZ ROT GOLD
 
Katrin Göring-Eckardt
Die Letztzeit gestalten
Für eine neue Kultur des Sterbens
 
 

Sebastian Knell

Wer bleiben kann

Lebensverlängerung und Gerechtigkeit


Mehr und mehr Wissenschaftler melden sich zu Wort, die behaupten, die menschliche Lebensspanne lasse sich mit biotechnischen Mitteln ausdehnen. Ein genaues Verständnis der Ursachen des Alterungsprozesses werde uns eines Tages in die Lage versetzen, in diesen Prozess einzugreifen und ihn abzubremsen, vielleicht in ferner Zukunft sogar ganz zu stoppen. Die Rede ist von gentherapeutischen Interventionen, von der Züchtung künstlicher Ersatzorgane sowie von Nanorobotern zur Reparatur beschädigter Zellen. Menschen, deren biologisches Altern auf diese Weise verlangsamt würde, könnten, so die Hoffnung, sehr viel länger jung und vital bleiben.

Derartige Szenarien sind bisher weitgehend spekulativ. Dennoch werfen sie grundlegende ethische Fragen auf. Wäre ein längeres Leben tatsächlich ein besseres Leben? Und was würde dies für die Gesellschaft im Ganzen bedeuten? Vor allem ein Problem zeichnet sich ab, das eine vorauseilende kritische Reflexion gebietet: Das Problem der sozialen Gerechtigkeit. Zukünftige High-Tech Anti Aging Therapien dürften, zumindest in einer ersten Phase ihrer Entwicklung, viel Geld kosten. Daher besteht die Gefahr, dass sich nur Gutsituierte solche Therapien leisten können. Zukünftigen Gesellschaften droht somit die Aufspaltung in zwei Klassen. Reiche Personen, die sehr viel länger leben, könnten einer kurzlebigen ärmeren Schicht gegenüberstehen. Spontan würden wohl die meisten Menschen eine solche Situation als höchst ungerecht betrachten. Genauer zu klären bleibt dabei jedoch, worin genau diese Ungerechtigkeit besteht und wie gravierend sie ist.

Ideal der Gleichheit

Diese Aufgabe ist durchaus schwieriger als es zunächst den Anschein hat. Denn die hierbei relevante Idee der Gerechtigkeit lässt unterschiedliche Auslegungen zu. Bei der ersten möglichen Auslegung handelt es sich um ein egalitaristisches Verständnis. Es sieht das Hauptziel sozialer Gerechtigkeit darin, innerhalb einer Gesellschaft eine größtmögliche Gleichverteilung von Gütern und Lasten herbeizuführen – sofern bestehende Differenzen nicht von den Schlechtergestellten selbst verschuldet oder zum Vorteil Aller sind. Angewendet auf die Lebensqualität von Individuen bedeutet dies, dass eine möglichst weitgehende Gleichheit der Lebensverhältnisse zu gewährleisten ist, oder aber wenigstens die gleichen effektiven Chancen garantiert werden müssen, einen bestimmten Lebensstandard zu erreichen.

Was folgt nun aus diesem Verständnis sozialer Gerechtigkeit für die Beurteilung des Szenarios ungleicher Lebensspannen? Zunächst dies: Damit daraus ein Gerechtigkeitsproblem erwachsen kann, muss die Verteilung von Lebenszeit in einer systematischen Beziehung zur Verteilung von Lebensqualität oder von Wohlfahrtschancen stehen. Damit jedoch ist man auf die erste der eingangs genannten Fragen zurückverwiesen, ob ein längeres Leben auch ein besseres Leben wäre.

Die Antwort hierauf birgt ihrerseits Schwierigkeiten. Denn erstens hängt die individuelle Qualität eines Lebens von variablen Rahmenbedingungen ab. Und zweitens handelt es sich bei menschlichem Wohlergehen um ein komplexes Phänomen, das unterschiedliche Dimensionen aufweist. Es sei jedoch hypothetisch angenommen, dass im Laufe des verlängerten Lebens ein vergleichbarer basaler Wohlstand und individueller Freiheitsspielraum garantiert wäre, wie er heute in den westlichen Industrienationen gewährleistet ist. Unter dieser Prämisse lässt sich immerhin ein vorläufiges Urteil fällen. Es lautet, dass der Zugewinn an Lebenszeit dem Einzelnen gute Chancen böte, die Gesamtqualität seines Lebens zu steigern. Denn im Zuge zusätzlicher gesunder Lebensjahre ließen sich zusätzliche wertvolle Lebensinhalte erfahren. Man könnte etwa mehr interessante Reisen unternehmen, mehr Zeit mit sympathischen Menschen verbringen – sich schlicht an einer insgesamt größeren Zahl schöner Dinge erfreuen. Tritt die Bereitschaft hinzu, die eigenen Fähigkeiten und Interessen beständig weiterzuentwickeln, lässt sich zudem eine größere qualitative Bandbreite an Erfahrungen und Aktivitäten realisieren und dadurch ein im Ganzen erfüllteres menschliches Leben leben. Jemand könnte etwa nach einer Ingenieurstätigkeit noch künstlerische Fertigkeiten erwerben und anschließend noch eine politische Karriere starten oder als Journalist arbeiten. Darüber hinaus erhielte der Einzelne die Möglichkeit, einen insgesamt längeren Abschnitt des Lebens im Lichte bereits gereifter Lebensweisheit zu gestalten. Zweifellos wäre auch dies ein Faktor, der zum besseren Gelingen des Lebens beitrüge.

Ob die jeweilige Person die Chancen nutzen würde, hinge natürlich von ihrer eigenverantwortlichen Lebensgestaltung ab. Aus Sicht der zuvor beschriebenen Gerechtigkeitsvorstellung ist jedoch entscheidend, dass mit stark divergierenden Lebenserwartungen signifikante Unterschiede in den Chancen einhergingen, dem eigenen Leben Qualität zu verleihen. Sofern die Herstellung und Wahrung gleicher Wohlfahrtschancen ein zentrales Ziel sozialer Gerechtigkeit ist, erscheint eine massive Ungleichverteilung von Lebenszeit daher inakzeptabel.

Luxus und Mindestmaß
Andererseits gilt es zu bedenken, dass das Ideal der Gleichheit in der politischen Philosophie der zurückliegenden Jahrzehnte unter Beschuss geraten ist. Diese Norm, so ein gängiger Vorwurf, führe sich selbst ad absurdum, wenn man den Blick auf den Vergleich zwischen Gutbetuchten und Superreichen richte. In diesem Fall sei es offenkundig unsinnig, eine Angleichung der Lebensverhältnisse zu fordern, da alle Beteiligten bereits mehr als genug besäßen, um ein gutes und menschenwürdiges Leben zu führen. Das eigentliche Ziel sozialer Gerechtigkeit bestehe daher nicht in der Egalisierung von Wohlfahrtschancen, sondern darin, allen Menschen ein ausreichend gutes, menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Oberhalb dieser Schwelle einer menschenwürdigen Existenz seien dann jedoch Ungleichheiten des Lebensstandards zulässig, die sich aufgrund von Verdienst oder Glück ergeben können.

Teilt man dieses alternative Gerechtigkeitsverständnis, erscheint die eben skizzierte Kritik an ungleichen Lebensspannen nicht länger zwingend. Zusätzliche Lebenszeit, die einer Verlangsamung des Alterns entspringt, lässt sich dann nämlich auch einfach als ein Luxusgut betrachten, auf das nicht jeder aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit Anspruch erheben kann. Dass einige Menschen in den Genuss zusätzlicher Lebensjahre kommen, wäre nach dieser Sichtweise ebenso wenig ein grundlegendes Gerechtigkeitsproblem wie die Tatsache, dass sich in einer Gesellschaft, in der die Grundbedürfnisse aller Menschen befriedigt sind, einige Bürger zusätzliche Luxusurlaube leisten können.

Interessant wird der Kontrast der alternativen Gerechtigkeitskonzepte im vorliegenden Fall jedoch nicht zuletzt dadurch, dass Verteidiger der Gleichstellungsidee den Spieß auch umdrehen können. Denn, so lautet eine berechtigte Frage, belegt nicht die gefühlte Ungerechtigkeit des Szenarios ungleicher Lebensspannen, dass eine wirklich signifikante Ungleichverteilung von Wohlfahrtschancen eben doch zu verurteilen ist? Vielleicht beruht die Erkenntnis, dass die soziale Ungleichheit zwischen Millionären und Milliardären kein ernstliches Gerechtigkeitsproblem darstellt, in Wahrheit auf der Einsicht, dass ab einem bestimmten bereits erreichten Einkommenslevel zusätzliches Geld die Chancen, das tatsächliche Wohlergehen weiter zu steigern, nicht mehr wesentlich erhöht. Dass es sich bei zusätzlicher Lebenszeit anders verhält, wurde bereits dargelegt. Ein Unterschied zwischen zusätzlichem Vermögen und zusätzlicher Lebenszeit scheint darin zu bestehen, dass letztere nicht in gleicher Weise dem Prinzip des abnehmenden Grenznutzens unterliegt. Deshalb mag die Ungleichverteilung verfügbarer Lebenszeit eben doch ein signifikantes Gerechtigkeitsproblem aufwerfen.

Ich will diesem Problem hier nicht weiter auf den Grund gehen. Es zeigt jedoch, dass das drohende Zukunftsszenario eines ungleichen Zugangs zu Anti-Aging-Therapien die politische Debatte vor neuartige Herausforderungen stellt. Es gilt, das Ideal der Gleichheit in einem bisher nicht da gewesenen Anwendungskontext aufs Neue zu durchdenken – in einem Kontext, in dem es nicht länger um die Distribution materieller Güter, sondern um die Verteilung von Lebenszeit geht.

Ebenso gilt es zu prüfen, ob das Auseinanderklaffen individueller Lebensspannen auch aus Sicht einer Schwellenkonzeption sozialer Gerechtigkeit ein Problem aufwirft. Könnte die Ungleichheit von Lebensspannen nicht die Gefahr bergen, dass auf Seiten jener Individuen, die innerhalb einer Gesellschaft zu den Kurzlebigen zählen, die Grundbedingungen eines guten und menschenwürdigen Lebens verletzt werden?

Das vollständige Leben
Ein möglicher Ansatzpunkt für eine solche Schlussfolgerung ist Martha Nussbaums These, dass zu den Grundbedingungen eines guten Lebens die Fähigkeit zählt, ein vollständiges menschliches Leben zu führen und nicht vorzeitig zu sterben. Diese Idee eines vollständigen Lebens verweist auf ein soziokulturell etabliertes biographisches Muster: Auf einen allgemein anerkannten Standard für die Dauer, die Verlaufsform und die möglichen Inhalte eines »normalen« menschlichen Lebens. Blieben wir sehr viel länger am Leben als heute, würde sich dieser Standard verändern. Die soziale Rolle nicht nur der Großelternschaft, sondern auch der Ur-, Urur, und Urururgroßelternschaft zählte zu den normalen Lebensstadien, zweite, dritte und vierte Berufskarrieren und Bildungswege sowie die Rente ab 150 würden institutionell etabliert. In dieser veränderten Situation bliebe ein Leben, das nur 80 Jahre währt, unvollständig. Hierzu käme es bereits dann, wenn eine Majorität von Langlebigen einer Minderheit von Kurzlebigen gegenüberstünde. Denn die biographischen Normen für ein komplettes Leben würden von der Majorität nach oben verschoben. Diejenigen, deren Lebensspanne kürzer ausfiele, hätten ein unvollständiges Leben. Damit aber wäre eine Grundbedingung ihres guten Lebens verletzt.

Eine weitere Grundvoraussetzung eines guten Lebens gerät durch ungleiche Lebensspannen sogar dann in Gefahr, wenn die Langlebigen keine Mehrheit bilden: Der Genuss uneingeschränkter sozialer Anerkennung. Ein Anerkennungsverlust droht dann, wenn die Gesellschaft in zwei Klassen zerfällt, von denen nur eine Zugang zu lebensverlängernden Therapien besitzt. Denn diese soziale Klasse wird dazu neigen, sich selbst als robustere und damit überlegene Sorte Mensch zu begreifen und auf die Kurzlebigen als auf Individuen herabzusehen, die aufgrund ihres rascher voranschreitenden physischen Verfalls einen minderwertigen Menschenschlag bilden.

Eines lässt sich also festhalten: Das Szenario ungleicher Lebensspannen wirft in jedem Fall ein Gerechtigkeitsproblem auf, ob man nun von einem Gleichstellungsideal sozialer Gerechtigkeit oder von einer Schwellenkonzeption ausgeht. Für den allgemeinen Zugang zu Anti-Aging-Therapien wäre daher auf jeden Fall Sorge zu tragen – sei es über die Aufnahme dieser Therapien in die medizinische Grundversorgung oder über andere sozialstaatliche Beihilfen. Wer die Perspektive begrüßt, die gesunde Lebensspanne des Menschen auszudehnen, muss folglich bereit sein, über Umverteilungen zu diskutieren, die an Umfang alles übertreffen könnten, was im heutigen Ringen um sozialstaatlichen Ausgleich zur Disposition steht.


 
Corina Salis Gross
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