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polar #10: Endlich



EDITORIAL

 
Peter Siller, Bertram Keller
Editorial



UNBEGREIFLICH

 
Héctor Wittwer
Ist der Tod unbegreifbar?
Versuch einer philosophischen Aufklärung
 
 

Anja Kauppert

Der gegenwärtige Tod

Drei Weisen, sich auf den Tod zu beziehen


Wendet man sich in zeitdiagnostischer Hinsicht dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod zu, wird man vor allem von seiner zunehmenden öffentlichen Präsenz sprechen. Von »neuer Sichtbarkeit« (Assheuer) ist die Rede, von »Tabubruch« (Gronemeyer) oder ironisch von »Geschwätzigkeit« (Nassehi). Wer etwas genauer hinschaut, wird die Ambivalenz der Todespräsenz thematisieren, da das Lebensende zwar viel diskutiert wird, weniger sichtbar dagegen beispielsweise reale tote Körper sind (Knoblauch).

Von einem gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod zu sprechen, erweist sich schnell als zu undifferenzierte Beschreibung, die schon an analytischer Schärfe gewinnt, wenn man die öffentliche Beschäftigung mit dem Sterben unterscheidet von einer Auseinandersetzung mit dem Tod. Weiter lassen sich drei fundamentale Modi einer »sozialen Todesbezüglichkeit« unterscheiden, vor deren Hintergrund sich die Rede vom gegenwärtigen Tod als zumindest doppeldeutig erweist: als Zeitdiagnose und Lebensmöglichkeit zugleich.

Im ersten Modus erscheint ›der Tod‹ als das Ende eines Lebens und wird als eine Möglichkeit der Zukunft antizipiert. Er wird an das äußerste Ende des Erlebbaren verschoben, in eine nicht genau einseh-, aber dennoch sichtbare zeitliche Ferne. Als der geschlossene Horizont personaler Eigenzeiten, hinter dem es nicht mehr weitergeht, lässt er die Imaginationskraft irgendwann an einer (Zeit-)Mauer ankommen. Wenn innerhalb sozialer Beziehungen in diesem Modus ›der Tod‹ antizipiert wird, dann vornehmlich als Sterbeprozess, der irgendwann einsetzen wird und um dessen Verlauf man sich sorgen kann. Die ›Mauer‹ wird dadurch gleichsam verdeckt, man arbeitet sich an zeitlich davor liegenden Problemen ab: fragt sich wechselseitig nach seiner Gesundheit, verfasst Patientenverfügungen, diskutiert über Wachkomafälle oder über Selbstbestimmung am Lebensende etc.

Die Funktion dieser Form der Antizipation der Endlichkeit des Lebens scheint eine Stabilisierung des Lebensvollzuges zu sein, der sich um den Tod gar nicht und um das Sterben nur vorausschauend kümmern muss. Man lebt, man macht Erfahrungen, man hat Erwartungen - es gibt nur die mit der Geburt beginnende und mit dem Tod endende Lebenszeit, in der alles geschieht. Die Lebenszeit zu erleben erscheint in diesem Modus als Selbstzweck, und ohne das Antizipationsvermögen der eigenen Endlichkeit wäre schon die bloße Aufrechterhaltung des Lebensvollzuges höchst gefährdet, muss man doch um die Verletzlichkeit des Körpers, um das Sterben-Können, wissen, um es durch adäquate Sorge um sich und andere hinausschieben zu können (beispielsweise durch Vermeidung gefährlicher Situationen, durch Bemühungen um die Bewahrung körperlicher Gesundheit, durch Inanspruchnahme medizinischer Eingriffe bei pathologischen Entwicklungen). Man lebt sein Leben, vermeidet es, solange dies irgendwie möglich ist, zu sterben, und fragt nicht danach, warum man eigentlich lebt. Da der Tod in diesem Modus die äußerste Grenze des Erlebbaren darstellt, trifft das Epikureische Diktum zu, er ginge uns gar nichts an: Wo wir sind, ist er nicht, und wo er ist, sind wir nicht (mehr). Soziale Beziehungen sind in diesem Modus idealtypisch durch ihre ›Immanenz‹ gekennzeichnet, der Zeitinnenraum des Lebens wird nicht verlassen, weshalb auch das Lebensende nur gleichsam ›von innen‹ in den Blick gerät, als bedrohliche Phase des endgültigen Verrinnens der Lebenszeit.

Mein Leben ohne mich

Im zweiten Modus erscheint ›der Tod‹ sowohl als die Grenze des Lebens, die die Lebenden von den Toten trennt, als auch als die Phase danach, die (Un-)Zeit des ›Tot-seins‹. Wer sich in diesem Modus auf den Tod bezieht, antizipiert nicht nur das zeitlich begrenzte Leben, sondern schwingt sich darüber hinaus und sieht es als Beendetes – blickt also gleichsam von jenseits der metaphorisch eingeführten Mauer zurück in die Zeit personalen Erlebens. Der Tod wird nun nicht mehr als mögliche Zukunft, sondern als Wirklichkeit der Vergangenheit antizipiert. Man kann einen imaginären Beobachterstandpunkt im Jenseits beziehungsweise in der ›Zukunft‹ der noch Lebenden einnehmen und deren Werdegang verfolgen, was in Bezug auf das eigene Leben dann paradoxerweise bedeutet, mir ›mein Leben ohne mich‹ vorzustellen. Der Tod ist dann nicht nur Lebens- und Erlebensende, sondern zugleich ein ›Nirgendwo‹ (Nagel), von dem her man auf die Welt blickt in der Zeitform Futur II: Wir werden gelebt haben.

Die Funktion dieses Todesbezuges für soziale Beziehungen scheint eine Transzendierung des Lebensvollzuges zu sein, der zeitlich eingeklammert wird und so als Lebensvollzug in den Blick gerät, gleichsam ›von außen‹. Die Sorge um die permanente Aufrechterhaltung des Lebens tritt in diesem Modus in den Hintergrund, stattdessen lassen sich nun Fragen stellen nach dem Sinn geteilten Lebens, danach, warum man überhaupt in einer sozialen Beziehung steht und ob man diese aufrechterhalten will – angesichts der begrenzten Zeit, die jedem gegeben ist. Die Lebenszeit zu erleben ist in diesem Modus kein unhinterfragter Selbstzweck mehr, sondern man sucht plötzlich nach Gründen, warum man so und nicht anders lebt. Für soziale Beziehungen eröffnet diese Form der Beobachtung zweiter Ordnung, der Modus der imaginären Versetzung bestimmter Personen ins Nichts des Todes, den Blick auf die Kontingenz der Beziehungen einerseits, auf ihre Grundlagen andererseits.

Auch in diesem zweiten Modus steht der Tod für die andere Seite des Lebens, nicht mehr ›von innen‹ als das mögliche Ende antizipiert, sondern ›von außen‹ als das ›Schon-gestorben- sein‹ imaginiert, aber dennoch grundsätzlich unterschieden von der Lebenszeit. Lebenszeit und ›Todeszeit‹ überschneiden sich nicht, Sterben bildet den Übergang von einer zur anderen und findet im Leben statt. Insofern erscheint die über den soeben skizzierten Todesbezug vollzogene Transzendierung des Lebensvollzuges als höchstens punktuelle Möglichkeit, die ihn zwischenzeitlich ganz grundsätzlich zu irritieren vermag, auch stabilisierend wirken kann durch etwaige Sinngebungen, aber niemand kann ein ›transzendentes Leben‹ leben. Essen, lieben usw. finden ›lebensimmanent‹ statt.

Die verschwiegene Endlichkeit

Im dritten Modus verschiebt sich die Grenze zwischen Leben und Tod, sie wandert gleichsam ins Leben hinein und durchdringt jeden Augenblick. Wer sich in diesem Modus auf den Tod bezieht, blickt weder voraus in eine unbestimmte Ferne noch zurück auf die Vergangenheit des eigenen Lebens, sondern befindet sich in der Gegenwart des Todes. Nicht das Sterben, nicht der Tod, sondern die Endlichkeit rückt nun in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Man stirbt gleichsam nicht mehr erst am Ende des Lebens, sondern in jedem Moment. Die Funktion dieser Form der Todesbezogenheit scheint eine Vergegenwärtigung des Lebensvollzuges zu sein, der in diesem Modus weder blindlings gelebt noch ›von außen‹ hinterfragt wird, sondern beides zugleich ist: von Augenblick zu Augenblick aktualisiertes Leben, das sich selbst als Leben weiß. Soziale Beziehungen in diesem Modus sind sich transluzent als innerzeitliche Unwahrscheinlichkeiten im Angesicht der Endlichkeit. Es handelt sich nicht mehr um plötzliche Einbrüche von Transzendenz in den Lebensalltag, der so erst seine Weihe erhält, fortgeführt oder verworfen werden kann, sondern um die Vermittlung von Todesferne und Lebensnähe, Todesnähe und Lebensferne. Soziale Beziehungen werden also weder einfach erlebt (in ihrer Entstehung und ihrem Vergehen), noch hin und wieder grundsätzlich auf ihre Sinnhaftigkeit angesichts begrenzter Lebenszeiten befragt, sondern zugleich als einzig gegebene Gegenwart und als höchst unwahrscheinliche Wirklichkeit, deren Verunmöglichung jedem Augenblick innewohnt, erlebt.

Wenn vor diesem angedeuteten systematischen Hintergrund zeitdiagnostisch festgestellt wird, man rede nur noch vom Sterben und immer weniger vom Tod, könnte man jetzt hinzufügen: Noch weniger ist von der Endlichkeit selbst die Rede. Weder die Transluzenz sozialer Beziehungen noch ihre Transzendierung stehen gegenwärtig besonders hoch im Kurs. Stattdessen überwiegt die Sorge um das (Über-)Leben. Hospizbewegung und Palliativmedizin stehen allerdings für einen Gegentrend, der sich momentan jedoch nur auf das Lebensende erstreckt. Wenigstens für die letzten Monate, Wochen, Tage oder Stunden, im diagnostizierten Angesicht des Todes (also bei infauster Prognose) wird es derzeit – professionell oder ehrenamtlich betreut – nahegelegt, (des Todes) gegenwärtig zu leben.


 
Petra Gehring
Sterbepolitiken
Neuroforschung und Hirntod
 
Irmhild Saake
Die Kultur des Sterbens
Praktiken der Symmetrisierung
 
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Fragmente einer Phänomenologie der Organtransplantation
 
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Das Memento Mori der Gegenwart als Wiederkehr des Unheimlichen
 
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