Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #10: Endlich



EDITORIAL

 
Peter Siller, Bertram Keller
Editorial



UNBEGREIFLICH

 
Héctor Wittwer
Ist der Tod unbegreifbar?
Versuch einer philosophischen Aufklärung
 
Anja Kauppert
Der gegenwärtige Tod
Drei Weisen, sich auf den Tod zu beziehen
 
Petra Gehring
Sterbepolitiken
Neuroforschung und Hirntod
 
Irmhild Saake
Die Kultur des Sterbens
Praktiken der Symmetrisierung
 
Francisco J. Varela †
Intime Distanzen
Fragmente einer Phänomenologie der Organtransplantation
 
»Der Tod ist die Kunst des Verschwindens«
Interview Jean Baudrillard
 
Peter Siller
Der letzte Film
Gibt es ein Leben vor dem Tod? Herk Harveys Carnival of Souls
 
Henriette Gunkel
»… after a short illness«
Tod und Endlichkeit in Südafrika



UNENDLICH

 
Carlos Becker/Benjamin Pfeifer
Niemand stirbt!
Tod und Untergang im politischen Protest
 
 

Einar Schleef

SCHWARZ ROT GOLD


7. Oktober. Geburtstag der Republik. Sie springt aus dem Fenster. Ein Meer von Blumen. Tausende jubeln. Erst 2 Stunden später trifft der Rettungswagen ein, er ist durch die Demonstration aufgehalten worden.

Hätte wenn warum.

Die Porträts schwimmen. Die Porträtierten grüßen ihr jugendliches Gesicht, was ihnen aus dem Strom entgegenschwappt, der sich zwischen den Häuserfronten durchwälzt. Ein anrückendes Hochwasser, dessen Existenz nicht verheimlicht wird.

Auf dem OP-Tisch wird sie obduziert. Nach der Beerdigung darf GELB, der Ehemann des Suizid, den Suizid nicht mehr sehen. Sie war immer gefährdet. Sie war immer nah dran. Sie paßte nicht hierher. WEISS und GELB mischt man nicht. Neapelgelb ist die Sonne von Capri, nie über Berlin. WEISSGELB, das Kind wird seine Mutter vergessen. Das gelbe Schlitzauge heult, das weiße Auge ist geschlossen. Eine riesige Naht um Hals und Kopf, als habe man sie erhängt, singt es unter dem Wasser. Die Abbilder der Tribünengrößen schwimmen vorbei, die Porträtierten grüßen ihr Abbild, das in Marschkolonnen wegschnappt, bis es wieder erscheint, ein neues Spalier winkt, eine neue Fahnenabteilung, ein neuer Marschschritt, eine neue Kampfbrigade, die alle nur eins wollen: Untergehen. Das Tribünenheer wirft seinen Ring wie ein antiker König in den Grund. Da stürzt das Staatsvieh, das 99 Prozent Stimmvieh DDR den Grund herab. Da springt die Frau. Da kommt Glück zurück, der Springer, der Schwimmer, der Taucher, das Staatsvolk spuckt den Ring aus. Polykrates im hellen Anzug hebt die Hand er nimmt den Ring, den Ring seiner Vermählung mit dem Strom, der sein Spiegelbild tausendfach trägt, zurück. Während unten, die Fallende, schweigt. Das Stimmvieh schreit tausendfach. Hurra. Lang lebe die DDR.

Müde von ihren Abbildern wenden sich die Führer zurück, sich gegenseitig ihres Altgewordenseins vergewissernd, ihrer Einsamkeit, die in Tapeten, Sesseln, Schonbezügen hockt, als lebten die unbelebten Dinge, als wüßten sie, daß Ende bevorsteht. Dies irae dies illa solvet saeculum in favilla, dröhnte es unterirdisch. Als wollten diese Gottheiten ihre Tribüne zurück. Als wäre der Machtkampf innerhalb der Tribüne nur eine vorübergehende Etappe, als bereite sich ein viel größerer vor. Überaltert, überjahrt, Blähungen und Dreck. Das Fleisch in den Anzügen stinkt. Der antifaschistische Schutzwall hält. 1000 Jahre hält DDR-Zement. 1000 Jahre feiert das Neue Reich, als Alte feierte keine 50 Millionen Leichen hatten sein Fundament gelegt.

Während sie sich im Plattenbau zurechtmacht, in der Neubausiedlung, ihre Balkonpflanzen gießt, betreten die Größeren des Neuen Reichs ihre Tribünen, sammeln sich ihre Abbilder in den Kolonnen. Wenn sie sich kämmt, nochmal ins Bad geht, das Glas abstellt, haben sich die Spaliere gebildet. Während sich die Parteiaktivistin parfümiert, hat sie mit allem abgeschlossen. 2 Frauen blicken in den Spiegel, ihre Namen: der Ausschuß und die Qualitätskontrolle. Als der Ausschuß das Fenster öffnet, hat die Qualität den volkseigenen Wagen verlassen, ihre selbstgebügelte mitgebrachte Fahne entrollt. Hocherhoben der eigene Parteilwimpel, der Ausschuß ist jetzt bereit sich aus dem 8. Stock fallen zu lassen. Ein Geburtstagsgruß. Ein Sühneopfer. Eine, die nicht hierher gehört. GELB ist irgendwo unterwegs, WEISSGELB bei spielenden Kindern, die sich für die Demonstration begeistert fertig machen. WEISS hält nicht durch und muss nach unten. Auf den Beton. Auf die Straße. Auf den Kampfplatz des Proletariats. Ein herrlicher Morgen. Im Fallen dreht sie sich, reißt die Arme empor, als wolle sie sich in der Luft festhalten, als gäbe es noch einen Halt, einen Ast, einen Fels, eine Kante. Dann senken sich die Arme, so wie sie es im Brettpringen gelernt, und die Stürzende verwandelt sich in die Springende, jetzt bewußt der Berührung. Kurz über dem Aufprall gerät ihr Körper in eine Schräglage. Das Gebüsch und die niedrigen Bäume können den Spring noch abfedern. Aber durch die Körperdrehung wird auf dem Beton beschert. Das wenige Blut muss nicht weggewischt werden. Noch Monate gehen GELB und WEISSGELB über diese Platten. GELB nimmt dann WEISSGELB an die Hand. Im Schuppen werden die Abbilder neu sortiert. Dem Geburtstag folgt ein neuer Festakt. Langsam wird es kalt. Das Staatsvolk duckt sich, hockt in Bahnen, Speisesälen, Kinos, Wohnbaracken und Theatern. Es kaut und kaut, scheißt und scheißt. Es frißt seine Unruhe hinunter. Ein schwerer Fettbrei lähmt alle Gedanken. Ein Blick, ein Flug über die Mauer. Nur die Wenigsten sind noch bereit zu springen. Ein Verrückter übt in seinem Zimmer die Ostsee in einem Faltboot zu überqueren und wird verhaftet. Die Besatzung eines Heißluftballons trainiert und sieht sich Jahre später in Hollywood wieder. Und wenn Sie abgestürzt wären. Wir waren auf das Schlimmste gefaßt. Statt nach unten ging es zielgerichtet nach oben.

Der Text Schwarz Rot Gold von Einar Schleef ist 1996/97 zu den Fotografien von Seiichi Furuya entstanden, zuerst bei Suhrkamp erschienen: © 1997 Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: Einar Schleef: Schwarz Rot Gold.


 
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