Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #10: Endlich



EDITORIAL

 
Peter Siller, Bertram Keller
Editorial



UNBEGREIFLICH

 
Héctor Wittwer
Ist der Tod unbegreifbar?
Versuch einer philosophischen Aufklärung
 
Anja Kauppert
Der gegenwärtige Tod
Drei Weisen, sich auf den Tod zu beziehen
 
Petra Gehring
Sterbepolitiken
Neuroforschung und Hirntod
 
 

Irmhild Saake

Die Kultur des Sterbens

Praktiken der Symmetrisierung


Man kann es sich nicht richtig vorstellen, aber es ist tatsächlich möglich: Auf einer modernen Palliativstation könnte der Sterbende in vielen Fällen den Termin für sein eigenes Sterben selbst festlegen. Palliativmediziner verfügen über eine leistungsfähige Technologie, mit deren Hilfe sie dem Wunsch des Sterbenden auf ein Hinauszögern oder ein Abkürzen des Sterbens fast auf den Tag genau entsprechen könnten. Warum geschieht dies nicht?

Dass die technologischen Möglichkeiten im Umgang mit dem Tod nicht umfassend genutzt werden, hängt vermutlich vor allem damit zusammen, dass eine solche komplette Verfügung des Einzelnen über seinen Tod unsere Vorstellung eines gemeinsamen Selbstverständnisses als Sterbliche verletzen würde. Die Situation des Sterbenden erschiene dann als ein Kontext der nur partikularen Betroffenheit; sie wäre freigegeben für ein schlichtes Kosten-Nutzen-Kalkül des Einzelnen, aber auch der Kostenträger.

Dass die Bedeutung des Todes als Grundannahme der symmetrischen Betroffenheit über das selbstbestimmte Sterben des Einzelnen hinausweist, zeigt sich auch, wenn man Semantiken des Todes systematisch erforscht. Im Rahmen einer großen Studie zu Todesbildern, die an der LMU München unter der Leitung von Armin Nassehi durchgeführt wurde, fiel sehr schnell auf, wie leicht der Satz von der symmetrischen Betroffenheit gesagt ist. So kann z.B. der katholische Theologe als Professor für Ethik formulieren, dass vom Sterben alle betroffen sind und dass das Begleiten des Sterbenden keine besondere Herausforderung ist, wenn man sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst ist. Aber ist der Philosophieprofessor als Begleiter eines Sterbenden wirklich vom Tod betroffen? Er selbst stirbt in diesem Kontext nicht. Der Gerichtsmediziner erläutert, wie wichtig es ist, sich mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen, wundert sich aber dann selbst, dass ihn dieses Bewusstsein seiner eigenen Endlichkeit nicht gelassener im Umgang mit alltäglichen Problemen macht. Während des Interviews ärgert er sich maßlos darüber, dass einer seiner Assistenten offenbar seine Diapositiv-Serie zu Massenkatastrophen (seinem Spezialgebiet als Forensiker) verlegt hatte. Offenbar kann man anders über den Tod reden, wenn man selbst gerade nicht stirbt.

Sichtbar wird dies jedoch erst, wenn man die Behauptung einer symmetrischen Betroffenheit vom Tod in einen allgemeineren gesellschaftstheoretischen Rahmen von partikularen Perspektiven einbettet. Die Habermassche Diskurstheorie der Überwindung von Borniertheiten und die Luhmannsche Theorie der Perspektivendifferenz lassen sich hier fast umstandslos aufeinander beziehen. Sichtbar wird dann aber auch, dass man sich ebenso für die Funktionalität von Asymmetrien interessieren muss. Oder fiele dem Forensiker sonst auf, dass er sich im Interview nicht von der Gegenwart seines Sterbens betroffen zeigt?

Gegenwarten des Todes
Die im Rahmen unseres Projektes geführten biographischen Interviews verstärken dieses Bild einer im Alltag ganz unterschiedlichen Betroffenheit vom Tod. Wie die Untersuchungsteilnehmer über den Tod reden, hat erkennbar mehr damit zu tun, in welcher biographischen Situation sie sind. Nassehi hat hierfür den Begriff einer »Gesellschaft der Gegenwarten« gefunden. Es macht einen Unterschied, ob sich jemand – mit Hilfe des Todes – die Welt erklären will oder ob jemand, der gerade eine Familie gegründet hat, Angst vor dem Verlust von Familienmitgliedern hat oder ob man den Tod für etwas spannendes Neues hält, mit dessen Hilfe man auch etwas Neues über sich selbst erfahren kann. Symmetrisch ist das Todesbild dann nur insofern, als alle mit diesem Thema etwas anfangen können, aber seine Semantik ist erkennbar eine der jeweiligen Gegenwart.

Von einem Tabu des Todes würde man aus diesem Grund heute nicht mehr so umstandslos reden, denn an Thematisierungen des Todes fehlt es nicht. Der Tod verfügt über eine ausgearbeitete Semantik, die aber – und dies ist entscheidend – in viele verschiedene Gegenwarten des Todes zerfällt. Mehr als fraglich wird dabei, ob der einzelne tatsächlich in der Lage ist, jetzt in der Gegenwart etwas darüber zu sagen, wie er einmal sterben will. Eine gute Grundlage für Patientenverfügungen ist dies vermutlich nicht, aber solange die Grundannahme einer gemeinsamen Betroffenheit vom Tod noch gilt, funktioniert es.

Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn man statt allgemein über den Tod konkret über das Sterben redet. Ein Blick auf die Situation des Sterbenden verdeutlicht, welchen Anforderungen Sterbeprozesse heute gerecht werden müssen. Während es der Forschung zum Thema Sterben lange Zeit um die Abwendung der maximal asymmetrischen Situation des »sozialen Todes« ging, lässt sich mit dem zunehmenden Interesse am Sterben eine neue Entwicklung ausmachen. Ein typisches Resultat des modernen palliativmedizinisch begleiteten Sterbens ist nun das Phänomen des »hastening of dying« (Shai J. Lavi). Lavi zeigt in einer ausführlichen Studie, wie eine medizinische Infrastruktur entsteht, in der die »informierte Einwilligung« den Patienten zu einer Meinung über sein eigenes Sterben drängt. Dabei entsteht eine Öffentlichkeit, vor der sich der Einzelne rechtfertigen muss, vor der er die »Autorschaft für die eigene Lebensführung« (Habermas) übernimmt. Im Unterschied zu einem Sterben, das als ›sozialer Tod‹ hinter Krankenzimmertüren stattfand und nur zwischen Arzt und Patient verhandelt wurde, entsteht nun ein Bedarf für authentische Beschreibungen, in denen sich die Familienangehörigen, Pflegepersonal und alle anderen beteiligten Experten und Zuschauer wiederfinden müssen. Diese neue Situation lässt sich mit Habermas plausibel als ›kommunikative Verflüssigung von Konventionen‹ rekonstruieren, als eine Form der Selbstverständigung über Formen des Lebens und eben auch des Sterbens. Je sichtbarer das Sterben im Einzelfall nun wird – und eine große Vielfalt an massenmedialen fiction-Formaten und Doku-soaps über Bestatter und Forensiker trägt dazu bei –, desto deutlicher zeigt sich auch, dass es immer um das Sterben des Anderen geht. Thomas Macho spricht aus diesem Grund in Bezug auf den Tod nur von »Metaphern des Todes«, um zu verdeutlichen, dass der Tod selbst erfahrungslos ist.

Die Symmetrisierung des Sterbens
Die Praxis der Sterbebegleitung rückt aber nicht nur die diesseitige Erfahrung der Einzigartigkeit des Sterbens in den Vordergrund; sie produziert darüber hinaus Semantiken, die hier als Praktiken der Symmetrisierung bezeichnet werden sollen. Es scheint dabei zunächst um den Sterbenden selbst zu gehen, doch die Perspektivenübernahme durch die Angehörigen verweist nicht nur auf die Gegenwart des Sterbenden, sondern auch auf die Gegenwart der Angehörigen, die Gegenwart der Zuschauer.

Unübersehbar ist an dieser Stelle die große Bedeutung, die eine – mit »empirischen« Methoden abgesicherte – Meinung der Zuschauer in diesem symmetrisierten Design des Sterbens übernimmt. Je weniger die Sterbenden selbst ihren Willen artikulieren können, umso mehr tritt die möglichst öffentliche Form der Auseinandersetzung mit dem Sterben in den Vordergrund. Ob ein Sterben gut oder schlecht war, entscheiden Umfragen unter den Angehörigen und den Pflegekräften. Als Ergebnis einer niederländischen Studie, in der Angehörige von »euthanasierten« Patienten befragt wurden und diese Daten mit einer Befragung einer klassischen Gruppe von Angehörigen eines in der Klinik »normal« verstorbenen Patienten konfrontiert wurden, zeigte sich beispielsweise eine große Zufriedenheit mit der Praxis der Euthanasie.

Eine Begründung vermuten die Mediziner in der in diesem Fall wirklich prototypisch verwirklichten Öffentlichkeit des Sterbens, also in der institutionalisierten Variante des »talking openly about death« aus Anlass der begründungsbedürftigen Entscheidung für eine aktive Sterbehilfe. Eine Bestätigung hierfür findet sich auch in einer Studie zum Sterbensverlauf eines 19-Jährigen, die beispielhaft zeigt, wie das Sterben des Einzelnen den Bedürfnissen der Zuschauer gerecht werden muss. In diesem Fall wurde das sofortige Sterben durch eine akute Behandlung verhindert, um dem Betroffenen und den Angehörigen die Zeit zu geben, sich auf den Tod einzustellen. Diese Art der Verlängerung des Sterbens erscheint aus einer palliativmedizinischen Sicht eigentlich als höchst problematisch, ist die Palliativmedizin doch angetreten, das Hinauszögern zu vermeiden. Aber medizinisch ist es möglich und es wird gerechtfertigt, weil auch die Perspektive der Angehörigen noch miteinbezogen werden soll. Ob es sich auch gut anfühlt für den Sterbenden, wissen wir nicht.

Die Asymmetrie des Todes

Wenn man diese Symmetrisierungspraktiken genauer analysiert, dann wird sichtbar, wie sehr sie auf das Bezugsproblem eines nun durchgängig asymmetrisch gefassten Todesbildes reagieren. Aus der Drohung einer radikalen Asymmetrie, die radikaler kaum mehr denkbar ist – jemand stirbt jetzt –, entsteht eine öffentliche Kultur des Sterbens. Ihre Funktion ist es, Gemeinsamkeit herzustellen, indem die Nicht-Sterbenden sich in den Sterbenden hineinversetzen. Die systemtheoretische Rekonstruktion von solchen Symmetrisierungspraktiken kann verdeutlichen, wie stark diese jeweils an die Erfahrung von Asymmetrien gebunden sind. Gleichzeitig mit der Sichtbarkeit des Sterbenden, der vor einem frühzeitigen ›sozialen Tod‹ geschützt werden soll, gewinnt das Sterben für die betroffenen Angehörigen die Form einer radikalen Asymmetrie. Nun steht der Sterbende im Vordergrund und seine Aufgabe ist es, die Rolle dessen zu übernehmen, der das Sterben repräsentiert. Er ist sichtbar geworden, ihm droht kein ›sozialer Tod‹ mehr, aber er muss sich auch daraufhin befragen lassen, wie sich das Sterben anfühlt. Er wird zu einem Betroffenen, der eine partikulare Position vertritt.

Solche Praktiken des gleichzeitigen Asymmetrisierens und Symmetrisierens beschreiben die moderne Semantik des Todes. Sie orientieren sich an der Erwartung der Perspektivendifferenz und schaffen auf diese Weise das radikale Andersseins des Sterbenden und immer wieder neue Betroffene, die sich in den Sterbenden hineinversetzen möchten. Vor dem Hintergrund einer systematisch entfalteten Theorie von asymmetrischen und symmetrischen Strukturen wird deutlich, dass man eine öffentliche Kultur des Sterbens nur um den Preis eines asymmetrischen Todesbildes haben kann. Für den Sterbenden selbst bedeutet dies, sich mit seinem Tod auseinandersetzen zu müssen und dabei auch die Bedürfnisse der Angehörigen miteinzubeziehen. Der gute Tod erscheint dabei typischerweise als ein Tod im Kreis der Familie.

Wie voraussetzungsreich dieses Ideal ist, kann man nur mit Hilfe einer Theorie sehen, die nicht mit der Normativität symmetrischer Strukturen beginnt. Luhmanns Idee einer moralisch nicht »infizierten« Systemtheorie ist exakt für diesen Anlass gemacht. Zeigen kann man damit, wie sich Symmetrien auf Asymmetrien beziehen bzw. wie Symmetrien aus sich heraus Asymmetrien schaffen. Die Habermassche Rekonstruktion einer diskursethisch geprägten Moderne wäre dann nur die halbe Wahrheit, denn: selbsttransformativ ist die Moderne auch im Hinblick auf Asymmetrien.



 
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