Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #6: Wie leben



EDITORIAL

 
Peter Siller, Bertram Keller
Editorial



KOLLAPS

 
Claus Leggewie, Harald Welzer
Anpassung an das Unvermeidliche?
Klimawandel als kulturelles Problem
 
Jürgen Trittin
Ökologischer Materialismus
Wie die Natur politisch wird
 
Mike Davis
Heavy Metal Freeway
Autofahren am Rande des Nervenzusammenbruchs
 
Christine Heidemann
Kondensate des Protests
Anmerkungen zum Verhältnis von Kunst und Ökologie
 
Anton Leist
Konflikt statt Konsens
Zur vergeblichen Demokratisierung der Umwelt
 
 

Arnd Pollmann, Stefan Huster, Johan Frederik Hartle, Ödön von Horváth

Ist es links?: >Entfremdung<



»Der natürliche Mensch ist, wie er nicht sein soll«, sagt Hegel. Statt »Zurück zur Natur!« lautet das Motto: »Weg!«. Und der Entfremdungsbegriff wollte doch genau dies kritisieren: dass uns Menschen die eigene Natur abhanden kommt. Nun, es war Hegel selbst, mit dem alle linke Entfremdungskritik allererst anhob. Von ihm hat Marx die Idee menschlicher »Entzweiung«, die es – im nicht konservativen Sinne – aufzuheben gilt: durch produktive Aneignung der Welt. Der zitierte Fehlschluss vom Sein aufs Nicht-Sollen ist also als Auftrag zu verstehen: Erst durch tätige Veränderung verwirklicht sich der Mensch als Mensch. Die unveränderliche Natur des Menschen besteht gerade in dessen Veränderbarkeit. Folglich gilt das Gegenteil: Menschen sind dann von sich entfremdet, wenn sie so bleiben, wie sie sind; wenn sie nichts aus sich machen. Das wiederum ist ein Plädoyer für Fortschritt. Und dass der Fortschritt das Gegenteil von rechtem »Conservare« ist, braucht nicht erwähnt zu werden. Arnd Pollmann

Entfremdung – ein Begriff aus längst vergangenen Zeiten, als die Theorieneurosen noch blühten. Heute weiß niemand mehr, was die Natur, der Kern, das Authentische, das Eigentliche – oder wie all die Beschwörungsformeln heißen mögen – noch sein soll. Vermutlich ist der Dauerstress, nicht entfremdet zu sein und zu leben, selbst die schlimmste Entfremdung. Weil er nur die ebenso triviale wie nutzlose Einsicht formuliert, dass alles seine Vor- und Nachteile hat, ist der Begriff für linkes politisches Denken und Handeln ein Krisenphänomen. Stefan Huster

Die philosophische Linke definiert sich aus einer doppelten Frontstellung: Sie steht einerseits all jenen gegenüber, denen – in Abwandlung eines Wortes von Adorno – »der Leib der Politik als sündhaft gilt.« Zugleich muss sie eine Naturalisierung des Sozialen vermeiden, um inklusiv bleiben zu können. Der Begriff der Entfremdung verweist auf dieses Risiko. Marx sah die Möglichkeit der Entfremdung in der schöpferischen Natur des menschlichen Gattungswesens begründet. Das animal sociale erscheint als ein kreatives Tier, das seine eigenen Handlungspotentiale blockieren kann. Sowohl die konservativen Verklumpungen als auch die liberalen Destillate des Politischen neigen dazu, diese Einsicht zu unterschlagen. Damit untermauern sie die Entfremdung von einem politischen Möglichkeitsraum. Johan Frederik Hartle


>Entfremdung<


»Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu.« Ödön von Horváth


 
Anja Wenzel
Bleib und komm wieder
Der Bicaz-Stausee in der rumänischen Moldowa
 
Raimar Stange
Das Klima ist ein Klima ist ein Klima
Kunst und Klimawandel als geschlossenes System
 
Der wahre Text: >Nachhaltigkeitsbericht 2008<
Neue Berliner Sprachkritik
 
Martin Saar
Bildpolitik: >Naturschutz<
 
Stephan Ertner
Sinncontainer: >Verzicht<



WIDER DIE NATUR

 
Émilie Hache, Bruno Latour
Die Natur ruft
Wem gegenüber sind wir verantwortlich?
 
John Dupré
Technologische Tiere
Was ist natürlich an der menschlichen Natur?
 
Chacho Liempe
Widerstand gegen das Verschwinden
Die Erfahrung der Mapuche
 
Oliver Müller
Natürlich leben
Überlegungen zur Natürlichkeit als Maß des menschlichen Handelns
 
Vera Tollmann
Wind und Werbung
Eine chinesische Bildrecherche
 
Michaela Vieser
Reise ins Wunderland
Vom Finden, was man nicht gesucht hat
 
Sigrid Schmitz
Wie kommt das Geschlecht ins Gehirn?
Hirnforschung und Dekonstruktion
 
Ina Kerner
>Scham, Norm, Messer<
 
Cord Riechelmann
Das Wissen der Tiere
Anmerkungen zu Marcel Beyer und Dietmar Dath



MEIN HALBES JAHR

 
Christoph Raiser
>Musik<
 
Matthias Dell
>Film<
 
Bertram Keller
>Literatur<



ELEKTRISCHE MONDE

 
Thomas Schramme
Tod dem Mondenschein
100 Jahre Futurismus
 
Donna Haraway
Ein Manifest für Cyborgs
Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften
 
Arnd Pollmann
It takes a fool to remain sane
Spätmoderner Körperkult als Arbeit am eigenen Fremdkörper
 
Franck Hofmann
Transurbane Felder
Landschaften und Bürgerschaftlichkeit in Europa



SCHÖNHEITEN

 
Michael Eggers
Schlechtes Wetter
Natural Suspense: Die Katastrophenthriller des Adalbert Stifter
 
Julie Miess
Zugerichtet
Terminatrix 2004: Der Cyborg als feministische Utopie
 
Metin Genc
Das wüste Land
Meer ohne Wasser: Raoul Schrotts Erzählung Khamsin
 
Anja Höfer
Brake is beautiful
Animalistic Turn: Verbotene Früchte von Blumfeld
 
Christoph Raiser
Aus heiterem Himmel
Neuere Zoologie: Tierbeobachtungen von Douglas Adams und Mark Cawardine
 
Kerstin Carlstedt
Geradewegs in die Hölle
Hund, Kaninchen oder Frettchen: Ulrich Seidls Tierische Liebe
 
Daniel Ulbrich
Gmögigi Sprach, gfürchtigi Berg
Alpenglühen: Tim Krohns schwyzerschrifttüütsches Bergromanpaar Quatemberkinder und Vrenelis Gärtli
 
Julia Roth
Perfekt
Kein Geschlecht oder viele: XXY von Lucia Puenzo
 
Thomas Schramme
Ungeheuer
Schlimmer als der Mensch: John Stuart Mill über die Natur
 
Susanne Schmetkamp
Krone der Schöpfung
Haare und Hormone: Michel Gondrys Debutfilm


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