Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #6: Wie leben



EDITORIAL

 

Peter Siller, Bertram Keller

Editorial


Liebe Leserin, Lieber Leser,

die neue Ausgabe von polar ist soeben erschienen. Die Positionen von Claus Leggewie/Harald Welzer und Jürgen Trittin auf dieser Seite geben einen Vorgeschmack, worum es in dem Heft geht: um das Verhältnis von Natur und Kultur, von Ökologie und Emanzipation.

Wie leben? Mit dem Klimawandel ist die ökologische Frage im Zentrum unserer Gesellschaft angekommen. Die Arktis schmilzt, schon jetzt hat sich die Erde um ein Grad Celsius erwärmt und der Weltklimarat hält eine Erderwärmung um sechs Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts für möglich. Die Folgen sind schon heute dramatisch: Wirbelstürme fordern zahlreiche Opfer, Überschwemmungen oder Dürren machen ganze Regionen unbewohnbar und zwingen die Menschen zur Flucht. Ein Wetterleuchten für eine kommende Heisszeit, die Anna Meyers Folien (64) und Christine Würmells Zeichnungen (20) in die bildhafte Wirklichkeit holen. Mit jedem Stück, das dem Eisblock in Olafur Eliassons Bilder-Serie abschmilzt, wächst das Gefühl der Dringlichkeit einer Veränderung unseres Handelns.

Welche Konsequenzen die Klimazerstörung aber auch eine klimafreundliche Politik für die Gesellschaften haben, ist völlig unklar. Setzen die einen auf technologische Lösungen, sehen und fordern andere einen tiefgreifenden kulturellen Wandel. Damit steht aber mehr auf dem Spiel als das Klima. Auf dem Spiel stehen Freiheit und Individualismus, die in den letzten Jahrhunderten mühsam erkämpft wurden. Auf dem Spiel steht Gerechtigkeit gemessen an dem Ideal gleicher Verwirklichungschancen für alle. Auf dem Spiel steht möglicherweise auch die Demokratie als Ausdruck politischer Freiheit. Die ökologische Frage dreht sich weniger um ein unvermeidliches »ob«, sondern um das »wohin« und »wie« der Ziele und Wege. Ökologische Politik muss die Freiheits- und Gerechtigkeitskämpfe der Moderne aufnehmen und fortsetzen, anstatt sich gegen sie zu wenden.

Mit der Ökologie sprechen wir auch über unser Verständnis von der »Natur«. Was ist gemeint, wenn wir von »der Natur« oder gar »dem Natürlichen« sprechen? Eine Beschreibung? Eine Konstruktion? Oder am Ende doch Normen und Werte? »Das Natürliche« würde so zum Maßstab für Lebensentwürfe und moralisches Handeln. Was aber ist die Natur »ohne uns«? Die Natur braucht uns nicht und wird uns überleben. Wofür brauchen wir die Natur? Die ökologische Frage muss sich als soziale Frage selbst emanzipieren gegen den Naturalismus: als Frage der Selbstbestimmung, der Gerechtigkeit und der Demokratie. Ihre Emphase sollte den Individuen, ihren Selbstverwirklichungsansprüchen und Träumen gelten, die durch die Klimazerstörung gefährdet sind. Einiges spricht dafür, dass wir in eine neue Phase der Moderne treten, dahinter zurück wollen wir nicht.

Für eine globale Politik in der der Mensch seine Interessen in der Umwelt erkennt, plädiert Jürgen Trittin im Rahmen eines »ökologischen Materialismus« (15). Deutlich skeptischer gegenüber universalen Entwürfen spricht sich Anton Leist für eine lokale Demokratisierung der Umweltfragen aus (35). Claus Leggewie und Harald Welzer untersuchen allgemeiner den Kulturwandel, der dem Klimawandel folgt (9). Dabei geht es nicht nur um Protest gegen Autos (23) und Stausehen (42), sondern um einen neuen Lifestyle, der bis nach China vorgedrungen ist (102).

Welche Form eine Ästhetik des Protests mit künstlerischen Mitteln heute haben kann, untersucht Christine Heidemann am Verhältnis von Kunst und Ökologie (28). Wie das »kulturelle« System Kunst mit dem »natürlichen« System des Klimas interagiert zeigt Raimar Stange in seinem Beitrag (50). Das Klima als White Cube.

Mit der Frage nach dem Status der Natur stellt sich natürlich auch die Frage nach der »Natur des Menschen«, der etwa John Dupré (81) und Oliver Müller (97) nachgehen. Bruno Latour und Émilie Hache plädierten demgegenüber in ihrem Beitrag dafür, auch nicht-menschlichen Wesen moralisch zu begegnen (73). Eng mit der Natur verknüpft ist die Verteidigung der Lebensform der Mapuche, die deren Häuptling Chacho Liempe darlegt (89). Demgegenüber erinnert Thomas Schramme an die emanzipatorische Utopie des italienischen Futurismus, für den vor 100 Jahren Technik und Maschinen ein neues, schnelles und aufregendes Daseins versprachen (145). Mit Donna Haraways Manifest für Cyborgs drucken wir einen modernen Erben dieses Naturverständnisses erneut ab. Die imaginiäre Figur des Cyborg dient als Metapher für eine Welt ohne naturalistische Zuschreibungen. Kultur formt Landschaften (168), den Körper (161) und entgegen mancher Aussagen der Hirnforschung auch das Geschlecht (115). Unsere menschliche »Natur« selbst ist zutiefst sozial und kulturell geprägt, wie uns Alban Lefranc in jedem Satz seiner literarischen Angriffe einhämmert.

Natürlich? Ohne uns.

Für die Redaktion

Peter Siller, Bertram Keller




KOLLAPS

 
Claus Leggewie, Harald Welzer
Anpassung an das Unvermeidliche?
Klimawandel als kulturelles Problem
 
Jürgen Trittin
Ökologischer Materialismus
Wie die Natur politisch wird
 
Mike Davis
Heavy Metal Freeway
Autofahren am Rande des Nervenzusammenbruchs
 
Christine Heidemann
Kondensate des Protests
Anmerkungen zum Verhältnis von Kunst und Ökologie
 
Anton Leist
Konflikt statt Konsens
Zur vergeblichen Demokratisierung der Umwelt
 
Arnd Pollmann, Stefan Huster, Johan Frederik Hartle, Ödön von Horváth
Ist es links?: >Entfremdung<
 
Anja Wenzel
Bleib und komm wieder
Der Bicaz-Stausee in der rumänischen Moldowa
 
Raimar Stange
Das Klima ist ein Klima ist ein Klima
Kunst und Klimawandel als geschlossenes System
 
Der wahre Text: >Nachhaltigkeitsbericht 2008<
Neue Berliner Sprachkritik
 
Martin Saar
Bildpolitik: >Naturschutz<
 
Stephan Ertner
Sinncontainer: >Verzicht<



WIDER DIE NATUR

 
Émilie Hache, Bruno Latour
Die Natur ruft
Wem gegenüber sind wir verantwortlich?
 
John Dupré
Technologische Tiere
Was ist natürlich an der menschlichen Natur?
 
Chacho Liempe
Widerstand gegen das Verschwinden
Die Erfahrung der Mapuche
 
Oliver Müller
Natürlich leben
Überlegungen zur Natürlichkeit als Maß des menschlichen Handelns
 
Vera Tollmann
Wind und Werbung
Eine chinesische Bildrecherche
 
Michaela Vieser
Reise ins Wunderland
Vom Finden, was man nicht gesucht hat
 
Sigrid Schmitz
Wie kommt das Geschlecht ins Gehirn?
Hirnforschung und Dekonstruktion
 
Ina Kerner
>Scham, Norm, Messer<
 
Cord Riechelmann
Das Wissen der Tiere
Anmerkungen zu Marcel Beyer und Dietmar Dath



MEIN HALBES JAHR

 
Christoph Raiser
>Musik<
 
Matthias Dell
>Film<
 
Bertram Keller
>Literatur<



ELEKTRISCHE MONDE

 
Thomas Schramme
Tod dem Mondenschein
100 Jahre Futurismus
 
Donna Haraway
Ein Manifest für Cyborgs
Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften
 
Arnd Pollmann
It takes a fool to remain sane
Spätmoderner Körperkult als Arbeit am eigenen Fremdkörper
 
Franck Hofmann
Transurbane Felder
Landschaften und Bürgerschaftlichkeit in Europa



SCHÖNHEITEN

 
Michael Eggers
Schlechtes Wetter
Natural Suspense: Die Katastrophenthriller des Adalbert Stifter
 
Julie Miess
Zugerichtet
Terminatrix 2004: Der Cyborg als feministische Utopie
 
Metin Genc
Das wüste Land
Meer ohne Wasser: Raoul Schrotts Erzählung Khamsin
 
Anja Höfer
Brake is beautiful
Animalistic Turn: Verbotene Früchte von Blumfeld
 
Christoph Raiser
Aus heiterem Himmel
Neuere Zoologie: Tierbeobachtungen von Douglas Adams und Mark Cawardine
 
Kerstin Carlstedt
Geradewegs in die Hölle
Hund, Kaninchen oder Frettchen: Ulrich Seidls Tierische Liebe
 
Daniel Ulbrich
Gmögigi Sprach, gfürchtigi Berg
Alpenglühen: Tim Krohns schwyzerschrifttüütsches Bergromanpaar Quatemberkinder und Vrenelis Gärtli
 
Julia Roth
Perfekt
Kein Geschlecht oder viele: XXY von Lucia Puenzo
 
Thomas Schramme
Ungeheuer
Schlimmer als der Mensch: John Stuart Mill über die Natur
 
Susanne Schmetkamp
Krone der Schöpfung
Haare und Hormone: Michel Gondrys Debutfilm


nach oben