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polar #6: Wie leben



EDITORIAL

 
Peter Siller, Bertram Keller
Editorial



KOLLAPS

 
Claus Leggewie, Harald Welzer
Anpassung an das Unvermeidliche?
Klimawandel als kulturelles Problem
 
 

Jürgen Trittin

Ökologischer Materialismus

Wie die Natur politisch wird


Eigenwert der Natur oder Lebensgrundlagen für den Menschen: Fundamentalistische Naturschützer und pragmatische Ökologen begründen unterschiedlich, sind manchmal uneinig und kämpfen doch meist für das Gleiche. Um ökologische Politik aber global durchzusetzen, muss der Mensch seine Interessen in der Umwelt erkennen.

Natur wird politisch wenn sie menschliche Fürsprecher im politischen Raum findet. Flora, Fauna, Lebensraum und Atmosphäre – der hier vorerst gemeinte Alltagssinn von »Natur« – treten dann in die Sphäre der Verhandlung von Interessen und der weltanschaulichen Differenzen ein. Warum geschieht das? Das Bundesnaturschutzgesetz begründet den Schutz von »Natur und Landschaft« mit ihrem »eigenen Wert« und als »Lebensgrundlagen des Menschen auch in Verantwortung für die künftigen Generationen«. Die Rede ist von der »Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushaltes«, der »nachhaltigen Nutzungsfähigkeit der Naturgüter«, den »Lebensräumen« der »Tier- und Pflanzenwelt« sowie der »Vielfalt, Eigenart und Schönheit« von Natur und Landschaft (Paragraph 1 BNatSchG. Diese Doppelbegründung über einen Eigenwert der Natur und einen Nutzwert für den Menschen ist auch im öffentlichen Diskurs über Umweltthemen verbreitet. Im Grunde handelt es sich um zwei ganz verschiedene Argumente.

Da nicht jeder die Schutzwürdigkeit gewachsener Natur unmittelbar teilt, wird Naturschutz oft indirekt gerechtfertigt über seine Funktion für die Erhaltung eines größeren ökologischen Zusammenhangs, der dann wiederum für den Menschen und seine ökologische Nische lebenswichtig ist. Auch was zunächst unnütz, hässlich oder gar gefährlich ist, kann dann als erhaltungswürdig angesehen werden. Ein großer ökologischer Zusammenhang ist zum Beispiel das Weltklima, für das etwa riesige Regenwaldgebiete vor dem Zugriff unmittelbarer menschlicher Zwecke geschützt werden müssen, weil sie indirekt über ihren Beitrag zum Klima für den Menschen eine Überlebensfunktion erfüllen.

Im Gegensatz dazu verzichtet die Argumentation über den Eigenwert der Natur auf den Nachweis ihres Nutzens für den Menschen. Aus welchen Motiven speist sich die nicht-utilitaristische menschliche Fürsprache für den Naturerhalt? Der Eigenwert der Natur kann über das Erlebnis ihrer Schönheit, Vielfalt und Pracht dem menschlichen Beobachter unmittelbar einleuchten. Er geht aber nicht in ihrem Dasein für das menschliche Naturerleben auf. Das Erleben führt zu einem Staunen über das natürlich Entstandene und zu Ehrfurcht und Respekt gegenüber der Natur. Dieser Respekt muss nicht religiös motiviert sein, ist es aber oft. Ein zu bewahrender Wert der Natur liegt dann in ihrem göttlichen Charakter, der unabhängig vom Menschen besteht und geglaubt wird. Der Respekt gegenüber dem Eigenwert der Natur kann aber auch aus menschlicher Selbstkritik abgeleitet werden. Die zerstörerische Geschichte des Menschen gegenüber sich selbst und der Natur kann den menschlichen Betrachter zu einer Ethik der Selbstbeschränkung führen. Der Natur wird im Vergleich mit der menschlichen Welt ein höherer Wert zugeschrieben und daher Zurückhaltung gegenüber der Natur gefordert.

Wer sich ohnehin für den Naturschutz begeistert, wird meinen, das sei einfach beides richtig. Doch die unterschiedliche Argumentation hat im politischen Raum Konsequenzen.

Was wird geschützt: Natur – Umwelt – Ökosystem

Jenseits des oben salopp benutzen Alltagssinnes von »Natur« wird gleich unklar, was überhaupt bewahrt werden soll. Der Naturbegriff schillert. Im umfassenden Sinne ist er dem Übernatürlichen entgegengesetzt und schließt den Menschen und seine Welt ein. Dann wären auch Waldzerstörung und Flussvergiftung, Klimakatastrophe und eine mögliche Unbewohnbarkeit der Erde »natürliche« Prozesse und der Begriff wird zur Begründung einer spezifisch ökologischen Politik unbrauchbar. Gebräuchlich ist es auch, »Natur« dem »Künstlichen«, vom Menschen Geschaffenen entgegenzusetzen. Dann meint Natur »unberührte« Lebens- und Stoffzusammenhänge, die über lange Zeit ohne menschliches Zutun entstanden sind. Ein solcher Naturbegriff ist wiederum zu eng, denn heute muss viel mehr geschützt werden als die – ohnehin selten gewordene – »unberührte Natur«.

Die Begriffe »Umwelt«, »Ökologie« und »Nachhaltigkeit« erscheinen in der öffentlichen Debatte oft austauschbar mit »Natur«, führen aber eine ganz andere Betrachtungsweise ein. »Umwelt« bezieht die Stoff- und Energieflüsse der Welt auf den Menschen und umfasst seine Einwirkungen; »Ökologie« ist die Betrachtung von Systemen des Austausches und der gegenseitigen Abhängigkeit biotischer und abiotischer Einheiten und »Nachhaltigkeit« richtet sich auf die Stabilitätschancen solcher Systeme im Zeitablauf. Die »Natur« im oben beschriebenen starken Sinne von »Unberührtheit« rückt in den Hintergrund und tritt durch diese Begriffe vermittelt in die politische Debatte ein, als Umweltpolitik und ökologische Politik. Oder aber sie wird abgedrängt in eine eher regional-lokale Bedeutung wie sie in den »Naturschutzgebieten« zum Ausdruck kommt. In der globalen umweltpolitischen Diskussion spielt der Naturbegriff daher nicht die zentrale Rolle. Die Argumentation des Schutzes der »Natur« ohne Bezug auf den Menschen und seine Lebens- und Nutzungszwecke verliert an Bedeutung.

Da Natur nur durch den Menschen politisch werden kann, ist das auch nicht überraschend. Begründungen aus dem Eigenwert der Natur werden weltanschaulich nur von einer Minderheit geteilt. Schon in den Religionen, die so etwas wie die »Bewahrung der Schöpfung« kennen, ist es bei weitem nicht das einzige Motiv im Verhältnis zur Natur, die sich der Mensch etwa auch »untertan« machen soll. »Unberührte Natur« ist ein modernes Motiv, letztlich die Kehrseite einer Zivilisation, die auf ihrer rücksichtslosen Ausbeutung und Zerstörung beruht. Viele indigene Völker etwa, oft idealisiert im Blick des sehnsüchtig zivilisationsmüden Europäers, leben zumeist in, mit und auch gegen die Natur. Ökologische Politik kann sich nicht auf natur-zentrierte Weltanschauungen verlassen, seien sie religiöser oder säkularer Art. Ganz abgesehen von der ethischen Fragwürdigkeit der Herabwürdigung des Menschen kann sie es auch aus taktischen Gründen nicht, denn solche Weltanschauungen werden immer minoritär bleiben. Sie werden nicht den Einfluss gewinnen, den ökologische Politik heute braucht. Immer wird es von starken menschlichen Interessen getriebene Weltanschauungen geben, die mit der gleichen Legitimität ihren Anspruch in der politischen Sphäre anmelden und für welche die Naturbewahrung hinter menschlichen Kultur- und Wirtschaftsleistungen zurücktritt. Fundamentalistische Naturschützer betrachten die Interessen brasilianischer Agrarwirtschaft, chinesischen oder tschechischen Energiehungers, deutscher Chemieunternehmen und ihrer Arbeitnehmer und Konsumenten im Gunde allesamt als politisch und moralisch illegitim. Das aber sind sie nicht, so sehr sie auch ökologisch problematisch sein mögen.

Das Argument der Erhaltung der menschlichen ökologischen Nische ist hingegen ein starkes und von allen teilbares Motiv. Ökologische Politik kann sich heute mit überwältigender Evidenz als ein Allgemeininteresse darstellen, das weit über die Bewunderung gewachsener Natur hinausgeht. Denn ökologische Politik kämpft für die materielle Erhaltung der Grundlagen des Lebens aller Menschen. Das leuchtet heute weltweit so vielen ein, dass ökologische Politik zumindest rhetorisch zum Mainstream geworden ist.

Gleiche Ziele und Konflikte

Der weltweit wachsende Rückhalt für ökologische Motive spielt auch reinen Naturschützern in die Hände. Verteidiger des Eigenwertes der Natur und Erhalter menschlicher Lebensgrundlagen marschieren zumeist Seit an Seit auf dem Weg in eine ökologisch nachhaltige globale Wirtschaftsordnung. Regenwaldschutz, Naturschutzgebiete, Artenschutz, ökologische Landwirtschaft und vieles mehr kann heute durch Funktionen für die ökologische Systemstabilität und die Erhaltung der menschlichen ökologischen Nische begründet werden. Unterschiedliche Begründungen führen zu den gleichen Resultaten.

Aber es kann auch zu Konflikten zwischen Umwelt- und Naturschutz kommen. Eine eher global orientierte ökologische Politik kann etwa eine hohe Zahl von Windkraftanlagen vor der Küste für notwendig halten, der lokal argumentierende Tier- und Naturschützer wird regionale gewachsene Kreisläufe und Habitats schützen wollen. Durch Klimawandel, Bevölkerungswachstum, weltweite Industrialisierung, wachsenden Energie- und Ressourcenbedarf sowie die bereits angerichteten weltweiten Umweltschäden ist der Zeitdruck, unter dem wir das Weltwirtschaftssystem ökologisch stabilisieren müssen, dramatisch gewachsen. Das zwingt uns angesichts der ungeheuer starken – zunächst einmal gar nicht ökologisch orientierten – Interessen Hunderter Millionen von Menschen zu Kompromissen. Auch hier taucht ein Zwiespalt zwischen Naturfundamentalisten und Nachhaltigkeitspolitikern auf: Denn je radikaler, naturverklärender und naiver eine Forderung ist, desto unwahrscheinlicher ihre Realisierung, desto unwahrscheinlicher die ökologische Verbesserung und desto katastrophaler die Folgen.

Insbesondere international fällt eine pur aus dem Eigenwert der Natur argumentierende Position hinter das heute notwendige ökologisch komplexe Denken zurück. Die Konflikte der Naturschützer mit den Menschen in ärmeren Ländern und den Nutzungsansprüchen an ihre Böden, ihre Wälder und ihre Luft werden niemals durch den Zeigefinger des Naturschützers oder durch das Predigen ökologischer Lebensstile gelöst. Hier müssen wir regional und international verhandelte nachhaltige Modelle des Wirtschaftens entwickeln, die menschliche Nutzungsansprüche, Naturschutzgebiete, internationalen Handel, Armutsbekämpfung und Industrie so zusammen denken, dass sich ein nachhaltig praktizierbares Weltsystem entwickelt.

Motivation über Naturerleben

Rein wissenschaftlich über die Nachhaltigkeitsfunktion begründete ökologische Politik hat allerdings einen rationalen und im Grunde kühlen Zugang zur Problematik. Motivation zum politischen Engagement braucht oft mehr. Faktisch haben sehr viele Menschen, die sich in grünen Parteien und Verbänden engagieren, einen stark emotionalen, romantischen, ästhetischen oder religiösen Naturzugang. Ein emotional gefärbtes Naturerleben kann vom Mitleid mit Tieren über die Überwältigung durch prachtvolle Landschaften bis zum Gefühl der Zugehörigkeit zu einer natürlichen Ordnung reichen. Es fragt sich, ob man ganz ohne derartige Intuitionen zum begeisterten Ökologen wird. Heute ist ein derartiger Naturzugang weit verbreitet und wird vor allem touristisch erlebt. Oft ist der Tourismus zwar Teil des Problems und oft genug fehlt der Schritt vom touristischen Naturerleben zur ökologischen Praxis. Dennoch ist die emotionale Naturerfahrung zweifellos ein wichtiges Motiv für den Eintritt der Natur in die politische Sphäre durch menschliche Fürsprache. Und die Bestürzung beim Anblick von verseuchten Flüssen, Ölpest, Waldbrand oder beim Einatmen verpesteter Luft scheint doch eine Voraussetzung für umweltpolitisches Engagement.

Eine solche Verbindung zur natürlichen Umwelt ist aber nicht selbstverständlich, keineswegs »natürlich« und eher ein kulturgeschichtliches Produkt bestimmter Epochen und Traditionen. Viele Menschen erleben Natur anders, sie sehen zunächst Ressource und können gar nicht anders. Der Blick auf rauchende Schornsteine, auf Brandrodungen oder Massentierhaltung löst nicht bei allen Menschen die gleiche Abwehrreaktion aus wie beim grünen Städter von heute, der eine selbstverständliche Empörung zu verspüren meint. So essentiell wichtig der emotionale Zugang zur Natur also zur Motivation der Menschen für ökologische Politik ist, so wenig reicht er aus, den hinreichenden Schub für globale ökologische Veränderung zu erzeugen. Das materielle Interesse der Menschen muss hinzukommen und mobilisiert werden.

Bei Teilen der Linken ist der Naturbegriff als reaktionär verpönt. Berechtigt ist dabei die Ablehnung der Natur als Begründungsanker. Wenn Natur im politischen Diskurs ins Feld geführt wird, um das Gute zu bezeichnen, das Unnatürliche mit dem Schlechten zu identifizieren und die Diskussion damit zu beenden, dann ist der Naturbegriff reaktionär. Er ist dann der »Natur des Menschen« verwandt, mit deren Hilfe abweichendes Verhalten verurteilt wird, die Geschlechter sich zu ewigen Gegensatzpolen verfestigen und ganze Kulturen und Lebensweisen als »unnatürlich« gebrandmarkt werden. So ist »Natur« bloß konservativ.

Ökologischer Materialismus gegen falsche Naturkritik

Doch gelegentlich wird diese berechtigte Naturalismus-Kritik in eine Ablehnung ökologischer Politik übersetzt. Hier kann knapp gekontert werden: Naturkritik sollte nicht das Thema verfehlen. Denn kurze Blicke in die relevanten globalen Statistiken und Berichte zu Klimawandel, Nahrungsmittelproduktion, Ressourcenverknappung, Wasserkonflikten, Luftverpestung, Mobilität und Energie machen die Notwendigkeit ökologischer Reform der globalen Wirtschaft überdeutlich. Ideologiekritik der »Natur« erscheint in diesen Zusammenhängen sofort in überwältigender Weise unerheblich. Die Begriffe »Ökologie« und »Nachhaltigkeit« kommen ohne konservative Naturfiktionen aus. Niemand, der mit solchen ideologischen Aspekten nichts zu tun haben will, muss auf Einsicht in die Dringlichkeit ökologischer Politik verzichten.

Ökologische Politik muss sich nicht auf weltanschaulich motivierte Lebensstilpolitik beschränken, sie fällt heute zusammen mit der Politik der Produktion, der Wirtschaft, der materiellen Flüsse von Energie, Stoff und Ressource. Ein Weltsystem des materiellen Austausches zwischen Menschen und zwischen Mensch und Umwelt muss so gestaltet werden, dass es nicht mittelfristig zusammenbricht. Ein materialistisches Vokabular aus Ressource, Nahrung, Lebensfähigkeit, Gesundheit und Wohlstand reicht aus, um ökologische Politik zu begründen. Es geht dabei um harte materielle Interessen und ihren Ausgleich. Ökologische Politik fällt daher heute zusammen mit der ur-linken Forderung nach globaler materieller Gerechtigkeit. 



 
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