Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






 
Peter Siller
Der Streit um das Allgemeine
Parteien als entscheidende Institution in der demokratischen Auseinandersetzung um die allgemeine Gesetzgebung
 
Rahel Jaeggi
Experimenteller Pluralismus
Lebensformen als Experimente der Problemlösung
 
Peter Siller
Macht es nicht selbst!
Macht es nicht selbst! Vom Rückzug des Politischen ins Private geschlossener Lebensformen
 
Alexandra Deak/Arnd Pollmann
Marinieren, Tranchieren, Ignorieren
Der exorzistische Kult ums Essen
 
 

Peter Siller

Politik der Drastik

30 Versuche über die Sichtbarmachung des Furchtbaren


Es ist nicht die Übertreibung, die uns schreckt, sondern die (mögliche) Wahrheit, die Objektivität einer subjektiven Verletzung oder Bedrohung. Deshalb empfiehlt es sich, Drastik als Form des Zeigens ungeliebter Wahrheiten zu verstehen, als Bildgebung gegen die Unsichtbarmachung. Erst so entsteht die Chance einer Reaktion, und damit auch ein Raum für Politik. Dabei kann die Reaktion selbst drastisch ausfallen - und zugleich zu ganz anderen Möglichkeiten verhelfen. Verhandelt wird dabei auch das Verhältnis von Leben und Kunst.


1 Die Untertreibung der Provokation

Den Begriff der Drastik als Instrument der Gesellschaftsanalyse wie der gesellschaftlichen Orientierung einzusetzen, verlangt zunächst, sich über den Gehalt dieses Begriffs zu verständigen. Dabei geht es darum, aus einer Vielzahl möglicher Definitionen diejenige auszuwählen, die uns zu den interessanten und relevanten Fragen führt, die im Umfeld des Begriffs aufscheinen. Es ist wahrscheinlich der uninteressanteste Ansatz, Drastik im Kern als Strategie der »Übertreibung« oder gar als Kunst der »Provokation« zu begreifen. Viele Darstellungen, die wir als drastisch empfinden, beinhalten bei genauerer Betrachtung gar keine »Übertreibung« und zielen auch intentional nicht auf eine »Provokation«. Im Gegenteil zielt die Unterstellung einer provokatorischen Absicht oftmals darauf, die ernsthafte Anfrage einer Darstellung zu neutralisieren oder gar zu diskreditieren.


2 Zeigen, was ist

Es empfiehlt sich vielmehr, Drastik als eine Darstellungsweise zu begreifen, die uns etwas zeigt, das wir nicht gerne sehen, das wir nicht wahrnehmen und wahrhaben wollen, weil es uns ängstigt oder schmerzt. Die Kunst der Drastik liegt danach darin, diese ungeliebten Wahrheiten immer wieder ans Licht zu befördern, darin liegt ihr Enlightment, ihre aufklärerische Funktion. Ihre Provokation besteht - wenn überhaupt - darin, dass das, was sie uns zeigt, sicher oder möglicherweise wahr ist.


3 Der Schock der Immanenz

Deshalb liegt die aufklärerische Funktion von Drastik auch nicht einfach im genauen Hinsehen der naturwissenschaftlichen Aufklärung, wie wir sie bereits aus den Sektionsgemälden des 17. Jahrhunderts kennen (siehe etwa Rembrandt 1632: Die Anatomielektion des Dr. Nicolaes Tulp) - und das heute ein wesentliches Element von Splatter und Porno darstellt. Als würde man auf etwas stoßen, indem man immer näher heran geht und immer tiefer hinein. Das Schockierende dieser Bilder liegt vielmehr - wenn man so will auf zweiter Ebene - in dem, was (an Metaphysik) zu verschwinden droht, wenn man genauer hinsieht, in der radikalen Immanenz. Dieses Herauskippen aus der Metaphysik führt keineswegs zu einer Verabschiedung der Unverfügbarkeit von Freiheit und Würde und Liebe, und doch hat es radikale Konsequenzen für die Endlichkeit und Zerbrechlichkeit unseres Lebens.


4 It's a horror

In diesem Sinn sind es auch jenseits des Menschen Bilder der Natur, die uns leicht einen Schrecken einjagen können. Bilder, die uns zeigen, was nicht ist. Wir blicken hinaus in der Hoffnung auf eine Antwort und stellen fest, dass da draußen niemand antwortet, niemand zu einer Antwort fähig ist. Keine Resonanz, nirgends. Kalte Abläufe in saftigem Grün. Nur das irre Zirpen der Vögel.


5 Die Alltäglichkeit der Drastik
So verstanden ist es ein weit verbreitetes, fast schon rührendes Missverständnis zu glauben, die Krassheit läge in der drastischen Kunst, wo sie uns doch nur an Gegebenheiten erinnert, die völlig unabhängig von ihr bestehen. Dabei sind es doch in aller Regel die grundlegendsten Wahrheiten oder zumindest Möglichkeiten, die sich tagtäglich millionenfach realisieren, die uns den größten Schrecken einjagen: Memento Mori, wir werden sterben, unser Leben ist endlich, wir könnten verfallen schon bevor wir tot sind; Menschen fügen sich schwere Verletzungen zu, leiden Not, sperren sich ein, tun sich Gewalt an, physisch, seelisch; Ein Mensch verschwindet, indem die Liebe stirbt, Menschen sehen keinen Sinn mehr, da draußen ist niemand, der auf einen aufpasst. »In den nächsten 100 Jahren werden 6 Milliarden Menschen sterben! Und diese Zahl ist extrem geschönt!« (Schlingenblog, 19.11.2009) war eine der Botschaften des angeblichen »Schock-Intellektuellen« (Spex, 1/1998) Christoph Schlingensief. Danke für die Erinnerung! Das Drastische ist oftmals nicht die spektakuläre Ausnahme, sondern das Alltägliche und Triviale: Das, was jederzeit passiert, passieren wird oder kann.


6 Ganz weit weg

In diesem Sinn ist es ein verständlicher Wunsch, das Schreckliche und Böse möge in einer Welt ganz weit weg spielen, Geschichten von Kriegen und Armut aus fernen Ländern oder längst vergangener Zeit. Oder noch besser: eingehegt in die Kunst, ein schreckliches Märchen, mehr nicht. (Teenage Fear. Seltsam, dass wir als Kinder und Jugendliche bei aller Neugierde die Wahrheit der Bilder klarer sehen, den Schrecken deutlicher spüren, obgleich doch vieles noch so weit weg liegt.)


7 Die Überbringerin der Nachricht

Der Film ist schlecht, weil er das Schlechte zeigt. Der Künstler ist böse, weil er das Böse zeigt. Ein gängiges Erwachsenen-Missverständnis, zu dessen Naivität kein Kind in der Lage ist. Und so wird der Künstler zum Stein des Anstoßes, der zum Zweck der Sichtbarmachung Container aufstellen und Ausländer rauswählen lässt, während die Realität tausendfacher Abschiebung von hilfebedürftigen Flüchtlingen nicht der Rede wert ist.


8 Berichte gegen die Unsichtbarmachung
In diesem Sinn ist Drastik als Darstellungsform zuerst in den Berichten derer zu finden, die uns von Verlust und Leid erzählen, etwa aus Krankenhäusern und Pflegeheimen, von der Straße und aus den Sweatshops, von den Rändern und aus den Kampfzonen vermeintlicher Familienidyllen. Drastik berichtet von den Orten, die unsere Gesellschaft unsichtbar machen will, die sie nicht wahrhaben will.


9 Aufsuchen und Zeugenschaft
Letztlich ist die Anschauung Quelle der Drastik, vermittelt über das gesprochene Wort, die mündliche Weitergabe. Vermittelt weiterhin durch einen Journalismus, dem es um Aufsuchen und Zeugenschaft geht, ob in Schrift oder Bild. Erweitert um die Kunde von den entfernten Kampfzonen, die in der globalisierten Welt in Wahrheit sehr nah liegen.


10 Zeitdiagnosen
Drastik als Kunst der Sichtbarmachung kann ihren Gegenstand im Allgemeinen finden, aber auch im Besonderen der Zeit. In diesem Sinn ist sie ebenso zu Zeitdiagnosen in der Lage, die Licht auf die Schmutzränder der Gegenwart werfen, wie sie mehr Licht in das Dunkel von Vergangenheit und Zukunft bringen kann.


11 Die Drastik der Realität

In Relation etwa zu den Flüchtlingskatastrophen vor den Grenzen Europas ist jeder drastische Katastrophenfilm (notgedrungen) eine Verharmlosung. Niemand würde das aushalten. In Relation zu dem Alltag vieler pflegebedürftiger Menschen sind die meisten Zombiefilme der reinste Kindergeburtstag. Und mit Blick auf all die Verlassenen und Zerbrochenen ist so gut wie jedes cineastische Blutbad eine Untertreibung. Die Kunst muss bei der drastischen Veranschaulichung im Konkreten geradezu untertreiben, sind doch die Finger immer schon über Kreuz - auf der Bühne oder spätestens mit dem Bestehen derselben. Und auch mit Blick auf das Allgemeine ist jeder Verdacht der spielerischen Übertreibung eine Rücknahme an Drastik, eine Entlastung. Ist ja nur Kunst. Die wollen nur spielen. Ein Grund für das dramaturgische Instrument der Mauerschau liegt darin, dass das Zeigen den Schrecken nehmen kann, weil er sich berichten lässt, aber nicht darstellen.


12 Es geht um uns

Jeder kennt aber auch den gegenteiligen Effekt - etwa im Kino: Wir weinen aus sicherer Warte um den Helden, dem das Leben so viel übler mitspielt, als einem selbst. Und erschrecken an dem Gedanken, dass dieses Leben in Wahrheit unser aller Leben ist, meines, und das unserer Liebsten. Dass wir es alle zu bestehen haben.


13 Berichte mangels Erfahrung
Insofern spielt eine Politik der Drastik als Form der Darstellung, als Berichterstattung und Erinnerung, eine umso geringere Rolle, je näher wir uns selbst an den Kampfzonen aufhalten. Wer sich an Orten des Leids oder des Sterbens aufhält oder diese aufsucht, braucht keine drastischen Darstellungen, hört vielleicht lieber Schlager. In einer Gesellschaft aber, in der der Schmerz unsichtbar gemacht werden soll, ist diese Form der Berichterstattung dagegen umso wichtiger. Das gilt auch und gerade für jenen Teil der gehobenen Mittelschicht, der zu abstrakter Solidarität (etwa in Form von Steuerzahlungen) gerne bereit ist, solange er das Elend nicht mit ansehen muss, nicht mit ihm in Berührung kommt - auch nicht mit dem eigenen.


14 Zeigen, wie man nichts sieht
Sichtbarmachung im Sinne der Drastik bezieht sich in letzter Konsequenz nicht auf einen äußeren Vorgang, sondern darauf, was etwas mit uns macht. Deshalb kann Drastik gerade darin liegen, dieses Etwas unsichtbar zu lassen, zu zeigen, wie man nichts sieht. Es kann die Angst ungemein steigern, die Quelle der Gefahr nicht orten zu können, das Leid erhöhen, die Quelle des Schmerzes nicht zu kennen. Und so spielt sich Drastik oft im Dunklen ab, im Nebel, im Labyrinth. Die eigentlichen Gegenstände der Drastik sind hier oft die rezipierenden Subjekte, versinnbildlicht etwa durch die Augen, über die nicht nur ein äußerer Vorgang zu einer inneren Angelegenheit wird, sondern in denen sich ein innerer Zustand wie Angst oder Leid auch zeigt.


15 Die Notwendigkeit der Bilder

In dieser Hinsicht ist die drastische Strategie der Sichtbarmachung Teil der Lösung und nicht des Problems. Erst wenn ich ein eigenes Bild habe, von den Monstern in mir und um mich herum, kann ich sie mir vorhalten, mich mit ihnen auseinandersetzen, ihnen entgegentreten. Ich weiß, dass schreckliche Dinge passieren. Aber wir können das überleben. Wir können leben (Super 8 / Joe im Angesicht des Monsters nach dem Tod seiner Mutter). Church of Fear: Erst wenn ich ein Bild habe von der Angst, kann ich sie mir aneignen, bin ich ihr nicht mehr einfach ausgesetzt und kann sie vielleicht überwinden. Das ist ein Grund, warum es sinnvoll ist, von einer Politik der Drastik zu sprechen, warum Drastik geradezu konstitutiv ist für Politik. Politik verstanden als gesellschaftlicher Raum, in dem wir uns nicht fügen, sondern verhalten.


16 Bilderzeugung

Man kann die Kunst der Drastik als einen Weg verstehen, solche Bilder zu erzeugen. Und man kann die Kunst der Drastik darüber hinaus als eine Möglichkeit begreifen, diese Bilder zu gestalten - und ihnen so ihre Allmacht zu nehmen. Man kann Gut in Schlecht umdeuten, oder umgekehrt, kann Eigenschaften hervorheben, ihre Wirkungsweisen beschreiben, ihre Lächerlichkeit herausstellen, kann sie verfremden, abstrahieren oder karikieren.


17 Der unabwendbare Blick

Doch so wie das drastische Bild Ausgangspunkt der Stärkung sein kann, so kann es uns auch schwächen. Wir werden verletzt, durch das, was wir sehen. Wir alle kennen das Phänomen, wie sich drastische Bilder in uns einbrennen und wir sie nicht mehr loswerden, sie wie eine Narbe in uns tragen. Doch so wichtig es ist, die Augen für die drastischen Bilder zu öffnen, so wichtig ist es, die Augen auch schließen zu können und dadurch dem etwas entgegenstellen zu können. Es ist der unabwendbare Blick auf das Leid, vorgeführt etwa in Argentos Terror in the Opera, der uns ohnmächtig macht und so das befreiende Moment der Drastik ad absurdum führt. In Anknüpfung daran besteht die aufklärerische Kunst der Drastik auch in der Möglichkeit und der Form der Dosierung, die uns für die ungeliebte Wahrheit wach hält - ohne dass wir in ihr versinken, ohne dass der Zwang in Affirmation endet.


18 Der affirmative Blick

Drastik wird dort zum Problem, wo sie nicht zu Re-Aktion führt, sondern zu Gewöhnung oder gar Affirmation. Es gibt eine Drastik, die auf Unterhaltung zielt, eine Pornografie der Gewalt. Zu diesem Zweck öffnet ein Teil der Unterhaltungsindustrie erst gar nicht die Augen für die Welt, sondern erfindet - zur großen Freude von Ernst Jünger - eine Welt adrenalin-auswerfender Gewalt. Drastik wird so zum Gegenteil einer Erinnerung, zur Dauerbeschallung.


19 Smaugs Einöde
Die Familien strömen ins Kino wie früher in die Kirche. Im Cinemaxx sitzt am ersten Weihnachtsfeiertag verloren im riesigen Kinosaal eine alte Frau, weit über 80, im zweiten Teil der Hobbit-Trilogie. Smaugs Einöde. Ich entdecke sie in der Pause, vor ihr ein Gehwagen, der Blick ratlos, das Gesicht scheint dem Sterben nah. Vermutlich hatten Angehörige die Idee, ihr zum Feiertag etwas Gutes zu tun und sie ins Kino zu setzen. Ich frage mich, von welcher Gegenwart ihr die Ork-Schlachten künden, von welcher Gesellschaft, welchen Kriegen: Es ist die Kunde von der Aufrüstung der Kulturindustrie selbst, von den Kriegen in unseren Köpfen. Nichts weiter.


20 Recycling 9/11
Kaum ein Superhelden-Film der letzten Jahre, in dem die Bilder von 9/11 nicht zu Entertainment-Zwecken nachgestellt werden. Einstürzende Hochhäuser, Menschenmengen auf den Straßen, die im Staub der einstürzenden Gebäude zu fliehen versuchen. Über den Dächern der durchchoreografierte Showdown zwischen Gut und Böse. Die New Yorker können einem leidtun. Hier werden keine Bilder geschaffen, denn sie haben sich ja längst in die Köpfe eingebrannt, sondern sie werden recycelt, um sich für die schematischen Figuren eine Drastik des realen Leids zu borgen. Der virtuelle Krieg geht weiter, wo der reale beendet ist und die Wunden versuchen zu verheilen. Ein Anzeichen der fortbestehenden Aktualität unserer Ängste? Oder dafür, dass uns die Bilder nicht mehr ängstigen, dass genug Zeit dazwischen liegt?


21 Back in Black

In der Mode-Boutique im Villenviertel von Hamburg-Eppendorf laufen neben dem Hundepsychologen momentan am besten: Nietenbesetzte Sid-Vicious-Lederjacken und Alpha-Industries-Bomberjacken. Die Bomberjacke ist ja schwer im Kommen. Quatsch, die ist schon voll da. Sieht echt geil aus. Krass. Ich überlege, ob ich gleich zwei nehme. Vor der Boutique steht ein niegelnagelneuer AC/DC-Mini in Mattschwarz aus der Back in Black-Edition. Daimler überlegt im kommenden Jahr mit einem Darkthrone-Smart nachzuziehen, Modell Transylvanian Hunger. Der Vampirismus des fortgeschrittenen Kapitalismus, die Enteignung von jeder symbolischen Eindeutigkeit, ist ja ein alter Hut. Aber solange das so unsubtil abläuft, muss man sich keine Sorgen machen.


22 Man muss nicht weit fahren
Kommt Drastik also letztendlich aus der Langeweile? Ist sie am Ende der Stoff für die Verwöhnten und Saturierten auf ihrer lächerlichen Suche nach dem Kick? Steht sie in einer Linie mit Snowborden oder Spring Break? So richtig der Hinweis ist, dass es die verblödete Jack-Ass-Vice-Magazine-Zirkus-Halligalli-Zeitvertreibkrassheit der Saturierten gibt, so wenig sollte dies über die tatsächlichen Höllen hinter den Fassaden der Reihenhäuser und Bungalows hinwegtäuschen. Ihre allgemeinen Höllen des Verlierens und Sterbens. Aber auch ihre spezifischen Höllen des Konformismus, der Teilnahmslosigkeit, der Einsamkeit, der repressiven Toleranz, der Feindseligkeit, die nicht erst am Nachbarzaun beginnt und an den Festungsgrenzen um die Schichten-Privilegien ihre Vollendung findet. Man muss, auch in der Mittelschicht, nicht weit fahren, um die Kampfzonen und Elendsquartiere zu besichtigen. Das alles ändert freilich nichts daran, dass Wohlstands- und Bildungsprivilegien kein Grund sind zu jammern, sondern potenzielle Vorteile, die sich in ein Mehr an Freiheit und Solidarität übersetzen lassen.


23 Monster Langeweile

Umgekehrt gibt es sicher eine allgemeine nach-metaphysische Angst vor der Leere, vor der Bedeutungslosigkeit, vor dem Nichts-Empfinden-Können, die höhere Schichten nicht für sich gepachtet haben, nur weil sie das Geld und das Selbstbewusstsein für den Psychotherapeuten aufbringen. Langeweile in diesem Sinn kann tatsächlich ein Monster sein, für das die Bilder drastisch ausfallen können.


24 Adrenalin

Die Suche nach dem Flash, dem Kick, dem Bass, der Heavyness. Die Suche nach der Vibration, dem Spüren, der starken Wirkung, dem Adrenalin. In diesem Sinn wäre Drastik nichts anderes als eine Technik der körperlichen Steigerung, der Intensivierung (entsprechend dem griechischen δραστικός, das »stark«, »kräftig« oder »wirksam« bedeutet). Derlei Kräfte lassen sich in der Regel einfacher erzeugen als über Drastik, sicher aber besser nutzen. In jedem Fall gehörte es zur Kunst der Drastik, als Flucht aus der Langeweile nicht schnell wieder in derselben zu landen. Im Endlos-Loop, in der ständigen Wiederholung.


25 Die Drastik der Entgegnung

Welche Wahrheit auch immer in einem drastischen Bild ausgesprochen oder gezeigt wird: Zu der Drastik der Verletzung und der Angst gesellt sich oftmals die Drastik der Entgegnung, der Reaktion. Die Drastik des Zurückdrohens, Zurückdrängens, Zurückschlagens, In-die-Flucht-Schlagens. Fight Fire With Fire. Ob mit erhobener Faust oder Karate, mit Äxten oder Pfeil und Bogen, mit Handfeuerwaffen oder großer Artillerie, mit Laserschwertern oder Superhelden-Kräften. Ob mit einer Fünf-Punkte-Pressur-Herzexplosions-Technik (Kill Bill), Tritten (Death Proof), Messern (Inglorious Basterds) oder Dynamit (Django Unchained). Die dunklen Kräfte werden angeschrien, angebellt, angegrowlt oder angekrächtzt, werden weggerifft oder weggeblastet, werden zur Ordnung gerufen, bekommen einen kräftigen Arschtritt oder werden verlacht.


26 Einfach nur wütend

Diese Drastik der Reaktion kann so weit gehen, dass die Drastik der Verletzung entweder gar nicht erst vorkommt oder zumindest stark verblasst. Die Hass-Routine der Milchgesichter, für die NY-Hardcore oder Aggro-Rap nicht mehr ist als ein Freizeitsport. Wir kennen auch die wütenden Bands, die auf der ersten Platte noch die Ungerechtigkeit der Welt anprangern, und auf zehn weiteren Platten verzweifelt auf der Suche nach Gründen sind, weiter wütend bleiben zu dürfen. Meistens geht es dann nur noch um das Elend des Wütende-Band-Daseins selbst. Drastik als etabliertes Verkaufsmodell einer Adrenalin-Ausschüttungsmaschine.


27 Harmonie als Strategie
Umgekehrt ist es keineswegs notwendig, dass auf die Drastik der Verletzung eine Drastik der Entgegnung folgt. Man kann dem Feind auch mit Licht antworten, mit Argumenten und in der Hoffnung auf die Kraft des besseren Arguments. Man kann das Furchtbare mit Liebe umgarnen, es anlächeln, wegküssen oder wegatmen. Man kann ihm mit List entgegentreten, mit dem Ziel, es zu verwirren, umzustimmen oder zu entzaubern. Das Monströse wird zudem oftmals gerade nicht im Schlachtengetümmel deutlich, sondern im Kontrast der Mittel, der aus der Differenz der Zwecke folgt. Eine Entgegnung auf Drastik liegt eben auch im »schönen Lied«, wie es etwa Degenhardt in seiner leider kurzen genialen Frühphase singt, und wie es etwa unzählige Bands im Post-Punk bis heute vortragen.


28 Blut, das nicht vergossen wird

Im echten Leben ist es oft die größere Leistung, sich nicht in der Wut einzuigeln, weiter zu argumentieren, an Demokratie und Rechtsstaat festzuhalten, empathisch zu bleiben, nicht-konsensuale Macht, also Gewalt, nur sehr dosiert einzusetzen. Viele Kämpfe lassen sich im Übrigen auch nur so gewinnen. In diesem Sinn bietet all die Drastik der Mittel - etwa des Horror oder des Metal - ohne Zweifel einen Raum für Gefechte und Schlachten, die im echten Leben so nicht mehr geschlagen werden müssen. Kunst als Fight Club, als Voodoo oder Katharsis.


29 Eine Art Stillegung
Dabei müssen wir jedoch aufpassen, dass drastische Kunst in diesem Sinne nicht zu einem Akt der Stilllegung wird. Die Kämpfe werden in den fiktionalen Raum ausgelagert, um sie im sonstigen Leben nicht austragen zu müssen. Die Wut wird eingehegt in Theater, Literatur oder Film, im Rollenspiel oder im Club, um ansonsten umso besser zu funktionieren. Eine Kunst der Drastik in diesem Sinn würde eine Politik der Drastik ersetzen. Nach dem Spiel die Anzüge schnell wieder an.


30 Den Drachen besiegen
An dieser Problematik wird am Ende eben nochmals deutlich, dass es sich bei einer Politik der Drastik gerade an ihrer ästhetischen Schnittstelle um ein komplexes, multi-funktionales Unterfangen handelt. Als Kunde von den Verletzungen und Gefahren des realen Lebens ist sie im Kern das Gegenteil von Kunst (miss-)verstanden als fiktionales Spiel. Als Drastik der Reaktion führt uns die Kunst der Drastik lediglich eine Gruppe möglicher Entgegnungen vor, die uns Techniken lehren können, den Drachen zu besiegen, auch Energie und Mut übertragen können in unsere realen Auseinandersetzungen, die uns aber eben auch ein fiktionales Feld der aggressiven Reaktion eröffnet, um sie ab- und nicht umzuleiten - im Sinne besserer, auch effektiverer Antworten in realen Konflikten. In beiden Hinsichten kann die Drastik der Reaktion eine aufklärerische Funktion wahrnehmen, sie kann aber auch fürchterlich reaktionär sein. 



Diesen Artikel kommentieren »

 


 
Martin Saar
Zu viel
Drastik und Affekt
 
Sighard Neckel
Zukunft der Vergangenheit
Zur Refeudalisierung der modernen Gesellschaft
 
Peter Siller
Was heißt Inklusion?
Zur Orientierungskraft eines klärungsbedürftigen Begriffs
 
Owen Jones
Alle lachten
Von der neuen Stigmatisierung der Arbeiterklasse
 
Nicklas Baschek
Fleshback
Steven Soderberghs Heldinnen und der Feminismus nach der Versöhnung
 
Diedrich Diederichsen
Der Imperativ des Authentischen
»Erfinde Dich halt- und bodenlos neu und verkörpere das so, als wäre das immer schon Deine Natur gewesen!«
 
Ludger Schwarte
Die Stadt, eine Volksversammlung
Architektonische Bedingungen freien Handelns
 
Francisco J. Varela †
Intime Distanzen
Fragmente einer Phänomenologie der Organtransplantation
 
Peter Siller
Der letzte Film
Gibt es ein Leben vor dem Tod? Herk Harveys Carnival of Souls
 
Steven Lukes
Das Ende des Fortschritts?
Vom Sinn der Fortschrittsidee
 
Petra Hauffe/Judith Karcher
Stillstand ist der Tod
Worauf beruht das Postulat des steten Wachstums?
 
Kai Dröge/Sighard Neckel
Leistungsbilanzen
Ein Deutungsmuster verflüchtigt sich – und bleibt umkämpft
 
Ralph Obermauer
Minderleister der Legitimation
Die rätselhafte Kraft der Leistungsrede
 
Peter Siller
Ohne Input kein Output
Eine Inspektion unserer Demokratie
 
Christoph Möllers
Vom Leiden an der Demokratie
Einige Irrtümer im Umgang mit demokratischen Ordnungen
 
Claus Leggewie, Harald Welzer
Anpassung an das Unvermeidliche?
Klimawandel als kulturelles Problem
 
Jürgen Trittin
Ökologischer Materialismus
Wie die Natur politisch wird
 
Georg W. Bertram
Was uns aneinander bindet
Das komplexe Netz freundschaftlicher Beziehungen
 
Axel Honneth
Arbeit und Anerkennung
Versuch einer Neubestimmung
 
Steffen Sigmund
Am Kap der guten Hoffnung
Das religiöse Feld als Bühne gesellschaftlicher Konflikte
 
Luc Boltanski
Leben als Projekt
Prekarität in der schönen neuen Netzwerkwelt
 
Peter Siller/Arnd Pollmann
Anstiftung zum Uncoolsein
Warum Politisierung Not tut


nach oben