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Was uns aneinander bindet

Das komplexe Netz freundschaftlicher Beziehungen


Freundschaft ist ein Verhältnis sozialen Gebundenseins schlechthin. Anders als familiäre Beziehungen, aber auch anders als Formen des Verbundenseins qua gemeinsamer Tätigkeit in einem Betrieb, qua Mitgliedschaft in einem Ruderclub oder qua Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft ist die Freundschaft ein genuin soziales Verhältnis. Das heißt nicht, dass die genannten Verhältnisse nicht auch von freundschaftlichen Momenten durchsetzt sind. Dennoch kann man an Freundschaften in besonderer Weise begreifen, wie ein bloßes soziales Gebundensein beschaffen ist.

Vielleicht sollte man es so machen wie Sartre. Man sollte sich die Frage stellen, wie Freunde eigentlich in unser Leben treten. Dies geschieht nicht im Park, wo bei Sartre der andere auftritt, oder im Treppenhaus, wo ich mich bereits beim bloßen Vernehmen der Schritte eines anderen ertappt fühle. Freunde lernt man eher auf der Party kennen oder im Jugendclub oder auf dem Dorfplatz. Der Freund ist der, der an solchen Orten in unser Leben tritt und dieses Leben irgendwie transformiert. Eine entsprechende Transformation kann man vielleicht dadurch beleuchten, dass man fragt, was es heißt, mit jemandem befreundet sein zu wollen. Es heißt unter anderem, dass man sich freut, diejenige, die ein solcher Gegenstand unseres Wollens ist, wieder zu treffen, dass man ihre Nähe sucht. Man will wissen, was sie denkt, freut sich am Klang ihrer Stimme oder am Funkeln ihrer Augen. Wenn sie den Wunsch äußert, gemeinsam auf den Fußballplatz zu gehen oder ins Konzert, so wird man einiges unternehmen, um dem Wunsch zu folgen, auch wenn man sich von sich aus vielleicht sträubt, auch wenn man vielleicht Konzerte und die entsprechenden sozialen Verhaltensweisen eher unpassend für sich findet.

Die Freundschaft beginnt oftmals in einer chronologischen Weise mit der Erfahrung affektiven Gebundenseins. Die Freundin ist die, die man einfach so mag, zu der man sich irgendwie hingezogen fühlt, für die in einer sehr grundlegenden Weise das Herz schlägt. Man kann so versucht sein, auch begrifflich das affektive Gebundensein als Kern der Freundschaft, als Kern des echten sozialen Gebundenseins zu begreifen. Eine entsprechende begriffliche Versuchung kann sich unter anderem an Erläuterungen von Emmanuel Lévinas und Harry Frankfurt orientieren. Lévinas behauptet, das soziale Gebundensein beginne damit, einen anderen als Anspruch zu erfahren. Der Anspruch des anderen, der sich in einem Blick äußeren kann oder damit, dass man angesprochen wird, ist demnach das Urmoment von Sozialität. Lévinas erläutert dieses Moment unter anderem dadurch, dass er die Individualität des anderen ins Spiel bringt. Es ist die Individualität eines anderen, die uns bindet. In durchaus verwandter Weise hat in ganz anderen theoretischen Zusammenhängen und in einer anderen philosophischen Sprache Harry Frankfurt das affektive Urmoment des Sozialen zu erläutern gesucht. Er bezeichnet dieses affektive Moment nicht mit dem Begriff des Anspruchs, sondern mit dem der Liebe. Auch in seiner Erläuterung kommt die spezifische Individualität eines anderen ins Spiel. Es ist diese Individualität, die uns affektiv bindet, die uns nach Frankfurt Gründe gibt, das zu tun, was wir tun.

Reitplatz oder Antiglobalisierungskampagne?

Nun wird man allerdings vielfach die Erfahrung machen können, dass es mit der Freundschaft nicht so einfach ist. Die bloße Erfahrung des affektiven Angesprochenwerdens, die sich in einem affektiven Gebundensein niederschlägt, reicht nicht aus. Es kann ja durchaus vorkommen, dass derjenige, auf den man entsprechend reagiert, von dieser Reaktion nichts wissen will, dass er abweisend ist oder gleichgültig. Auch wenn es selten vorkommen mag, dass das affektive Grundmoment, mit dem wir diesem anderen gegenübertreten, davon unberührt bleibt: Was auf diese Weise zustande kommt, werden wir nicht Freundschaft nennen. Und ich denke auch, dass wir das, was auf diese Weise zustande kommt, nicht als soziales Gebundensein begreifen können. Wenn wir mit jemandem befreundet sein wollen, kommt es uns darauf an, ihn tatsächlich zuweilen zu treffen, sich mit ihm auszutauschen, sich wechselseitig hilfreich zu sein, sich miteinander im Gespräch auszutauschen oder was auch immer. Zur Freundschaft gehört wesentlich, dass sich eine Praxis entwickelt, in der man gemeinsam engagiert ist. Dafür dass eine solche Praxis zustande kommt, ist es wiederum wichtig, irgendwelche Dinge zu finden, die man zusammen machen möchte.

Um diesen Aspekt zu klären, mag es hilfreich sein, die Vorstellungskraft ein wenig zu aktivieren, sofern die eigene Erfahrung nicht entsprechende Beispiele beizusteuern vermag. Stellen wir uns also vor, dass zwei sich als affektiv aufeinander bezogen erleben. Sie treffen sich im Jugendclub und freuen sich immer, sich dort wieder zu sehen. Bald aber stellen sie fest, dass es mit der jeweils anderen nicht ganz so einfach ist. Die eine will immer ins Ballett oder auf den Reitplatz. Die andere will zu linksautonomen Gruppierungen oder zu Antiglobalisierungskampagnen. Da sie rasch feststellen, dass sie bei solchen Hauptbeschäftigungen der jeweils anderen fehl am Platz sind, versuchen sie etwas anderes. Sie gehen Billard spielen oder ins Kino. Aber sie stellen fest, dass sie nicht die Kinofilme mögen, die die andere mag. Und wenn sie doch einmal einen finden, bei dem es für beide klappt, dann führt schon das erste Wort nach dem Film zu großen Irritationen. »So kann man das doch nicht sehen«, sagt die eine auf das hin, was die andere sagt. Mit jedem Klärungsversuch steigert sich das Erstaunen noch. Wenn wir uns vorstellen, dass unsere Protagonistinnen ein vorsichtiges Temperament haben, dann werden sie vielleicht nicht allzu harsch ihr Unverständnis den Worten der anderen gegenüber artikulieren. Still aber werden sie sicherlich denken, was denn das für eine ist.

Die kleine Überlegung zeigt meines Erachtens, dass die freundschaftliche Praxis Gemeinsamkeiten braucht. Damit ist nicht gesagt, wie diese Gemeinsamkeiten beschaffen sein müssen, um als solche zu funktionieren. Je nachdem, wie eine entsprechende Freundschaft angelegt ist, können es sehr unterschiedliche Dimensionen von Gemeinsamkeit sein: eine Gemeinsamkeit im Hobby, in der politischen Überzeugung, in der Zielstrebigkeit im Verfolgen eigener Pläne oder vielleicht auch in der Boshaftigkeit des Miteinander-Redens. In solch unterschiedlichen Formen ist das Zustandekommen einer Freundschaft damit verbunden, dass einer sich im anderen erkennt. Es scheint mir richtig, ein solches wechselseitiges Sich-im-Anderen-Erkennen als ein rudimentäres Anerkennungsverhältnis zu fassen. In der gemeinschaftlichen Praxis wird die Freundin als ihresgleichen anerkannt. Sie macht Dinge, die einem wichtig sind, so, wie man sie auch machen würde bzw. wie man sie auch gerne könnte, verhält sich so, wie man es für richtig hält. Ein solches Anerkennungsverhältnis kann sich, so kann man unter anderem im Sinne der Aristotelischen Überlegungen zur philia (freundschaftlichen Liebe) sagen, nicht einfach ad hoc etablieren. Es bedarf der Stabilität bzw. Stabilisierung von Formen gemeinschaftlichen Tuns. In diesem Sinn gehört es zur Freundschaft, dass man der anderen Zeit widmet und sich in der gemeinschaftlichen Praxis kennen zu lernen sucht. Eine solche gemeinschaftliche Praxis ist aber nicht einfach ein Raum der Interaktion. Es handelt sich, so kann man wiederum über Aristoteles hinaus von Hegel her sagen, um einen Raum, der von normativen Standards geprägt ist. Worin auch immer Freunde das Gemeinschaftliche ihrer Praxis finden: Dass eine sich in der anderen erkennt, basiert darauf, dass beide sich an bestimmten Standards orientieren, die sie teilen. Sie nehmen sich in ähnlicher Weise in den Arm, wenn sie sich treffen oder beteiligen sich in ähnlicher Weise mannschaftsdienlich am Spiel der Fußballmannschaft, in der sie gemeinsam stehen. Ohne die Partizipation an normativ standardisierten Räumen der Gemeinschaftlichkeit kann eine Freundschaft sich nicht ausbilden, da sie sich nur innerhalb solcher Räume als Praxis zu entwickeln und zu stabilisieren vermag.

Gemeinschaftlichkeit und Individualität

So kommen in einer Freundschaft, wie ich sie bislang betrachtet habe, zwei Dimensionen zusammen. Einerseits beruht eine Freundschaft auf der Erfahrung affektiven Gebundenseins an einen anderen. Andererseits beruht sie darauf, dass sich mit diesem anderen eine gemeinschaftliche Praxis in einem von normativen Standards geprägten Raum entwickelt. Diese beiden Dimensionen stehen allerdings in einem gewissen Widerspruch zueinander. Dieser Widerspruch schlägt sich unter anderem darin nieder, dass das Moment der Individualität in der Erläuterung der sich stabilisierenden Praxis mehr oder weniger verschwunden ist bzw. zu sein scheint. Wenn man sich an normativen Standards orientiert, die für eine bestimmte Praxis gelten, macht man nichts Individuelles. Wie ist dies damit vereinbar, dass man sich durch die Individualität der anderen affektiv gebunden erfährt? Es ist, so muss man sagen, durchaus vereinbar. Die normativen Standards in einer Praxis darf man sich ja nicht wie Naturgesetze vorstellen, die alle Individualität eliminieren. Die normativen Standards beim Ballett sind immer mit individuellen Realisierungen verbunden. Auch wenn die unterschiedlichen Positionen festgelegt sind, realisiert die eine sie eher grazil, die andere eher expressiv. In solchen Unterschieden liegt nicht unbedingt eine Verletzung von Standards vor, sondern oftmals das, was man an der jeweils spezifischen Partizipation an der gemeinschaftlichen Praxis schätzt. Das kommt unter anderem dadurch zum Ausdruck, dass man die andere in ihrer expressiven Art, die einzelnen Positionen zu tanzen, zu vermissen vermag.

Die Entwicklung einer Freundschaft in einer gemeinschaftlichen Praxis kann in dieser Weise durchaus individuelle Momente beinhalten. Und mehr noch: Sie muss solche Momente beinhalten, da man diese Momente genau als das begreifen kann, was einen in der Praxis verbindet. Die normativen Standards einer Praxis schweben ja nicht einfach über derselben. Sie beruhen darauf, dass sie in der Praxis fortgesetzt werden. Eine solche Fortsetzung nun ist immer damit verbunden, dass man an ein bestimmtes individuelles Tun anknüpft. Man tanzt die Positionen so, wie der Ballettlehrer sie vortanzt, oder tanzt sie so, wie die Freundin sie vortanzt. Was es heißt, dass man sich an das Tun des anderen gebunden sieht, kann man nun genau so verstehen, dass darin ein grundlegendes affektives Gebundensein an den anderen wirksam ist. Wäre die andere einem ganz egal: Warum sollte man sich dann Mühe geben, es so zu machen wie sie? Die beiden Dimensionen, die ich bislang unterschieden habe, greifen also ineinander: Die gemeinschaftliche Praxis realisiert sich als eine Praxis, in der normative Standards ausgebildet sind, dadurch, dass einzelne sich an das bestimmte Tun von anderen gebunden erfahren. Und die Erfahrung des affektiven Gebundenseins kann sich nur dann als Basis einer Freundschaft realisieren, wenn sie mit der Etablierung einer gemeinschaftlichen Praxis verbunden ist.

Anerkennung im Konflikt

Nun muss man allerdings sagen, dass hier bislang ein allzu harmonisches Bild von Freundschaft gezeichnet wird. Wir machen ja vielfach die Erfahrung, dass das Individuelle des Einzelnen und das normativ Gemeinschaftliche von mehreren nicht einfach reibungslos ineinander aufgehen. Aus dieser Erfahrung müssen wir meines Erachtens Sinn machen. Es kann ja sein, dass Hans grundsätzlich die expressiven Bewegungen von Karl schätzt, aber dass es ihm damit an einem bestimmten Punkt doch zu weit geht. Er sagt dann zum Beispiel, dass es einfach falsch sei, was Karl macht. Das wiederum bringt Karl auf die Palme. »Willst Du mir sagen, wie man richtig tanzt?«, bäfft er zurück. »Du verstehst einfach nicht, was ich mache. Das ist nicht falsch, sondern anders.« Und so weiter und so fort. Wir können uns vorstellen, dass im weiteren Verlauf des Dialogs die Frage aufgeworfen wird, ob das, was geschieht, damit vereinbar sei, respektvoll miteinander umzugehen. Und wenn es noch weiter geht, können wir uns auch vorstellen, dass die Frage ins Spiel kommt, ob man so eigentlich miteinander umgeht, wenn man miteinander befreundet ist.
In einer entsprechenden Interaktion scheint mir etwas Entscheidendes in Bezug auf Freundschaften im Besonderen und das soziale Gebundensein im Allgemeinen zutage zu treten. Für Freundschaften ist es wesentlich, dass man zu artikulieren vermag, sich in seiner Individualität nicht anerkannt zu sehen. Das beginnt mit der knappen Auskunft »So kannst Du mit mir nicht umgehen« und kann unterschiedlich feinkörnige Formen des Insistierens auf eigenen Handlungen oder Sprechweisen annehmen. All solche Formen der Artikulation der Individualität können wir so begreifen, dass sie Anerkennung einklagen. Sie sind ihrerseits mit Formen der Artikulation verbunden, die ein entsprechendes Einklagen als unangemessen charakterisieren, die es als übertrieben ausweisen oder als eine fixe Idee.

Es scheint mir im Sinne der skizzierten Interaktionen charakteristisch für Freundschaften zu sein, dass es Konflikte in Bezug auf die Anerkennungsverhältnisse und insbesondere in Bezug auf die Anerkennung der Individualität Einzelner zu geben vermag. Solche Konflikte wiederum sind ihrerseits damit verbunden, dass die Artikulationen Einzelner Anerkennung finden. Mit ihnen wird das Anerkennungsgeschehen reflexiv. Und mit der Reflexivität kommt eine besondere Dimension der Individualität der Beteiligten ins Spiel. In den Aristotelischen Analysen zur philia heißt es lapidar, dass Freunde sich aneinander gewöhnen müssen. Eine solche Gewöhnung ist aber nicht bloß eine Funktion der Zeit, die man miteinander verbracht hat, und der Standards, die man teilt. Sie bedarf vielmehr auch der Konflikte, die man miteinander austrägt und in denen die Verhältnisse wechselseitiger Anerkennung in irgendeiner Weise abgesteckt werden. Dabei geht es unter anderem darum, die eigene Individualität nicht in der Freundschaft zu verlieren, sondern sie in der Freundschaft dadurch zu gewinnen, dass der andere ihr in bestimmten Formen Anerkennung schenkt. Eine Freundschaft ist damit verbunden, den anderen immer wieder auch in Praktiken anzuerkennen, in denen er das freundschaftliche Verhältnis oder die darin erfahrene Anerkennung problematisiert. Gerade in dieser Anerkennung, in der Anerkennung konflikthafter Artikulationen, steckt ein besonderes Moment. Es handelt sich darum, dass die Freunde wechselseitig Freiheit gewinnen. Wenn man bedenkt, was hier zur Sprache kommt, kommt man nicht umhin, etwas emphatischer zu werden: Die Freunde schenken sich Freiheit in der Art und Weise, wie sie sich wechselseitig zugestehen, in einer für den anderen ganz unabsehbaren Art und Weise das gemeinschaftliche Geschehen und die Stellung des einen und des anderen darin zu reflektieren. Hier gewinnt die Individualität des Einzelnen ein ganz neues Moment. Sie besteht nicht nur in den partikularen Prägungen, Interessen, Fähigkeiten und anderem, was der eine oder andere als charakteristisch für sich begreift. Sie besteht hier darin, für den anderen unabsehbar zu werden und genau darin anerkannt zu sein.

Bindung – Anerkennung – Reflexion

In freundschaftlichen Beziehungen spielen so drei Dimensionen zusammen, die man trennen muss, um die komplexe Konstitution von Freundschaften im Besonderen und sozialen Bindungen im Allgemeinen zu begreifen. Es handelt sich erstens um die Dimension der affektiven Bindung, zweitens um die Dimension der wechselseitigen Anerkennung in einer gemeinschaftlichen Praxis und drittens um die Dimension der Reflexion des wechselseitigen Anerkennungsverhältnisses als eines solchen, innerhalb dessen unter anderem die Individualität der Beteiligten unter die Räder zu kommen vermag. Man lernt aus einem solchen komplexen Begriff, dass Freundschaften sich weder in affektiven Bindungen noch in einer symmetrisch konstituierten Anerkennungssphäre (der Privatheit) erschöpfen. Zur Freundschaft als einem Verhältnis sozialen Gebundenseins schlechthin gehört irreduzibel, das Vermögen Konflikte austragen zu können. Zweifelsohne ist es häufig so, dass entsprechende Konfliktpraktiken in vielen Freundschaften nicht sehr tiefgreifend ausgebildet sind. Immer wieder vertragen Freundschaften eine intensivere Ausbildung solcher Praktiken nach unserem Verständnis gar nicht. Daraus folgt jedoch nicht, dass diese Praktiken nicht grundsätzlich zur Konstitution einer Freundschaft, zur wechselseitigen Gewöhnung an die jeweilige Individualität des anderen gehören. Es ist ein Aspekt einer Freundschaft selbst, in einem unterschiedlichen Maß auf die Individualität der Beteiligten hin angelegt zu sein. Jede Freundschaft ist damit verbunden, dass das für sie richtige Maß an Reflexion, zum Beispiel der Anerkennung von Individualität, ausgelotet wird, sei es explizit oder implizit. Gerade von diesem letzten Aspekt her wird, so meine ich, verständlich, dass hier nicht nur von Freundschaften die Rede ist, sondern insgesamt von dem, was uns aneinander bindet. Immer spielen in sozialen Bindungen die Erfahrung affektiven Gebundenseins, die gemeinschaftliche Praxis und bestimmte Praktiken der Reflexion der Anerkennungsverhältnisse ineinander. Gerade der letzte Aspekt von Freundschaften, den ich benannt habe, ist dabei für das Nachdenken über Sozialität insgesamt lehrreich: Die Normen sozialen Gebundenseins, hinsichtlich derer wir defekte soziale Verhältnisse zu kritisieren vermögen, lassen sich nicht von außen an solche Verhältnisse herantragen. Sie konstituieren sich in dem Prozess der konflikthaften Anerkennungspraktiken, die in bestimmten sozialen Verhältnissen im Spiel sind. Es wäre ja absurd, einer Freundin zu sagen: »Unsere Freundschaft wird dem Ideal nicht gerecht, dass man sich immer alles sagen muss.« Viel verständlicher ist es doch, wenn man sagt: »Ich möchte gerne mit Dir so befreundet sein, dass wir uns immer alles sagen können.«



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