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Steven Soderberghs Heldinnen und der Feminismus nach der Versöhnung


Sasha Grey und Gina Carano, die ehemalige Pornodarstellerin und die ehemalige Kampfsportlerin, haben von Steven Soderbergh jüngst eigene Filme auf den Leib geschrieben bekommen (»The Girlfriend Experience« und »Haywire«). Nachdem beide ihre alten Jobs an den Nagel gehängt haben, sind sie von den verruchten Rändern der Popkultur zu Stars des Mainstreams geworden. Und beide Figuren taugen zu Role Models eines neuen feministischen Selbstbewusstseins, das in fremdem Terrain dem Machismo die Grenzen aufzeigt. Dies jedoch auf unterschiedlichen Wegen und mit scheinbar konträren Mechanismen: Während Sasha Grey geradezu prototypisch die Erwartungen einer offen sexistisch-degradierenden Welt erfüllt – jung, attraktiv und sexuell immer zu allem bereit – scheint Gina Carano das genaue Gegenteil zu sein. Ihre Profession war der härteste Vollkontaktkampfsport der Welt, eine Mischung aus Kickboxen, Ringen und Brazilian Jiu- Jitsu. Carano verdiente ihr Geld in einem Beruf, der eine aggressive Hypermaskulinität ausstellt, von der Muskelschau bis zum Recht des Stärkeren. Mädchen machen das nicht und die Jungs haben sich nichts gefallen zu lassen. So die Logik.

Sasha Grey
Erstaunlich an Sasha Greys Erfolg ist zunächst das Interesse des Feuilletons an ihr. Sie hat Videos gedreht mit The Roots und Eminem, Modell gestanden für Terry Richardson, eigene Musik zwischen Industrial und Ambient unter dem Namen aTelecine veröffentlicht und Interviews für Qualitätszeitungen weltweit gegeben. Dabei, so scheint es, unterscheidet sich der gängige Sasha- Grey-Porno kaum von den anderen großen Produktionen: Sex als Hochleistungssport eben samt dem steten Hinarbeiten auf den »Moneyshot«. So weit, so vorhersehbar. Ihre dunklen Haare, die natürlichen Brüste und das eher düstere Makeup unterscheiden sie zwar ein stückweit von der omnipräsenten künstlich-blonden Prolligkeit, aber freilich gereicht auch das allein nicht zu jener Distinktion, die sie für den Kulturbetrieb so interessant macht.

Einen besseren Eindruck bekommt, wer Sasha Grey in der Dokumentation 9to5 – Days in Porn von Jens Hoffmann erlebt. Zwischen den Angeschlagenen, den Strauchelnden und den Sadisten wie Otto Bauer, der seine erschreckend devote Frau Audrey Hollander vor laufender Kamera und unwidersprochen demütigt, wirken Greys Statements wie die Quintessenz des gesamten Filmprojekts. In ihnen kommt die Ambivalenz vollends zum Vorschein. Hier macht sie, die (damalige) Einsteigerin, deutlich, dass es freilich in dieser Branche von Missbrauchten, Gedemütigten, vom Selbstwertgefühl verlassenen Drogen- wie Ruhmsüchtigen wimmelt, aber dies eben nur ein Teil der Wahrheit ist. Worauf sie besteht, ist, dass es sehr wohl Menschen geben kann, die diesem Beruf anderes, mehr abgewinnen können und ihn nicht allein aus einem Mangel heraus ausüben müssen.

Ein deutscher Interviewer brachte dies einmal mit den naiv klingenden Worten auf den Punkt, dass man in einer Szene mit drei, vier Männern dennoch nie Angst um Sasha Grey habe. Im Gegenteil, es sind diese Männer, muskelbepackt, so um Dominanz bemüht, die dort instrumentalisiert werden von Sasha Grey, dem echten Star. Zu dem Eindruck, dass ihr zudem nicht die intellektuelle Weitsicht fehlt, tragen Statements bei, in denen sie nebenher Sartre zitiert und die eigene Rolle in dem Spiel smart zu zerdenken weiß. Sasha Grey ist so etwas wie die charismatische Herrscherin, die, halb durch den Extremismus ihres Berufs und halb durch die Zurschaustellung ihrer Tiefsinnigkeit, eine Aura der Unnahbarkeit umgibt. Keine Spur von falschem Bewusstsein.

Und tatsächlich, wer die Kunstfigur Sasha Grey mit ihren Brüchen und Inszenierungen ernst nimmt, der sieht auch in ihren alten Entblößungen, in denen sie zurückgeworfen ist auf ihre Körperlichkeit, in denen es keine Option mehr ist, Freud zu zitieren oder die Liebe zu Joy Division herauszuschreien, plötzlich mehr: Dann tritt Sasha Grey auf wie eine schwerlich zu bändigende Gewalt, die durch die vehemente Überbestätigung all der patriarchal-heteronormativen Stereotype zur Verkehrung desselben kommt. Dann ist sie es nämlich, die all ihre männlichen Kollegen reduziert auf nichts anderes als deren Geschlechtsteile. Hier wird Sasha Grey fast zur satirischen Umwertung, erinnert an Bret Easton Ellis' bodenlose Gewaltfantasien, nicht als Opfer, sondern als Zu-Ende-Denkerin der Konsumgesellschaft. Sasha Grey verkörpert die allesfressende Leistungsgesellschaft, eine so konsequente wie giftige Radikalisierung weiblicher wie männlicher Erwartungshaltung. It's better to burn out than to fade away. Die Logik dahinter ist nicht mehr nur, dass Frauen wie sie sein sollen (schön, verdorben und zu allem bereit), sondern auch, dass die sich nähernden Männer (und Frauen) gefügig zu sein haben. Sie müssen Sasha Grey Befriedigung verschaffen – sonst werden sie ersetzt durch die sexuell zu kurz Gekommenen, welche die eigene Potenz auf dem Markt feilbieten und nur darauf warten, irgendwie gebraucht zu werden.

Sasha Grey ist zuletzt ein wohldurchdachter Ausdruck immensen Anforderungsdrucks. Indem sie einfordert, was all die anachronistischen Männlichkeitsdogmen noch immer in die Welt hinaus blöken, ist sie die fleischgewordene Überforderung des männlichen Geschlechts. Sie ist die sexgierige Nymphomanin, die Männer um sie herum verkommen zu Schwänzen auf Beinen. Diese Anrufung macht aus den Steroidbolzen tumbe Sexsklaven.

Gina Carano
So, wie Sasha Grey die Übererfüllung zelebriert, die vom Begehren Besessene in actu verkörpert, so erscheint Gina Carano als die vehemente Zurückweisung all der Klischees von Weiblichkeit: Sie ist nicht schwach, sie ist nicht leise, sie ist nicht Opfer und jedes Hineinfallen in die bloße Passivität wäre in ihrem Fall so jobvernichtend wie gesundheitsgefährdend. So, wie Grey die Getriebene, die Sexsüchtige spielt und dabei eine Selbstzerstörung in Reichweite hält, die sonst so gerne den männlichen Rockstars, den Literaten und den Säufern zugestanden wird, so verkörpert Carano einen Borderline-Feminimus, der dahin geht, wo es wehtut. Die Zeiten scheinen vorüber, wo die Romantik des Exzesses allein den Männern galt.

Selbstverständlich ist etwas dran an dem naheliegenden Einwand, dass Caranos Aussehen ihren Ruhm mitbedingt hat. Zum Gesicht einer ganzen Sportart werden, wie überall, noch immer mehrheitlich die »Schönen«. Aber in gewisser Weise ist auch das eine »freakige« Attraktivität einer Frau, die all die anderen, überaus schönen Männer in »Haywire« verdrischt. Wäre Carano in diesem Film tatsächlich nur eine männliche Sexfantasie, so muss man dieser attestieren, dass sie zum Masochismus neigt. Da bricht sie dem Sexiest Man Alive Channing Tatum bereits in der Anfangsszene den Arm, um im Showdown schließlich den nicht minder attraktiven Ewan McGregor mit zertrümmertem Bein an einem kitschig-romantischen Strand liegen zu lassen – natürlich im Sonnenuntergang. Die Dekonstruktion funktioniert, weil die Destruktion der männlichen Körper mit so viel Wucht vorgeführt wird. Und es ist sexy Michael Fassbender, der, wenige Minuten bevor er von Carano verdroschen wird, halbnackt aus der Dusche steigt. Gegen den Verdacht, all dies sei ja immer noch »nur« die Fantasie eines Mannes, spricht die pure Faktizität: Die professionelle Kämpferin Carano könnte nämlich im »echten Leben« noch viel schneller und überlegener kurzen Prozess machen mit ihren Dressman-Widersachern. Dass Fassbender quasi zufälligerweise kürzlich mit »Shame im Kino lief, einem Film über einen Mann mit selbstvernichtender Sexsucht, gerät dabei zu einer weiteren, brillanten Pointe. Diese Sexsucht ist wie eine heimliche Antwort auf Sasha Greys Anrufung: Der ewig sexellnde Mann geht daran vor die Hunde.

Die beste Szene jedoch, die auf engem Raum mit Köpfchen und Humor eine schlicht saucoole Frau feiert, findet zwischen Fassbender und Carano im gemeinsamen Hotezimmer statt. Nachdem er die Tür schließt, fällt Fassbender in seiner Rolle als Paul über Caranos Mallory Kane her, wie als Kommentar auf die Beziehungsdramen hinter geschlossener Tür, in angeblicher Privatheit. Kane jedoch, im Abendkleid, gewinnt schnell die Oberhand, bis der Kampf sich schließlich ins Schlafzimmer verlagert, in das sie ihn mit einem Tritt befördert. Paul bekommt kurz Oberwasser, liegt plötzlich auf dem Bett über ihr, nur um Sekunden später in dieser Pose nach Luft zu schnappen, in einem Würgegriff zwischen ihren Schenkeln gefangen, sein Gesicht direkt über ihrer Scham. Er schnappt nach Luft, läuft rot an, verliert schließlich das Bewusstsein. Sie macht kurzen Prozess. Hier kommt die augenzwinkernde Militanz der Figur wunderbar zum Vorschein. Hier wird eine Heroine in Szene gesetzt, die unsere Töchter endlich so verdirbt wie all die Rambos und die Dirty Harrys unsere Söhne verdorben haben.

Männer_Frauen
Was bleibt, was verbindet beide Formen in ihrer emanzipatorischen Haltung? Womöglich ist es zuletzt die ungemein simple Wirkung auf das männliche Geschlecht. Dieses nämlich wird von der Angst gepackt. Einer Angst, diesen Frauen und diesem Erwartungsdruck nicht gewachsen zu sein. Die schnöde Erzählung vom »echten Kerl« stellt die meisten Männer vor ziemliche Probleme. Sasha Grey und Gina Carano fordern die Männlichkeit auf's Letzte heraus. Und beide zielen dabei direkt auf die Symbole angeblicher Männlichkeit: Carano auf Bizeps und Faustballen, Sasha Grey zwischen die Beine. Das geschieht nach dem Motto: Was Du kannst, kann ich schon lange, was Du willst, will ich auch. Hierdurch wird die Zuschreibung klassisch »männlicher« und klassisch »weiblicher« Handlungen und Bedürfnisse fundamental in Zweifel gezogen. Wie auch all die Laster, die da aus uns herauskommen.

Auch der Feminismus fordert Opfer, schießt über das Ziel hinaus und lässt manchmal die Legitimation vermissen, so muss man das verstehen. Dieser Mut zur Zuspitzung zeichnet jede Autonomie überhaupt erst aus. Dies sah irgendwann noch anders aus, nach 1968, als das militante Rape-and-Revenge-Kino einige Lieblingsfilme Quentin Tarantinos hervorbrachte. Immer wieder ziehen darin geknechtete und missbrauchte Frauen in den Kampf und wehren sich mit aller Brutalität gegen das Erlittene. Das ist eine erstaunliche Umdeutung: Das Machismo- und Selbstjustizkino eines Charles Bronson schlägt zurück, nicht mehr die starken Männer beschützen die schwache Frau, sondern diese selbst kämpft für ihre Dominanz – ohne Stellvertreter. Die Unterschiede verschwimmen, indem beide gleich stumpf auf Rache sinnen.

Im Falle Carano und Grey ist jedoch längst eine neue Rolle daraus geworden: Denn es fehlt in ihrer Inszenierung die erste Ursache, die erste Vergewaltigung, die erste Unterdrückung, die aus den Schwachen die Halbstarken macht. Und diese neue Rolle erst ist echte Souveränität. Eine Souveränität nämlich, die nicht mehr erst aus der ursprünglichen Passivität als Reaktion eine neue Aktivität werden lässt. Die Idee, erst erlebtes Unrecht könne einen solchen irgendwie angeschlagenen Menschen zurücklassen, der anderes täte, wenn es ihm besser ergangen wäre, weist Sasha Grey als Unterstellung zurück. Und tatsächlich läuft diese Vorstellung Gefahr, selbst untergründig repressiv zu sein. Damit nämlich wird insgesamt bestritten, dass ein Mensch (hier vor allem: eine Frau) sich tatsächlich aus freien Stücken und ohne gestört, krank oder untergründig versehrt zu sein, sich zu einem solchen Leben entschließen könnte. Dann ist man argumentativ in einem Feminismus angekommen, der seit den Alice-Schwarzer-Zeiten nichts mehr dazugelernt hat. Das ist dann intellektuell nur noch vergilbte EMMA, just so, als habe es Judith Butler nie gegeben.

Womöglich ist denn auch genau das der Weg, um Emanzipation nach der Euphorie zu denken: als unterschiedslose Möglichkeit zur »Archaik«, für alle. Als Absage an die allesklärende Vernunft.


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