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polar #3: Religion und Kritik



EDITORIAL

 

Peter Siller, Bertram Keller

Editorial


Liebe Leserin, Lieber Leser,

In den Achtzigern war sie noch umkämpft, in den Neunzigern irgendwie egal, und jetzt ist sie wieder da: die Religion. Mit Sicherheit das Comeback der letzten Jahre. Gerade in der neuen Bürgerlichkeit haben religiöse Bekenntnisse wieder Hochkonjunktur und Intellektuelle, die gerade noch in der Beliebigkeit der Berliner Mitte zu Hause waren, suchen ihr Seelenheil in Roms lateinischen Liturgien. Für die »Neugläubigen« ist Religion ebenso selbstverständlich wie für die »Neureichen« Villa und Sportwagen. Doch selbst für den Religiösen ist der Zweifel Ausweis für die Ernsthaftigkeit des Glaubens. Ganz zu schweigen von denjenigen, die nicht mehr an Gott glauben wollen oder können.

Die »neue« Religiosität bleibt dabei keine Privatsache, sondern besetzt auch eine neue Öffentlichkeit in ambivalenter Weise. Das Gefühl ökonomischer und terroristischer Bedrohung scheint nicht nur ein soziales, sondern auch ein neues transzendentes Sicherheitsbegehren hervorzubringen. Religion wird so nach innen affirmativ als Stabilisator und Gemeinschaftsspender herangezogen und nach außen distinktiv mit Bedrohungsszenarien verbunden.

Zu Beginn blickt polar empirisch auf das »religiöse Feld« (S. 7). Was sagen die harten Fakten (S. 13)? Kehren die Religionen wirklich zurück oder schreitet die Säkularisierung weiter voran (S. 24)? Was gilt für einzelne Gesellschaften und Milieus? Oder werden die monotheistischen Religionen nicht zunehmend abgelöst durch einen individualistischen Mix aus religiösen Versatzstücken und Esoterik? Der öffentliche Umgang mit Religion hängt mit der ökonomischen und kulturellen Lage einer Gesellschaft zusammen. Frankreich und die Türkei bekennen sich aus ganz unterschiedlichen Motiven zur Laizität (S. 29). In Pakistan steht der Islam vor der Eigendynamik eines wachsenden Tourismus (S. 42). Junge Juden suchen innerhalb der modernen Großstadtwelt New Yorks wieder nach authentischer Religiosität (S. 49).

In Deutschland werden öffentliche Bekenntnisse stark mit der sozialen Funktion von Religion begründet. Religion wird angeführt als Vergemeinschaftungsoption, als nicht garantierbare Voraussetzung für den liberalen Rechtsstaat oder als Kitt für die Zivilgesellschaft. Lässt sich dieser Zusammenhang nachweisen? Ist Gott also eine notwenige Erfindung? Oder eben doch nur Opium für das Volk? Selbst die Gläubigen, denen die Frage »Wozu Gott?« (S. 89) eigentlich fremd sein sollte, unterstreichen den Nutzen von Religion gerne mit immer neuen Varianten einer Verfalls- und Atomisierungskritik. Oder sollten sich Solidarität und Liebe nicht besser unmittelbar auf den Menschen beziehen, also immanent gedacht werden? Steht also Gott nur im Weg?

Über gesellschaftliche Entwicklung und Funktion hinaus stellt sich die Frage nach dem Unverfügbaren, dem Zweckfreien, dem vielbeschworenen »Sinn«. Woran glauben? Der Glaube an einen »Schöpfer«, ein »absolutes Wesen« jenseits des Menschen ist heute gesellschaftlich alles andere als selbstverständlich. Der Lautstärke öffentlicher Bekenntnisse steht eine seltsame Sprachlosigkeit über die Gründe des Glaubens entgegen. Dementsprechend findet auch Religionskritik heute selten das nötige Gehör (S. 79). Eine öffentliche Auseinandersetzung über Glauben erfordert Streitbarkeit auch hinsichtlich der »letzten Dinge« und ein hohes Bewusstsein für Toleranz (S. 73). Daran scheitern Missionare ebenso wie Jakobiner.

Was in unserer Gesellschaft fehlt, ist eine offene Kontroverse über die letzten Dinge. An den existentiellen Fragen nach dem Tod und der Liebe kommt niemand vorbei (S. 122). Wer den religiösen Weg nicht gehen will oder kann, muss sich gleichwohl zu diesen Existenzialien verhalten und zu einer Haltung finden. Woran kann sich ein »immanenter Glaube« ausrichten? Wissenschaft? Kunst? Konsum? Ruhm? Dem Anderen? Oder macht die Frage nach Sinn überhaupt keinen?

Für die Redaktion

Peter Siller, Bertram Keller 




QUESTIO

 
Steffen Sigmund
Am Kap der guten Hoffnung
Das religiöse Feld als Bühne gesellschaftlicher Konflikte
 
David Strecker
Modernisierung = Säkularisierung?
Betrachtungen zu einer altbekannten Gleichung
 
Stefan Grotfeld, Stefan Huster
Kontroverse: >Öffentliche Religion<
 
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Alla Turca?
Laizität in Frankreich und der Türkei
 
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Die Heilige und ihre Helden
Eine Marienwallfahrt an der kroatisch-bosnischen Grenze
 
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Allahs Themenpark
Pakistans islamische Utopie des Massentourismus
 
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Im Vorortzug Richtung Brooklyn
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Du darfst nicht .
Shopping in den Funkelwelten des Konsums
 
James D. Ingram, Arnd Pollmann, Roman Schmidt, Peter Siller
Ist es links?: >Aufklärung<
 
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Leben im Kapitalismus: >Sünden, Beichten, Sünden<



DISPUTATION

 
Rainer Forst
Die hohe Kunst der Toleranz
Eine Orientierungshilfe in Zeiten der Religionskämpfe
 
Robin Celikates/Rahel Jaeggi
Die Blumen an der Kette
Acht Thesen zur Religionskritik
 
Petra Bahr
Wiederkehr der Gotik
Die Lust der neuen Bürgerlichkeit am Religiösen
 
Ein Gespräch mit Hans Joas, Herbert Schnädelbach und Rolf Schieder
»Wozu Gott?«
 
Torsten Mayerhauser/Patrick Wöhrle
Gott als Basenpaar
Kritik der naturalistischen Religionskritik
 
Rudolf Speth
Werte und Mehrwert
Parteien als Glaubensgemeinschaften und Interessenvereinigungen
 
Der wahre Text: >Texbausteine für das 21. Jahrhundert<
Neue Berliner Sprachkritik
 
Katharina Liebsch
Versprechen und Verheißungen
Über religiöse Ökonomien und ökonomische Religion
 
Felix Ensslin
Am Signifikantentropf des Anderen
Zum Geschäft der Artikulation unbedingter Bedingtheit
 
Interview mit Navid Kermani
»Die Anmaßung des Lebens«
 
Martin Saar
Bildpolitik: >Die Moschee im Dorf<
 
Julie Miess
Mein halbes Jahr
>Musik<
 
Simon Rothöhler
Mein halbes Jahr
>Film<
 
Peter Siller
Mein halbes Jahr
>Literatur<



RELIQUIEN

 
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Who the fuck is Reiner?
Einem fanatischen Autogrammjäger auf der Spur
 
Gespräch mit Dirk v. Lowtzow und Rick McPhail
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SCHÖNHEITEN

 
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Amélie Nothombs Roman »Böses Mädchen«
 
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Schicksal, Gott, Fiktion
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Ralph Obermauer
Roundtable


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