Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #8: Unterm Strich



EDITORIAL

 
Peter Siller, Bertram Keller
Editorial



PRÄMIE

 
Kai Dröge/Sighard Neckel
Leistungsbilanzen
Ein Deutungsmuster verflüchtigt sich – und bleibt umkämpft
 
Ulrich Bröckling
Der Flaschensammler
Portrait eines Urban Entrepreneurs
 
Jan Wulf-Schnabel
Geschlechterkampf im Discounter
Was heißt lidlgerechte Leistung?
 
Jens Balzer
Endlos verlängertes Glück
Leistungsverweigerung in der Popmusik
 
Bertram Keller
Totes Geld
Zehn Thesen für ein neues Erbrecht
 
Carsten Köllmann
Lohn und Brot
Einkommensgerechtigkeit als Leistungsgerechtigkeit
 
Interview Alice Creischer
»Nicht-effiziente Visualisierung«
 
Anna-Catherina Gebbers
Malen nach Zahlen
Wertsysteme und Leistungsverständnis auf dem Kunstmarkt
 
Der wahre Text: >Leistungsprämie<
 
 

Ina Kerner

Leben im Kapitalismus: >Allez allez allez!<


Als Mädchen hab ich mit einem roten Schultheiss Teufel trainiert. Der war schon in der Grundschule in meiner Klasse. Während der Saison brachte er montags die Schleifen, Kränze und Pokale mit, die er am Wochenende gewonnenen hatte. Der Lehrer zeigte sie dann allen vor und Andi, der schon als Kind sehr sprintstark war, lächelte. Später wurde er Profi, fuhr jahrelang erfolgreich Straßen- und Bahnrennen und fing sich in der Berichterstattung der Berliner Sixdays irgendwann den Spitznamen »roter Schultheiss Teufel« ein. Was ihm vermutlich egal ist. Vor ein paar Jahren stand auf seiner Homepage in der Rubrik »Warum Radsport«: »Weil es die härteste Sportart ist.« Und bei »Motto«: »Was immer du tust, mach’ es zu 100 Prozent.« Mit so einer Einstellung kommt man weit als Rennfahrer, wenn dazu noch die physische Konstitution stimmt. Die allerdings fällt selten vom Himmel, genauso wenig wie beißen zu können. Auch die talentierteste Leistungssportlerin muss trainieren: Und zwar nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. 

Wenn man mal was von »Disziplinarmacht« gehört hat, weiß man, dass beides zusammenhängt. Wobei sich die Kinder und Jugendlichen im Sport meist selbst disziplinieren – es sei denn, sie haben ehrgeizige Eltern. So wie Thomas, ein anderer der vielen Jungs in meinem Radsportverein. Von dem hieß es, sein Vater schlage ihn mit der Luftpumpe, wenn er schlecht gefahren sei. Thomas hörte allerdings mit 16 oder 17 auf und genoss ab da ein normales Schülerleben – am Wochenende ging er auf Feten und besoff sich. Das war, als Andi, der schon immer mit vollem Einsatz fuhr, zum Kaderfahrer geworden war und über eine Profilizenz nachdachte. 

In diesen Jahren hatten wir im Sommer dreimal die Woche Training, im Winter vier bis fünf. Jeder gefahrene Kilometer kam ins Trainingsbuch. Eine ehemalige Siebenkämpferin hat mir erzählt, in ihren eigenen Trainingsheften habe sie neben den absolvierten Trainingseinheiten auch ihr Gewicht und ihren Pulsschlag notiert – und daraus dann Tabellen und Diagramme gemacht. Damals war sie zwölf und ihr Trainer nahm die talentierteren seiner Zöglinge regelmäßig beiseite und befragte sie nach ihren Lebenszielen. Freundschaft und Erfolg, habe er gesagt, sei nicht drin – da müsse man sich entscheiden.

So schlimm war es bei uns dann auch wieder nicht. Vielleicht, weil wir den Job selbst erledigten. Ich zumindest hab als Mädchen neben dem Trainingsbuch auch ein Tagebuch geführt. Darin stehen seitenlange Beschwörungen zur Selbstdisziplin. Mehr trainieren, schneller fahren, weniger essen, Schüchternheit überwinden. Dass sich die Selbstführung, die man als Leistungssportlerin einübt, auf alle Bereiche des Lebens erstreckt, hatte ich offenbar schon als Jugendliche begriffen. Und da zählte der Einsatz fast mehr als das Ergebnis – 100 Prozent kämpfen war wichtiger als siegen. (Wir haben übrigens nicht gedopt – wenn man von ein paar inhalierten Tropfen Minzöl kurz vor dem Rennen absieht. Unser Trainer empfahl ein Steak vor dem Start… man fuhr damals aber auch noch in Trikots aus Wolle, flickte plattgefahrene Schlauchreifen und hatte echte Sitzleder in der Radhose.) Die frühere Siebenkämpferin spricht in dem Zusammenhang gern von der olympischen Idee – wobei es allerdings immer darauf ankam, dass man nicht nur dabei war, sondern beim Dabeisein auch alles gab.

Bei meinem allerersten Straßenrennen, Körper und Geist waren noch relativ untrainiert, hab ich dieses Gebot verletzt. Beim Start kam ich nicht in die Pedalhaken, das Feld fuhr davon, und ich dachte: Naja gut, das war’s. Bin dann mit hohem Lenker – im Rennen fasst man den unten! – in mir angenehmem Tempo weitergefahren… und verstand nicht, warum mich ein paar meinem Verein verbundene Funktionäre mehr anschrien als anfeuerten, so ginge das nicht. Ehrlich gesagt war das Widerstand wider Willen. Aber er zeigte, dass bummeln subversiv sein kann. Und das gilt wohl im Leistungssport genauso wie in den anderen Sphären des Kapitalismus. 




PHANTOM

 
Stefan Gosepath
Anstrengung und Markt
Der Widerspruch der Leistungsgerechtigkeit
 
Ist es links? >Leistungsgerechtigkeit<
 
Ralf Obermauer
Minderleister der Legitimation
Die rätselhafte Kraft der Leistungsrede in der politischen Arena
 
Walter Pfannkuche
Jenseits von Neid und Habgier
Wie wir uns überzeugen können, dass wir verdienen, was wir verdienen
 
Michael Miebach
Schwitzen und Denken
Die Notwendigkeit eines positiven Leistungsbegriffs für die SPD
 
Christian Neuhäuser
Gestatten: Elite?
Eine Inspektion der Leistungsmisere
 
Patrick Bahners
Haltung muss sich wieder lohnen
Guttenberg im Wahlkampf
 
Interview Martin Lindner
»Das gehört tatsächlich alles dazu«
 
Claus-Martin Gaul
Die Linke und die Leistungsträger
Oppositionspolitik in der Umverteilungsfalle
 
Hannes Grassegger/Lukas Rühli
Leistung oder Marktwert?
Wir jagen ein Phantom
 
Michael Hartmann
Die Auserwählten
Auswahlverfahren an amerikanischen Elite-Universitäten
 
Franziska Stoltze/Lucas Guttenberg/Sebastian Kraus
Am Rande des Wahnsinns
Vom Leistungsbegriff an sogenannten Elite-Hochschulen
 
Christoph Raiser
Mein halbes Jahr: >Musik<
Le Chevalier de Rinchy – AU – Girl Talk
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr: >Film<
Defamation – A serious Man – Up in the Air – Scarlett Street – Zweiohrküken
 
Alban Lefranc
Mein halbes Jahr: >Literatur<
Samuel Beckett – Alfred Döblin – Olivier Le Lay



PILLE

 
Thomas Biebricher
Mit Gott kann ich alles erreichen
Religion als Technik der Leistungssteigerung
 
Michael Gamper
Agenten des Unauffälligen
Zur Genealogie der Dopingmoral
 
Greta Wagner
Leistung aus Leidenschaft
Zum sozialen Umgang mit Cognitive Enhancement
 
Ilja Braun
Schleichende Enteignung?
Zum Schutz journalistischer und verlegerischer Leistung
 
Urich Bröckling
Sinncontainer: >Exzellenz<
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Karthago/Hallo Rom: >Mangelwirtschaft<
 
Martin Saar
Bildpolitik: >Leistungsgrenze<



SCHÖNHEITEN

 
Judith Karcher
Die Wette
Desperado: Tarantino als Seher der Finanzkrise
 
Anna Sailer
Unterm Strich
Werbende Antworten bei der Postbank: Fragen bei Agota Kristof
 
Johannes Kleinbeck
Tanz auf dem Seil
Was soll ich sagen? Werner Herzogs Lebenszeichen
 
Christoph Raiser
Ausrutscher
Höchstleistung ohne Arbeit: Gaston Lagaffe von André Franquin
 
Michael Eggers
Das Boot
Großtat mit Tortenschlacht: Sloterdijk, aufgespießt vom pathos transport Theater
 
Franziska Schottmann
Der Zeuge
Die Wiederkehr des Verdrängten: La Sentinelle von Arnaud Desplechin
 
Kendra Briken
Metropole im Kopf
Woher Du kommst: Stephan Thomes Roman Grenzgang
 
Tim Caspar Boehme
Remmidemmi
Spaßhaben als Leistungsprinzip: Deichkind zur Arbeitsgesellschaft
 
Daniel Loick
Der traurige Souverän
Anarchistisches Manifest: Spike Jonzes Where the wild things are
 
Peter Siller/Stephan Ertner
Kein Zeigefinger, nirgends
Der Humanist des Punk: Farin Urlaub


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