Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






Liebe Leserin, Lieber Leser,


 wo immer wir fündig werden: unsere Ängste und Verletzungen suchen nach Bildern – um sie zu erkennen, sie zu bannen, ihnen entgegnen zu können. Grund genug, sich die Politiken der Drastik genauer anzuschauen. Drastik nicht verstanden als bloße Übertreibung, als stumpfe Provokation. Drastik verstanden als Technik der Sichtbarmachung.

Drastik, im Sinne des offenen Blicks, des genauen Hinsehens, kann ohne Zweifel eine aufklärerische Funktion wahrnehmen. Sie erzählt uns viel über das, was wir nicht sehen, nicht wissen wollen. Aber wie ist ihre Funktionsweise genau zu beschreiben? Und an welchem Punkt kippt die drastische Reaktion ins Reaktionäre?

Gleichzeitig zielen Sehnsüchte und Begehren auf Intensität, auf Heavyness. Deshalb ist es kein Wunder, dass die Kunst der Drastik nicht selten auf Langeweile fußt. Und so gehört es zur Kunst der Drastik, als Flucht aus der Langeweile nicht in der Abstumpfung zu landen.

Drastik als eine Strategie der Steigerung, der Zuspitzung, ist in der visuellen Gesellschaft zuerst eine Bildpolitik. Wie also funktioniert die Produktion von Drastik in der Massenkultur, in den Medien, in der Kunst? Welche Aufgaben nimmt sie dort wahr?

polar hat sich mit dieser Ausgabe die Zeit genommen, genauer auf das Krasse und Furchtbare zu schauen: Indem sie von Orten berichtet, die unsere Gesellschaft unsichtbar machen will, birgt Drastik Potenzial für Gesellschaftsanalyse und Entgegnung. Im Heftauftakt arbeitet Peter Siller in dreißig Versuchen eine Alternative zum Verständnis von Drastik als Übertreibung und Provokation heraus. Martin Saar verortet die gesellschaftskritische Relevanz von Drastik in ihrer affektiven Wirksamkeit, die sich wie ein Leitfaden durch die Analysen des Heftes zieht. Das darin liegende emanzipatorische Potenzial von Drastik als Präsenz fasst Thomas Melle als eine aktualisierte Version des Erhabenen. Anna-Catherina Gebbers untersucht den emanzipatorischen Aspekt drastischer Kunst als Erschütterung gängiger Wahrnehmungsformen, Denkkategorien und Bedeutungsstrukturen. Michael Jahn analysiert die Schlacht der Engel in Miltons Paradise Lost als Geburtstunde der Sinnlichkeit und als drastischen Akt der Selbsterfahrung. Im Gespräch zwischen Thomas Scheibitz und Bernd Heusinger wird das Kriterium der »Wirksamkeit« als Merkmal der Drastik kon­trovers diskutiert.

In ihrem Reisebericht von Haiti beschreibt Carolin Emcke das mediale Ungenügen und den moralischen Konflikt angesichts einer Wirklichkeit, welcher die eigene Erfahrung und das Vorstellungsvermögen nicht habhaft werden kann. Dagegen sieht Maja Bächler in der Darstellung von Folter im Film mit Zero Dark Thirty den Endpunkt eines Prozesses der Normalisierung und der Alltagstauglichkeit erreicht. Ulf Schmidt kontrastiert Dantes Göttliche Komödie mit der TV-Serie OZ als Hölleninferno auf Erden und als Begegnung mit der haltlosen Kontingenz von Gewalt. Aus bioethischer Sicht schlägt Oliver Müller eine Brücke von den neuen ontologischen und anthropologischen Herausforderungen, welche durch den Hirntod und die moderne Biomedizin an die Unterscheidung von Leben und Tod gestellt werden, zu dem Aufkommen des Zombies. In Anlehnung an Dietmar Dath fragt Esteban Sanchino Martinez, inwieweit der Begriff der Drastik generell ein Analysepotenzial für die Populärkultur birgt. Und Jan Engelmann und Arnd Pollmann nehmen im Gespräch die Bedeutung von Drastik für die Unterhaltungsindustrie auf. Aus filmischer Perspektive erläutert Ekkehard Knörer, wie Harmony Korines Kino der Urteilsenthaltung zu einer Ästhetik des Drastischen gelangt und Quentin Tarantio sich in Ironie verfängt. Marcus Stiglegger beschreibt das Genrekino Dario Argentos als performatives Kino der Sensation. Die Wirkmächtigkeit des Bildes untersucht Joanna Barck am Beispiel des traditionellen Acheiropoieton als eine Drastik der Präsenz und Jörg Templer wirft einen Blick auf die Kunstgeschichte um 1800.

Die Mikroerzählungen auf den Keramikfliesen von Nadira Husain, die in der ersten Farbstrecke zu sehen sind, springen den Betrachter durch krasse Farben und Formen an. Eine ganz andere Form der Intensität entfaltet sich in der durchs Heft laufenden Serie von Michael Kunze »Was ist Metaphysik?«. Angelehnt an Lars von Triers Fernsehserie »Kingdom« entfaltet der Maler subtil die surreale Welt eines grotesken Irrenhauses. Eine ganz reale laute und zerstörerische Drastik zeigen die Bilder zweier Kunstaktionen im hinteren Teil des Hefts. Paolo Chiasera errichtet eine monumentale Skulptur der italienischen Film-Ikone Pasolini, nur um sie dann spektakulär in die Luft zu sprengen. Und Santiago Sierra lässt die Buchstaben des schwedischen Wortes »Kapitalism« in 10 Ländern der Welt landesspezifisch erbauen und zerstören.

polar wagt in der 16. Ausgabe eine Expedition in die verschiedenen Sphären der Drastik: in Politik und Gesellschaft, in Musik und Literatur, in Film und Bildende Kunst – und nicht zuletzt in den Alltag. Ein Heft über das Furchtbare, Schmerzhafte und Angstvolle. Ein Heft über die Politik der Sichtbarmachung und die Kunst des Zeigens und Entgegnens. Dabei fragen wir auch: Wann wird Drastik zur Masche, zur bloßen Koketterie? Vor welchen Bildern sollten wir uns schützen? Denn es stimmt ja auch: Wir werden verletzt durch das, was wir sehen.

polar wünscht einen krassen Film und kristallklare Erkenntnisse!

Für die Redaktion
Peter Siller, Bertram Lomfeld



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