Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






Liebe Leserin, Lieber Leser,


 die Welt um uns scheint aus den Fugen geraten. Wir sehen entsetzt wie identitärer Populismus und Nationalismus wachsen, wie die grundlegenden Werte von Pluralismus und Demokratie unter Druck geraten. Doch obgleich die verschiedenen Phänomene wortreich beschrieben werden, müssen wir besser verstehen, was in unseren und anderen Gesellschaften vor sich geht. Ein Schlüssel dafür, besser zu verstehen, liegt in einer neuen Auseinandersetzung mit dem Zustand und der Zukunft der Öffentlichkeit. Öffentlichkeit verstanden als die Räume, in denen Unterschiede aufeinandertreffen können, anstatt sich in Blasen zu separieren.

polar befasst sich in der vorliegenden Ausgabe mit der Zukunft der »öffentlichen Räume«. Wir verstehen das Heft als Aufruf zur Reflexion und Wiederentdeckung einer entscheidenden Kategorie des Sozialen und der Demokratie. Wo trifft sich das Noch-nicht-Geteilte und -Gefilterte?

Eine neue Befassung mit dem »Öffentlichen« muss die Augen aufmachen für die digitale Entwicklung des öffentlichen Raums, ihre Öffnungen und Schließungen. Nicht erst im digitalen Zeitalter gilt: »Die« Öffentlichkeit besteht aus vielen unterschiedlichen Teilöffentlichkeiten, in denen Gesellschaft aufeinandertrifft. Jede Eckkneipe und jede Lokalzeitung sind und waren Teil davon. Gleichzeitig erleben wir im digitalen Raum, wie die Filter Bubble der Algorithmen bestimmt, was wir finden. Der Kampf um die die Rückgewinnung von Öffentlichkeit wird sich insbesondere in der digitalen Sphäre abspielen.

Eine neue Befassung mit dem »Öffentlichen« stößt auf die Frage nach dem Verhältnis von nationalen Öffentlichkeiten, an die wieder starke Steuerungsvorstellungen geknüpft werden, und globaler Entgrenzung, die nach der Herausbildung supranationalen Öffentlichkeiten verlangt. Wie steht es um den Zustand der europäischen Öffentlichkeit und was können wir für ihre Stärkung tun?

Hinzu kommt eine massive Gefährdung analoger Räume, die bislang der öffentlichen Begegnung dienten. Die soziale Schließung von Kitas und Schulen setzt sich fort in den Räumen, in denen wir als Erwachsene zusammenleben – von den Arbeitszusammenhängen bis zu den Kultureinrichtungen. Wie kann es gelingen, die gemeinsamen Räume gegen das Auseinanderdriften der Schichten und Milieus zu bestärken?

polar fragt nach Zustand und Bedeutung des öffentlichen Raums: In ihrem Eingangstext plädiert Sabine Meier (S. 9) für den Erhalt öffentlicher Räume als Orte zweckfreier Kommunikation und der sozialen Inklusivität. Für Ole Meinefeld (S. 15) ist öffentlicher Raum ein Bereich, in dem Erfahrungen geteilt werden können. Heinz Bude (S. 23) befasst sich in seinem Beitrag für dem der Begriff der Inklusion und sieht in der Solidarität den Schlüsselbegriff einer Politik der Begegnung. Carlos Becker (S. 29) beschreibt den sozialen und demokratischen Wert des Privaten. Um den schillernden Begriff der Partizipation und die mit ihm verbundenen Hoffnungen geht es bei Darin Barney (S. 37). Das Ziel politischer Bildung sieht Thomas Krüger (S. 43) in der Handlungsfähigkeit und Subjektstärkung des Menschen. Christoph Raiser (S. 49) plädiert für europäische Narrationen, die den grenzüberschreitenden Austausch über gemeinsame Ziele ermöglichen. Im Beitrag von Moritz Hien (S. 53) geht es um die juristischen Grenzen des öffentlichen Raums und wie diese auch mittels Bierdosen-Flashmobs gegen eine schleichende Privatisierung verteidigt werden können. Ludger Schwarte (S. 145) beklagt ein unzureichendes Verständnis des Begriffs der Öffentlichkeit und fordert Differenzierung und eine neue Theorie demokratischer Öffentlichkeit.

Doch wie ist es um die digitalen Räume bestellt? Volker Gerhardt (S. 73) beschreibt in seinem Beitrag Fluch und Segen der digitalen Technik. Jan-Hinrik Schmidt (S. 80) widmet sich in seinem Text der Bedeutung des Internets für die Meinungsbildung und problematisiert eine Verschiebung hin zum Leben in der eigenen Blase. Das sieht Boris Fust (S.88) genauso und zieht die Schlussfolgerung, das Internet sei kein Ort mehr, an dem sich etwas erleben ließe – neu sei, dass man alles schon kenne. Joachim von Gottberg (S. 92) zeigt am konkreten Fall ein funktionierendes System der freiwilligen medialen Selbstkontrolle. Theresa Züger (S. 99) beschreibt – am Beispiel des Whistleblowing – wie die Vielschichtigkeit von Information und die Ambivalenz von Bedeutungen uns zeigen, dass es stets ein mühsames Unterfangen ist, sich der Wahrheit gewiss zu sein. Um Dauerhasser und Krieger an der Tastatur geht es im Beitrag von Christian Neuner-Dudenhofer (S.114). In Anbetracht der Tatsache, dass sich ein großer Teil des politischen und sozialen Diskurses zunehmend von der Straße in den virtuellen Raum verlagert, fragt Jennifer Vogelsang (S. 120) nach der Versammlungsfreiheit im Netz.

Und was macht die öffentliche Kunst? Am Beispiel von Wolfgang Herrendorfs Online-Tagebuch Arbeit und Struktur fragt Maximilian Burk (S. 154) nach der Rolle von Authentizität für die Rezeption eines Textes. Verena Hepperle (S. 158) geht der These nach, zeitgenössische Schriftstellerinnen und Schriftsteller seien weniger politisch engagiert – und wiederlegt sie an Hand eines eindrücklichen Beispiels. Fiona Geuß (S. 165) schließlich beschreibt in ihrem Text den Wandel des Öffentlichkeitsverständnisses in der Kunst nach 1986 hin zu einer Kunstpraxis, die auf gemeinschaftlichem Handeln und dem gemeinsamen Gespräch aufbaut.

In der Hoffnung, dass Sie etwas finden konnten, was Sie nicht gesucht haben!

Für die Redaktion
Peter Siller, Bertram Lomfeld



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