Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






Liebe Leserin, Lieber Leser,


 in einer Vielzahl von Initiativen und Publikationen erleben wir gerade eine Renaissance der Suche nach alternativen Lebensformen. Selbst denken, Selbst handeln – so lautet die Parole gegen die institutionelle Politik – von der Share Ökonomie über die Commons-Debatte bis zu einem neuen Genossenschaftsgedanken. Gleichzeitig erleben wir von rechts, wie Lebensformen nicht nur gegen andere Menschen in Stellung gebracht werden – sondern auch gegen die Institutionen der Demokratie.

polar nimmt diese Phänomene zum Anlass, um Politiken der Lebensform kritisch zu befragen und sich mit dem Verhältnis des Politischen zum Privaten zu befassen. Die neue DIY-Mentalität ist ohne Zweifel auch einer Ungeduld gegenüber dem Staat und seinen Institutionen geschuldet. Doch die Verlagerung des Politischen ins Private hat ihren Preis. Politische Entscheidungen ziehen sich ins Gemeinschaftliche und Individuelle zurück, anstatt öffentlich ausgetragen und demokratisch entschieden zu werden. Politiken der Lebensform werden auch als Mittel der Milieu-Distinktion eingesetzt, man trägt nicht nur die besseren Klamotten, sondern hat auch noch die höhere Moral.

Was ist eigentlich eine Lebensform? Inwieweit ist sie Privatsache – und wo fängt eine Politik der Lebensform an? Inwiefern sind Lebensformen kritisierbar? Lässt sich über Lebensformen sagen, sie seien gut, geglückt oder rational? polar hat sich mit der vorliegenden Ausgabe auf die Suche gemacht und das Abenteuer nicht bereut.

Rahel Jaeggi versteht in ihrem Eröffnungsbeitrag Lebensformen als Reaktionen zur Lösung sozialer Probleme. Kulturelle Verschiedenheiten bilden so einen sozial unverzichtbaren experimentellen Pluralismus. Stefan Huster setzt dem eine liberale Ordnung entgegen, nach der zwar das Prinzip der Neutralität gelte, die aber von manchen Lebensformen mehr abverlange als von anderen. Peter Siller entwickelt demgegenüber unterschiedliche Sphären der Lebensform, die unterschiedliche Formen der Kritik nach sich ziehen. Dabei richtet er sich gegen einen Trend der Privatisierung des Politischen in Umkehrung der alten Formel, das Private sei politisch. Anna-Catharina Gebbers zeigt am Beispiel von Wagner, Beuys und Schlingensief auf, wie sich ein Leben als Gesamtkunstwerk als gesellschaftlicher Gegenentwurf lesen lässt. Was Künstler ins Extrem treiben, findet aber im Kleinem bei jedem von uns statt. Wir probieren uns aus. Wir suchen nach dem Leben, das uns entspricht. Thomas Schramme denkt über diese Suche anhand von Mills Idee der Lebensexperimente nach. Dass eine solche Suche nach dem guten Leben auch an einem »grausamen Optimismus« scheitern kann, zeigt Lauren Berlant.

Ängste vor dem Scheitern sind oft auch ein Grund, warum sich Menschen politisch nicht engagieren. Christian Neuner-Duttenhofer plädiert für mehr Mut zum Risiko im politischen Leben. Ein entscheidender Faktor der Lebensform ist dabei die Zeit. Das wirft unter anderem Fragen des Umgangs mit dem Altern auf, denen Stephan Lessenich nachgeht. Bevor wir ins Alter kommen, rennen wir meist der Zeit hinterher. Wolfgang Kaschuba beschreibt, wie unser Umgang mit Zeit die Lebensform prägt.

Alexandra Deak und Arnd Pollmann gehen dem exorzistischen Kult ums Essen genüsslich nach. Johanna Gonçalves Martin berichtet von der Geburtspraxis der Yanomami im amazonischen Regenwald. Ulrike Martiny beschreibt am Beispiel von Straßenreinigern und Müllwerkern, wie kleine alltägliche Dinge und familiäre Beziehungen Selbstbilder prägen. Tatjana Hörnle untersucht am Beispiel des Niqab die rechtlichen Grenzen von religiösen Lebensformen. Michael Eggers stellt sich der Frage, welche Form der Kritik uns die Literatur empfiehlt.

Dass jede Kritik normativer Lebensformen eine politische Angelegenheit ist, führt uns Julia Roth vor. Einen Ausstellungsort bestimmter Lebensformen besucht Kerstin Carlstedt im Sozialkaufhaus Hamburg. Christian Berkes kritisiert den neuen »Plattformkapitalismus« am Beispiel von »Airbnb«, der größten Vermittlungsplattform privater Reiseunterkünfte.

Dass jede Kritik normativer Lebensformen eine politische Angelegenheit ist, führt uns Julia Roth vor. Einen Ausstellungsort bestimmter Lebensformen besucht Kerstin Carlstedt im Sozialkaufhaus Hamburg. Christian Berkes kritisiert den neuen »Plattformkapitalismus« am Beispiel von »Airbnb«, der größten Vermittlungsplattform privater Reiseunterkünfte.

Einen theoretischen Unterbau für eine Selbstreflexion unserer Selbstentwürfe liefert Christoph Menke. Das Paradoxe seiner Lesart von Selbstbestimmung ist dabei, dass Autonomie immer auf einen externen Akt der Befreiung angewiesen bleibt . Die Gleichzeitigkeit von Autonomie und selbstvergessender Hingabe reflektiert schließlich Viktor Tóth in seiner Selbstbetrachtung über Techno als Lebensform.

Künstlerisch begleitet uns Marlene Hausegger durch die Zimmer ihrer Installation »Behind the Wall«. Die Auswirkungen unserer Art zu Leben auf die Umwelt thematisiert Jürgen Dreschers Installation »Kapiert es«. Eine eigene künstlerische Lebensform haben Sonja Cvitkovic, Marianne Drouan, Birgit Megerle und Michaela Meise mit ihrem Performance-Kollektiv »Sappho« geschaffen. Nicht auf der Bühne, sondern im ländlichen Alltag testet das Projekt »The Land« neue Formen des Zusammenlebens aus.

 

Für die Redaktion
Peter Siller, Bertram Lomfeld



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