Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






Liebe Leserin, Lieber Leser,


 die explodierenden Staatsschulden sind im politischen Diskurs schon lange ein Thema. Lagen die Schulden von Bund, Ländern und Gemeinden 1950 in Deutschland noch bei schlappen 9 Milliarden Euro, so standen sie 2013 bei über 2 Billionen Euro. Die öffentlichen Haushalte haben entsprechend hohe Zinslasten zu tragen und sind in ihrer Handlungsfähigkeit massiv eingeschränkt.

Zu einem breiten gesellschaftlichen Thema wurden Schulden jedoch erst mit der Finanzkrise seit 2007, in der in mehreren Druckwellen deutlich wurde, wie Finanzmärkte und Finanzordnungen ganze Staaten an den Abgrund führen können. Parallel zu der fiskalischen und ökonomischen Krisengeschichte der letzten Jahre gibt es aber auch eine mentale Krisengeschichte, in der nach den moralischen und psychologischen Implikationen gefragt wird: Wer hat Schuld an den Schulden? Liegt in Schulden überhaupt eine Schuld? Es ist dieser Zusammenhang, der uns interessiert, und den wir zum Anlass nahmen, ein ganzes Heft dazu zu machen.

Offenbar gibt es in Deutschland eine besondere Angst vor dem Schuldenmachen – und das nicht nur im Schwäbischen. Was in anderen Sprachen deutlich unterschieden wird (etwa guilt und debt), liegt im deutschsprachigen Raum nah beieinander. Wer nicht zahlen kann, steht auch sozial tief in der Schuld. Wo also fängt die Schuldenmoral an? Wo hört sie auf?

Im Eröffnungstext würdigt Mark Schieritz die Bedeutung von Schulden für die moderne Wirtschaft als kreativen Schöpfungsakt. Er widerspricht der gängigen These, dass Schulden für die europäische Krise verantwortlich seien. RobertMisik nimmt es in seinem Text gleich mit dem nächsten Missverständnis auf und plädiert für eine höhere Inflation. Gerhard Schick beschreibt Schulden im Kern als Versprechen in die Zukunft. Wie im wahren Leben gibt es unterschiedliche Versprechen: es gibt die ernstgemeinten und die mit gekreuzten Fingern auf dem Rücken. Auf dem Markt der Versprechen wurden zu viele Wetten auf die Zukunft mit gekreuzten Fingern gemacht – nun müssen wir die faulen Kredite loswerden.Im Rahmen der Finanzkrise mit ihren krachenden Kursen und überhitzten Märkten geht Simon Derpmann dem mysteriösen Verschwinden von Geld auf den Grund. Wenn zu viel Geld auf einmal verschwindet, kommt gewöhnlich der Insolvenzverwalter und holt den Taschenrechner raus. Wie moralisch jedoch auch im Insolvenzrecht die Schulden beurteilt werden, beleuchtet Bertram Lomfeld und plädiert für ihre grundsätzliche Entmoralisierung. Dieser Aufforderung folgen Hedgefonds schon lange, die Schulden aufkaufen und mit ihnen Geschäfte machen. Ein respektables Geschäftsmodell, und zwar für beide Seiten, findet Christian Kopf.Frieder Vogelmann kann dem Kredit weniger Positives abgewinnen und beschreibt den Geldkredit als das entscheidende Instrument, das nachbarschaftliches Geben und Nehmen in quantifizierbare Schuld verwandelt. Die seltsame Doppelfunktion als rechtschaffender Sparer einerseits und höriger Verbraucher andererseits, der durch hedonistischen Konsum die Wirtschaft ankurbeln und dem Staat Gutes tun soll, beschreibt Alessandro Somma. Was es realpolitisch bedeutet, wenn der Staat sich dieser Doppelfunktion verweigert, in dem er seine Ausgaben durch eine Schuldenbremse vorab beschränkt, wird in vier Beiträgen unter der Rubrik »Ist es links?« kontrovers diskutiert.

Franz Kafka warnte uns, es gäbe nichts Unsinnigeres als die ernsthafte Verhandlung von Schuldfragen. Trotzdem bricht Joseph Vogl in seinem Interview eine Lanze für die Schulden: Ohne Schuldverhältnisse gäbe es keine tragischen und komischen Helden. Stefan Gosepath fragt sich im Anschluss, was wir eigentlich kommenden Generationen schulden. Daniel Markovits berichtet, dass sich in den USA die emanzipatorischen Anfänge des Leistungsgedankens in ihr Gegenteil verkehrt haben, in dem sich immer mehr Reichtum in immer weniger Händen konzentriert.Woody Allens tragische Helden, die schuldlos schuldig werden, führen Arnd Pollmann zu dem Rätsel, ob Leben heißt, sich unweigerlich schuldig zu machen. Noch komplizierter wird die moralische und rechtliche Frage nach Schuld und Verantwortung, wenn wir immer mehr Entscheidungen in unserem Leben der künstlichen Intelligenz überlassen. Ob uns das Theater bei diesen Fragen weiterhelfen kann, ist angesichts der von Bernd Stegemann diagnostizierten Selbstlähmung fraglich. Ulf Schmidt liefert mit seinem Theaterstück jedoch sogleich einen Gegenbeweis.Christina von Braun beschreibt angesichts der theologischen Vermengung von Schuld und Schulden den engen Zusammenhang von Ökonomie und Religion. Das kratzt an der üblichen Unterscheidung, dass die Religion in den Bereich des Transzendenten gehöre, Geld hingegen rational und weltimmanent sei. Eigene Perspektiven auf den Zusammenhang von »Schuld und Schulden« finden sich in den künstlerischen Positionen von Nis-Momme Stockmann sowie von YevgeniaBelorusets, Michaela Meise, Dan Perjovchi und Andreas Siekmann.Du hast alles schon gewusst und trotzdem keine Schuld! (Turbostaat)

Für die Redaktion
Peter Siller, Bertram Lomfeld



nach oben