Das Online-Magazin zur Zeitschrift | HALBJAHRESMAGAZIN polar






polar #13: Aufstand




EDITORIAL

 
Editorial
Peter Siller, Bertram Keller



AUSGEBLIEBEN

 
Sebastian Dörfler
An die Arbeit
Warum sich Bartleby selbst abschaffen müsste
 
Micha Brumlik
Aufstand nach Nirgendwo
Vom Missverständnis des Politischen
 
Thomas Biebricher/Marina Martinez Mateo
Die Paradoxie des Intellektuellen
Wissenschaft und öffentliche Intervention
 
Interview Jodi Dean
»Endlich wieder ›wir‹ sagen«
 
Julian Bank
Goliath stolpert, David schläft
Aufstand, soziale Bewegungen und Zeitlichkeit
 
Petra Hauffe/Judith Karcher
Der ausbleibende Aufstand
Von der selbstverschuldeten Unmündigkeit in der Finanzkrise
 
Tobias Peter
Nutzlos, sich zu erheben?
Über parasitären Widerstand
 
Arnd Pollmann/Thomas Biebricher/Stefan Huster/Peter Siller
Ist es links? >Negation<
 
Ina Kerner
Leben im Kapitalismus: >Terror, Chillen, Herrenschneider<



AUSGELÖST

 
Tasos Telloglou
Die Gerechtigkeitslücke
Revolte gegen das Ende eines geliehenen Lebens
 
Stephan Rosiny
Eiszeit der Diktaturen
Der Aufstand im »Arabischen Frühling«
 
 

Hany Darwish

Der Verrat

Ägypten nach der Revolution: Ein Bericht aus Kairo


55 Millionen Ägypter durften im Juni zum ersten Mal einen Präsidenten wählen, und dennoch spricht aus ihren Gesichtern allenthalben Bedrückung. Eineinhalb Jahre nach einer Revolution, die die Welt begeistert hat, war einem, als höre man Ex-Präsident Mubarak in seiner Zelle laut auflachen und seinen berühmten Satz rufen: »Ich oder das Chaos!« Die beiden übriggebliebenen Kandidaten für das höchste Amt im Staate waren ein Produkt eben jener Politik, die die Revolution zu Fall bringen wollte: Ein alter tyrannischer Sicherheitsstaat mit zivilem Anstrich hier und ein neuer tyrannischer Religionsstaat dort traten gegeneinander an. Gerade so, als ob über tausend Tote und zehntausende Gefangene und Verwundete kein angemessener Preis für die Freiheit gewesen seien.

Die überwältigenden achtzehn Tage vom Tahrir-Platz waren ein Traum. Doch es scheint, als hätte die Revolution mit den eindrucksvollen Szenen des Massenprotests ihren symbolischen Wert bereits aufgebraucht. Die müde gewordenen Massen konnten ihre revolutionäre Forderung nicht ausreichend verankern, und so löste das kurze Statement von Geheimdienstchef Omar Suleiman, in dem er die Machtübergabe von Mubarak an seine Militärs verkündete, Jubel bei den Massen aus und bewog sie, wieder nach Hause zu gehen. Aber sie hatten nicht recht auf seine Worte geachtet. Diese legitimierten einen Militärputsch, der sich seinerseits einen gesetzlichen Status gab und die Revolution zu einem juristischen Labyrinth deformierte.

Hinter den Kulissen
Hatten sich die Massen einem verfrühten Siegesgefühl hingegeben? Oder wären sie bereit gewesen, den Preis auch unter den Ketten ägyptischer Militärpanzer zu zahlen? Tatsächlich hätte bis zum 12. Februar 2011 niemand geglaubt, die Armee würde ein Komplott zur Machtübernahme vorbereiten. Die Armee war in der Vorstellungswelt der Ägypter, selbst der Elite unter ihnen, eine patriotische Streitmacht, die vor 60 Jahren die Unabhängigkeit erstritten und die Identitätskriege mit Israel geführt hatte. Sie war eine Volksarmee mit allgemeiner Wehrpflicht. Daher konnten die Protestierenden vom Tahrir-Platz kaum mitansehen, dass Panzerfahrzeuge der Armee von Revolutionären in Brand gesetzt wurden, als am 28. Januar das Innenministerium gestürmt wurde. Die Tränen einiger Soldaten, die sich geweigert hatten, auf Demonstranten zu schießen, genügten als Beweis dafür, dass diese Armee auf Seiten des Volkes stand. Nur wenige wussten, dass führende Köpfe von Armee und Geheimdienst hinter den Kulissen den Islamistenchefs auftrugen, den Sturm abzufedern und die amorphe Masse der am Tahrir Demonstrierenden nach Hause zu schicken. Mubarak hatte immerhin Zugeständnisse in Aussicht gestellt. Die Anonymität der Masse, die von keinem politischen Anführer gesteuert wurde, war in den ersten Tagen ein Erfolgsfaktor für die Revolution. In allen späteren Phasen trug sie zu ihrer Niederlage bei. [...]


 
Naji al-Baghuri
Am Rande des Abgrunds
Der Wandel Tunesiens: Ein Bericht aus Tunis
 
Michael Lidauer
Revolution von oben?
Myanmar auf Reformkurs
 
Felix Lutz
Zwischen Tea Party und Occupy
Der aufbruchslose Aufstand in den USA
 
Eddie Hartmann
Moralische Auszeit und soziale Revolte
Die gewaltsamen Aufstände in Frankreich und Großbritannien
 
Maja Bächler
Take the Power Back
Aufstände als Kommunikation
 
Kai van Eikels
Der angekommene Aufstand
Etwas zur politischen Bewegung, etwas zur Theorie
 
Markus Dressel
»Lasst uns auch lernen zu regieren«
Der 4. November ’89 und die List der Geschichte
 
Susann Neuenfeldt/Simon Strick
Hallo Rom/Hallo Karthago: >Keiner liegt allein<
 
Marie Schmidt
Mein Halbes Jahr: >Literatur<
Shakespeare – Malabou – Thoreau
 
Christoph Raiser
Mein halbes Jahr: >Musik<
Le Tigre – Codeine – Deichkind
 
Matthias Dell
Mein halbes Jahr: >Film<
Die Tribute von Panem – The Hunger Games – Wir kaufen einen Zoo
 
Anna-Catharina Gebbers
Die Revolution sind wir
Von ein paar Kunstwerken, die Aufstände auslösten



GEPROBT

 
Diedrich Diederichsen
Der Imperativ des Authentischen
»Erfinde Dich halt- und bodenlos neu und verkörpere das so, als wäre das immer schon Deine Natur gewesen!«
 
Nicklas Baschek
Lieber peinlich als authentisch
Occupy und der gemeine Hipster
 
Nikolaus Müller-Schöll
Der geprobte Aufstand
Farce, Spaziergang, Hunger-Show
 
Martin Saar
Bildpolitik: >Ein Nein aus fünf Fingern<



SCHÖNHEITEN

 
Kristin Amme/Silvan Pollozek
Hörbare Revolution
Jeder darf mitspielen: Das Kunstprojekt #tweetscapes
 
Christoph Raiser
Der Protest der Mathematiker
Gegen eine öffentliche Praxis des privaten Profits: Das Manifest The Cost of Knowledge
 
Luisa Banki
Immer weiter
Operationen am offenen Leben: Philipp Schönthalers Erzählband Nach oben ist das Leben offen
 
Thomas Biebricher
Müdes Blinzeln
Eine scharfsinnige Diagnose vom Mittelmaß: José Ortega y Gassets Der Aufstand der Massen
 
Anna-Catharina Gebbers
Nicht eins sein
Zwei Generationen Protest: Alex Martinis Roe untersucht Genealogien
 
Franziska Humphreys
Wählt Nein
Referendum 1988: Pablo Larraíns No
 
Daniel Mützel
Occupy ist nicht
Die Kunst, mehrere Dinge auf einmal zu sehen: Das Occupy Biennale Projekt
 
Anna Sailer
Unter einem Banner?
Gegen die Geschlossenheit des Wir: Slatan Dudows Kuhle Wampe
 
Arnd Pollmann
Bloß keinen Aufstand
In der Arena der Unmündigkeit: Kant meets Kubrick
 
Julia Roth
Ausblendung
Dekolonisierung und die Dialektik: Susan Buck-Morss Hegel und Haiti


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